Südpfalz Wettlauf mit Wildschweinen

Herbstzeit in der südlichen Pfalz ist Kastanienzeit. "Keschde", wie der Pfälzer die Esskastanien nennt, sind allgegenwärtig: an Waldpfaden, zum Wein, in Stadtwappen und - in der Kunst.


Stachelpakete: "Keschde" sind beliebt bei Mensch und Schwein
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Stachelpakete: "Keschde" sind beliebt bei Mensch und Schwein

Neustadt/Weinstraße - Schon von weitem zu erkennen sind die Kastanienbäume am Haardtrand, dem Ausläufer des Pfälzer Waldes zur Rheinebene hin. Im Herbst, wenn sich die kleinen Stachelpakete öffnen und süße Früchte preisgeben, gehen in Deutschlands größtem zusammenhängenden Kastaniengürtel viele Wanderer nur mit einer Tüte zum Sammeln auf Tour. Dann wird im Wettlauf mit den Wildschweinen der Wald sprichwörtlich leer gefegt. Bei einer Reise vom Hambacher Schloss oberhalb von Neustadt an der Weinstraße bis zum Deutschen Weintor an der französischen Grenze bei Schweigen sind "Keschde", wie die Pfälzer die Esskastanien nennen, ein ständiger Begleiter.

Schon das Hambacher Schloss, weithin als "Deutschlands Wiege der Demokratie" bekannt, wurde anfangs einfach "Keschdeburg" - auf Hochdeutsch: Kastanienburg - genannt. Der Weg von Hambach, einem Ortsteil der Weinmetropole Neustadt, zur "Freiheitsstraße Nr. 0", der Hausadresse der "Schlossschänke", ist von Edelkastanien gesäumt. Castanea sativa, so der botanische Name, bstimmt seit fast 2000 Jahren das Landschaftsbild am Haardtrand. Früher wurden Kastanienpfähle zum Aufbinden der Reben verwendet und das Laub im Stall eingestreut. Die Früchte waren ein willkommener Wintervorrat. Wie im Tessin wird das Holz auch für Fenster, Treppen, Außenanlagen und Weinfässer genutzt.

Wo die Weinstraße beginnt: Das 18 Meter hohe "Deutsche Weintor" in Schweigen
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Wo die Weinstraße beginnt: Das 18 Meter hohe "Deutsche Weintor" in Schweigen

Der bayerische König Ludwig I. nannte die Pfalz, die beim Wiener Kongress 1815 Bayern zugeteilt worden war, die "schönste Quadratmeile meines Reiches". Ludwig ließ seine Sommerresidenz am Waldesrand bei Edenkoben inmitten von Kastanienhainen erbauen. Nahe der Villa führt eine Sesselbahn auf 550 Meter Höhe zur Ruine Rietburg. Auf der Fahrt schweift der Blick über "Keschdebääm", die Kastanienbäume.

Oben zeigen sich die zu Füßen liegenden Weindörfer und die Rheinebene mit Oden- und Schwarzwald in der Ferne. Im direkt unterhalb gelegenen Ort Rhodt hat sich Drechslermeister Werner Havekost niedergelassen. Faszinierend ist es, ihm mit seiner mehr als 50-jährigen Berufserfahrung auf die Finger zu schauen, die nur mit Drehbank, Meißel und Drehrohr auch aus Kastanienholz Filigranes fertigen.

Ein mildes Klima, weiche Hügel, Burgruinen und der weite Blick über Rebenhänge inspirierten viele Künstler. Auf einem ehemaligen Meierhof der Burg Neukastell oberhalb von Leinsweiler fühlte sich Max Slevogt von 1914 bis zu seinem Tod im Jahr 1932 heimisch. Wer den Blick von der Terrasse des Slevogthofes über die Reize der rheinischen Tiefebene kennt, versteht die Wahl. Der Herbst sei malerisch am kapriziösesten, meinte der Künstler. Eines der Bilder, die sich in den Wohnräumen mit ihren opulenten Wand- und Deckenfresken finden, zeigt Slevogts Frau Nini im Kastanienwald.

Kunstwerke aus Kastanienstämmen: Im Ort Rhodt verarbeitet Drechslermeister Wener Havekost das Holz aus dem Umland
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Kunstwerke aus Kastanienstämmen: Im Ort Rhodt verarbeitet Drechslermeister Wener Havekost das Holz aus dem Umland

Alles, was von Kastanien umgeben ist, wird in der Pfalz danach benannt, so auch eine der bekanntesten Weinlagen der südlichen Weinstraße, der Birkweiler Kastanienbusch. Ein "Pfälzer Keschdeweg" führt von Edenkoben über Annweiler tief in den von der Unesco zum Biosphärenreservat ausgerufenen Pfälzer Wald nach Hauenstein. Das Städtchen Annweiler mit seinen alten Gassen und Gerberhäusern versteht sich als Zentrum des ehemaligen Stauferreiches.

Denn nicht weit entfernt erhebt sich auf einem hohen Felsrücken die Reichsfeste Trifels. Fels, meterdicke Mauern und Schutzburgen im Umland machten sie uneinnehmbar. Vom Bergfried aus lässt sich die ehemalige Pfälzer Burgenherrlichkeit erahnen. Von rund 600 Burgen, die in vielen Kriegswirren geschleift wurden und der Bevölkerung als Steinbruch dienten, sind noch 47 Ruinen erhalten.

Im Grenzgebiet zum Elsass wurde viel zerstört. Von der Kurstadt Bad Bergzabern blieb im Zweiten Weltkrieg nur wenig übrig. Heute aber lässt es sich wieder schön über den Markt zum einstigen Schloss der Zweibrücker Herzöge spazieren, an stattlichen Patrizierhäusern entlang und vorbei am schönsten Renaissance-Gasthaus weit und breit.

Wiege der deutschen Demokratie: Das Hambacher Schloss hieß in der Pfalz früher "Keschdeburg"
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Wiege der deutschen Demokratie: Das Hambacher Schloss hieß in der Pfalz früher "Keschdeburg"

Um freies Schussfeld zum Feind zu haben, ließ die Wehrmacht die Fachwerkhäuser von Dörrenbach abreißen. Doch der Wein- und Waldort inmitten seiner Kastanienhaine zählt mittlerweile wieder zu den schönsten Dörfern an der Weinstraße. Zwei historische Bauten beherrschen die Fachwerkzier: die Bauernburg, ähnlich wie in Siebenbürgen mit Wehrkirche und befestigtem Friedhof ausgestattet, und das Renaissance-Rathaus, das im Wappen einen Kastanienbaum trägt.

Am Deutschen Weintor in Schweigen endet die Pfalz, aber nicht der sich entlang des Rheingrabens hinziehende Kastaniengürtel. Mit dem monumentalen Tor als Ausgangspunkt sollte die 1936 eröffnete, bis nach Bockenheim im Norden führende Weinstraße das Winzergeschäft beleben. Vom Aussichtsturm aus ist Wissembourg im Elsass zu sehen. Heute eine deutsch-französische Begegnungsstätte, kann in der Gaststätte des Torgebäudes wie überall an der südlichen Weinstraße zum Wein allerlei Lukullisches aus "Keschde" gekostet werden.

Von Heidemarie Pütz, gms



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