Südtirol im Herbst: Die goldene Mitte

Von Sabine Holzknecht

Sanftes Licht, buntes Laub - und erster Schnee auf den Gipfeln: Wie kaum in einer anderen Landschaft eignen sich Südtirols Berge für ausgiebige Wanderungen im Herbst. Abseits von Bus- und Törggeletourismus entdecken Wanderer stille Wege, große Panoramen und urige Gasthöfe.

Ehrlich gesagt ist es schon ein bisschen ungerecht, dass es Gegenden gibt, in denen einfach alles passt. Erstens die Landschaft – wunderschöne Berge und Täler, durchwoben von einer unerschöpflichen Vielzahl an Wanderwegen in sämtlichen Schwierigkeitsgraden. Zweitens das Klima – ungelogene 320 Sonnentage im Jahr mit einer dementsprechend reichen Vegetation. Drittens das kulturhistorische Umfeld – Burgen und idyllische Dörfer, sonnige Gastgärten, abwechslungsreiche Speise- und ebensolche Weinkarten.

Eine solche Gegend ist das Burggrafenamt, also die Gegend rund um Meran. Und während sich auf der Alpennordseite bereits erste Herbststürme und eine naßkalte Großwetterlage breit machen, scheint hier noch mild und verlockend die Sonne.

Das muss ausgenutzt werden. Den Freitag nehmen wir frei und brausen los. Vor Ort lässt das Wetter tatsächlich nichts zu wünschen übrig und lockt sofort zu einer Einstandstour. Wir wählen eine, die uns gleich hoch genug hinauf bringt, dass wirdas gesamte Gebiet überblicken können.

Der Korblift von Vellau stellt allerdings schon das erste Hindernis dar. Denn er startet direkt am Gasthaus Gasteiger, das eine nicht unwesentliche Anziehungskraft auf uns ausübt. Hier, auf 908 Metern Höhe, genießt man bereits einen phantastischen Blick auf das Tal und die Berge, aus der Küche duftet es verlockend und die Sonne scheint warm an die Terrasse unterm Haus.

Wir bleiben hart. Und werden es nicht bereuen. Der Korblift, ein Relikt aus den sechziger Jahren, bringt uns in luftiger Fahrt auf 1500 Meter hoch. Von hier sind es dann nur noch wenige Schritte zur idyllischen Leiteralm. Und hier startet der Hans-Frieden-Felsenweg.

Er ist Teil des Meraner Höhenwegs, der auf einer Länge von mehr als achtzig Kilometern die Texelgruppe umrundet und als einer der schönsten Höhenwege der Alpen gilt.

Wenn der Rest des Meraner Höhenwegs auch nur annähernd so schön ist wie der Hans-Frieden-Felsenweg, dann ist das kein bisschen gelogen und schon jetzt plant man, eines schönen Tages die teilweise hochalpine Tour das Meraner Höhenweges "zu machen", früher im Jahr, anders ausgerüstet, versprochen!

Wir wollen wandernd genießen

Gekringelt, gefaltet, gewunden wie eine Schlange zieht sich der schulterbreite Weg durch den Hang. Rechter Hand liegen Meran und das Burggrafenamt lieblich im Talboden, von dem warme Luft aufsteigt, auch jetzt noch, Mitte Oktober. Linker Hand türmt sich die felsige Flanke empor zur Mutspitze.

Gerade mal 150 Höhenmeter, noch dazu bergab, sind es zum Gasthof Steinegg. Auf einer solchen Strecke möchte man pausenlos schauen und kann sich doch nie satt sehen. Leicht unterhalb liegt der Gasthof Hochmuth, der auch Bergstation der Gondel von Dorf Tirol ist. Doch wir wollen wandernd genießen.

Es schließt sich der Vellauer Felsenweg an, der ebenso spektakulär, ebenso aussichtsreich, ebenso urig weiter bergab führt, diesmal allerdings die Bergflanke von Ost nach West kreuzend. Es geht direkt in die Nachmittagssonne hinein.

Der Weg ist teilweise ausgesetzt, aber immer bestens gesichert. In den Felsbuchten steht die warme Luft. Im Hochsommer muss es hier glühen, aber jetzt im Herbst ist man um jeden warmen Tag richtig dankbar. Die letzten Schritte führen durch goldgelbe Kastanienhaine zurück zum Parkplatz. Was für ein herrlicher Wochenend-Auftakt!

Hoch zum Haflinger Hochplateau

Stadt, Arbeit und Alltag sind längst vergessen. Tags darauf fahren wir die gegenüberliegende Bergseite empor, diesmal mit dem Auto, auf das Haflinger Hochplateau, eine beliebte Sommerfrische, auf der die Meraner den langen heißen Sommertagen im Tal entfliehen. Schattige Wälder und freie Almenflächen bedecken die sanft gewellte Landschaft. Ein ideales Wandergebiet, durch eine Vielzahl an Wegen gut erschlossen. Hier sind die Pfade breit genug, dass man ratschend nebeneinander spazieren kann.

Im Wald ist die Luft kühl und köstlich, die freien Almenwiesen geben herrliche Blicke auf die schon leicht schneebedeckten Gipfel der gewaltigen Texelgruppe und der imOsten hoch aufragenden Dolomiten frei. Hier ist auch die Heimat der Haflinger Pferde, jener gutmütigen und ausdauernden Pferderasse mit der blonden Mähne. Tatsächlich aber stammen die Haflinger aus dem Vinschgau:

Einem Bauern aus Schluderns war 1874 durch die Kreuzung einer Stute mit einem arabischen Halbbluthengst die Züchtung der neuen Rasse geglückt. Später wurden die Haflinger vor allem für den militärischen Einsatz im Hochgebirge gezüchtet. Doch das ist Gott sei Dank lange her. Heute dienen die netten Pferde ausschließlich dem Plaisir.

Der Haflinger Höhenweg, dem wir folgen, führt zu einer ganz und gar rätselhaften Stelle. Auf dem Plateau der Hohen Reisch, auf 2000 Metern, stehen an die 150 Steinmänner, die Stoanernen Mandln. Die Kelten sollen sie aufgebaut haben, erzählt die Forschung; Hexen sollen hier verbrannt worden sein, erzählt die Legende; in Schriften aus dem 16. Jahrhundert seien sie schon erwähnt, erzählt die Geschichte.

Wie auch immer, fest steht, dass nur wenige Südtiroler Höhen mit einem derart freien 360-Grad-Panorama aufwarten können. Von den Mandln ist es nicht weit bis zum Möltener Kaser, einem heimeligen Gasthof, der optimal für eine Mittag-Einkehr liegt. Hier wird man mit einem in Südtirol sehr geläufigen Problem konfrontiert: Auf der Sonnenterrasse sitzt es sich derart lauschig, dass man sich für den Weiterweg mühsam aufraffen muss. In einem weiten Bogen führt der Steig nun über die Leadner Alm zurück nach Hafling. Auch dieser Tag ließ nichts zu wünschen übrig.

Tagestour durch das Tisener Mittelgebirge

Für den nächsten Tag nehmen wir uns die gegenüber liegende Bergseite vor, das Tisener Mittelgebirge. Hier treffen sich auf einmalig schöne Weise Natur und Kultur. Weinberge und kleine, malerische Dörfer, viele Obstgärten und alte Kirchen, Schatten spendende Kastanienhaine und stolze Burgen, das Wetter spielt auch mit – die heutige Wanderung verspricht eine richtige Bilderbuchtour zu werden.

Vom Weinort Nals wandern wir zum hübschen Ort Tisens, auch diesmal auf alten Steigen mit geschichtsträchtigen Zeugnissen: archäologische Funde belegen, dass diese Hügel bereits in der Bronzezeit besiedelt waren, die Pfefferburg, die wir wenig später passieren, stammt aus dem 12., die Kapelle von St. Christoph aus dem 13. Jahrhundert.

Tisens selber liegt an der 2000 Jahre alten Via Claudia Augusta. Diesem Weg folgen wir nun durch Obstgärten zum beschaulichen Dorf Prissian. Hier stehen gleich drei Burgen, die Fahlburg – das Renaissanceschloss der Grafen Brandis –, die als Hotelbetrieb geführte Wehrburg und Schloss Katzenzungen, in dessen Garten die größte Weinrebe Europas wächst, die mindestens 300 Jahre alt sein soll.

Hinter Prissian tauchen wir ein in einen leuchtend gelben Laubwald. Unter unseren Füßen rascheln die Blätter, es duftet nach Herbst, stille Idylle liegt in der Luft. So vor uns hinträumend erreichen wir den Schmiedlwirt, einen herrlich urigen Gasthof. Einfache Bänke und Tische stehen auf der Wiese unter Nussbäumen, man genießt einen weiten Blick über das Bozner Becken bis tief hinein in die Dolomiten. 1308 wurde der Hof bereits urkundlich erwähnt, so steht es in der Speisekarte zu lesen.

Um 15 Uhr wird es schattig

Wir interessieren uns aktuell allerdings für andere Informationen: Was sollen wir essen? Vom Schmidlwirt aus führt der Weg aussichtsreich über Wiesen weiter zur Kapelle St. Jakob. Dass auch dieser Hügel bereits zu vorgeschichtlicher Zeit besiedelt gewesen sein soll, überrascht uns nicht mehr. Schließlich wussten auch schon unsere Vorfahren Schönes zu schätzen. In der Kirche selbst gibt es Fresken aus dem 12. Jahrhundert zu bewundern. Wenig später erreichen wir den idyllischen Kapellenhügel von Sankt Apollonia.

Diesmal lassen wir die Fresken Fresken sein und genießen einfach nur die phantastische Aussicht auf Rosengarten, Latemar und Schlern. Ein letztes Wegstück trennt uns von Nals, von unserem Auto und vom Ende dieses viel zu kurzen Wochenendes. Aber wir haben unsere Abschlusstour gut gewählt.

Denn an den Osthängen des Tisener Mittelgebirges verschwindet im Herbst die Sonne bereits um drei Uhr Nachmittags. Da fällt der Abschied von dieser begnadeten Landschaft etwas leichter.

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