Bergbahn für Freerider Das Geheimnis des Gaustatoppen

Das Freerider-Paradies liegt auf dem höchsten Berg der Telemark. Doch der Aufstieg ist schweißtreibend - auch für Kjetil Lindblad. Dann kam der Skiprofi einer geheimen Seilbahn im Inneren des Gaustatoppen auf die Spur.

C. Schrahe/ SRT

Kjetil Lindblad war diesen majestätischen Berg, der aussieht wie ein Vulkan mit gestutztem Kegel, schon oft hinaufgestiegen. Am 1883 Meter hohen Gipfel hatte er kurz den Blick genossen - von dort soll man ein Sechstel Norwegens sehen können. Dann arretierte er seine Bindungen und sprang über eine gewaltige Wechte in eine der bis zu 45 Grad steilen Rinnen in der Ostflanke des Gaustatoppen.

Für den professionellen Freerider boten diese sogenannten Couloirs auf der Vorderseite des Berges ein ideales Trainingsrevier. Mehr als zwei Abfahrten pro Tag waren aber selbst für den durchtrainierten Lindblad nicht zu machen, denn zuvor musste er die rund 900 Höhenmeter bis zum Startpunkt aus eigener Kraft überwinden.

Was Lindblad damals nicht wusste: Unter seinen Füßen, im Berg, lagen die Schienen einer unterirdischen Seilbahn. 1953 wurde sie zunächst aus touristischen Erwägungen geplant, während des Kalten Krieges übernahm allerdings die norwegische Armee das Projekt. Riesige Kavernen trieb sie in die Felsen. Über die Bahn konnte eine Gipfelstation versorgt werden, die die Nato später als idealen Standort für Sendeanlagen nutzte. Die Seilbahn bot Sicherheit vor dem extremen Wetter - außerdem hätten ihr im Konfliktfall selbst starke Bomben nichts anhaben können.

Eine verständliche Erwägung, denn als die Bahn gebaut wurde, lagen die Luftangriffe auf das Kraftwerk Vemork am Fuß des Gaustatoppen erst gut zehn Jahre zurück. Dort hatten die Nazis schweres Wasser produziert, einen Grundstoff für die Atombombe, nach der sie genauso trachteten wie die Alliierten. Zwar baute die Wehrmacht das Kraftwerk nach dem Angriff wieder auf, das Rennen um die Bombe war aber verloren.

"Er läuft nicht hoch"

Das Wissen um die Bahn im Berg ging im Laufe der Jahrzehnte ebenfalls verloren - oder fast. Eines Tages steckte ein Freund Kjetil Lindblad eine Telefonnummer zu: "Der Typ wartet die Telekommunikationsanlagen am Berg, und ich sage dir: Er läuft nicht jeden Morgen hoch. Könnte interessant für dich sein."

Mit einem Schlag wurde Lindblad klar, welche Bedeutung das kreisrunde Gebäude oberhalb der Passstraße nach Tuddal hatte, an dem er schon so oft vorbeigespurt war und über dessen Funktion er so oft gerätselt hatte: Es war eine Talstation.

Genau dort begrüßt Kjetil Lindblad seine Skifahrlehrlinge an einem sonnigen Aprilmorgen. Sein Lächeln macht sofort klar, wie es ihm gelingen konnte, den Mitarbeiter der norwegischen Telekom davon zu überzeugen, ihn morgens mit an seinen Arbeitsplatz zu nehmen. "Von da an war mein Training um einiges leichter", sagt er und erinnert sich an seine ersten Fahrten mit der Gaustabanen.

Heute kommt man auch ohne Beziehungen per Bahn auf den Berg. Seit 2010 ist sie uneingeschränkt für Touristen zugänglich - umgerechnet 36,80 Euro kostet die Fahrt. Eine schwere Stahltür im Untergeschoss der Talstation führt in einen kurzen Tunnel. Dort wartet eine batteriegetriebene Kleinbahn, Ski und Stöcke werden im offenen Anhänger verstaut.

Dann rattert die Bahn durch einen grob ausgehauenen Stollen 850 Meter in den Berg hinein. Dort steigen Skifahrer um in eine blaue Standseilbahn, die mit 40 Grad Steigung durch einen Schrägstollen 650 Höhenmeter überwindet. Sieben Minuten dauert die steile Fahrt. Das Material kommt in eine an die Rückseite des Waggons montierte Lade.

Blauer Himmel nach dem Schneesturm

Oben angekommen, bilden die Passagiere auf der steilen Treppe eine Kette und reichen die Ski von unten nach oben durch. Ganze zehn Fahrgäste kann die Gaustabanen pro Wagen transportieren, die Förderleistung beträgt 40 Personen pro Stunde.

Massentourismus ist daher trotz Seilbahn ein Fremdwort am Gaustatoppen. Massenhaft Schnee keineswegs. Zwar füllt der die tiefen Furchen im Gesicht des Berges erst Mitte Februar hoch genug. Dafür geht die Skisaison nicht vor Juni zu Ende. In genau dieser Zeit ist die Gaustabanen in Betrieb.

Nach dem kurzen Aufstieg von der Bergstation zum Gipfel sagt Kjetil, dass "nicht die Steilheit die Herausforderung darstellt, sondern die Schneebedingungen". Der Berg zieht Wolken und Stürme wie magisch an. Windgepresster Schnee kann die Abfahrt zur Tortur machen. Nicht so heute: Nach dem Schneesturm am Vortag ist es fast windstill, blauer Himmel spannt sich über das 360-Grad-Panorama - und unverspurter Pulverschnee wartet in den Couloirs auf erste Spuren.

Kurze Zeit später steht fest: Der Gaustatoppen sieht nicht nur großartig aus, er kann auch richtig glücklich machen.

Weitere Informationen
Gaustabanen
Die Gaustabanen (1150 bis 1800 Meter) ist an Wochenenden und Feiertagen von Mitte Februar bis Anfang Juni von 10 bis 17 Uhr für Skifahrer geöffnet. Die Bergfahrt kostet 350 NOK (36,80 Euro), Die gesamte Bahn kann von Gruppen wochentags für beliebig viele Fahrten für 15.000 NOK (1580 Euro) gemietet werden,
www.gaustabanen.no

Skigebiet
Das Skigebiet Gaustablikk bietet zwölf Lifte und 37 Kilometer Pisten zwischen 710 und 1260 Meter, Abfahrt vom Gaustatoppen ins Skigebiet möglich, Tageskarte 380 NOK (40 Euro), Saison bis Ende April
www.gaustablikk.no
Anreise
Mit der Autofähre Color Line täglich um 14 Uhr von Kiel nach Oslo, Ankunft in Oslo um 10 Uhr am nächsten Tag, Fahrtzeit nach Gaustablikk circa 2,5 Stunden.
www.colorline.de
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Christoph Schrahe / srt

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
MTBer 08.02.2016
1. Fast 37 Euro!
Fast 37 Euro für 650 Höhenmeter - das ist schon hart!
monolithos 08.02.2016
2. Schnäppchen
Zitat von MTBerFast 37 Euro für 650 Höhenmeter - das ist schon hart!
Das sind keine 6 Cent pro Meter. Felix Baumgartner hat für 38970 Meter fast 25 Millionen Euro "verbraucht", das sind über 640 Euro pro Meter, das ist das über 11000-fache.
srothe 08.02.2016
3. Abfahrt nur mit Guide!
Kleine Ergaenzung zum Artikel. Wer mit der Bahn hochfaehrt darf die Couloirs nur mit Guide abfahren. Ansonsten drohen empfindliche Strafen. Wer mit Fellen zu Fuss aufsteigt kann machen was er will. Hintergrund: durch die Bahn sind die Rinnen zu leicht erreichbar geworden und es hat Unfaelle gegeben, weil Anfaenger die Lawinen- und Steinschlaggefahr nicht richtig einschaetzen koennen. Macht aber mit Guide fast noch mehr Spass, und ist sicherer. Empfehlenswerter Aufenthaltsort: Hotel Gaustablick, mit atemberaubendem Blick auf die Rinnen und direktem Anschluss ans Skigebiet. Von der Seilbahnstation aus fuehrt uebrigens auch eine regulaere Piste herunter, man muss also nicht zwingend die Rinnen fahren.
Stäffelesrutscher 08.02.2016
4.
Zitat von MTBerFast 37 Euro für 650 Höhenmeter - das ist schon hart!
Das ist nicht viel teurer als der Fußgängertarif in den Alpenseilbahnen, der oft mehr kostet als der Tagesskipass.
MaxNichtmustermann 08.02.2016
5.
Zitat von monolithosDas sind keine 6 Cent pro Meter. Felix Baumgartner hat für 38970 Meter fast 25 Millionen Euro "verbraucht", das sind über 640 Euro pro Meter, das ist das über 11000-fache.
ahem, der hat aber beide Richtungen gemacht ;-)...
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