Südtirol Winter auf der "Alm"

Nichts erinnert mehr an die Reality-Show "Die Alm": Die Zweitligisten-Stars sind längst in ihre Heimatstädte abgereist, Wiesen und Dreitausender von Schnee bedeckt - das Tauferer Ahrntal ist bereit für Carver, Langläufer, Eiskletterer, Rodler und andere Fans, die das idyllische kleine Tal zu schätzen wissen.


Tauferer Ahrntal: Skitourenläufer können die Zillertaler Alpen und die Ausläufer der Hohen Tauern erkunden
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Tauferer Ahrntal: Skitourenläufer können die Zillertaler Alpen und die Ausläufer der Hohen Tauern erkunden

Sand in Taufers - Es sind vor allem drei Dinge, die Wintersportler ins Tauferer Ahrntal in Südtirol locken. Erstens die Familienfreundlichkeit: In "Mini Ski Clubs" sind die Pistenzwerge schon ab zwei Jahren gut aufgehoben, auch sonst gibt es speziell für Kinder ein buntes Programm. Zweitens die Preise: Gemessen am Angebot braucht das 40 Kilometer lange Tal keinen Vergleich im Alpenraum zu scheuen. Und drittens die Zweisprachigkeit: Auf der sonnenverwöhnten Südseite der Alpen spricht jeder ebenso gut Deutsch wie Italienisch.

Das Tauferer Ahrntal, umrahmt von 80 Dreitausendern, liegt vor der eindrucksvollen Kulisse der Zillertaler Alpen und den Ausläufern der Hohen Tauern. In einer Höhe von 862 bis 2400 Metern verteilen sich 35 Kilometer Pisten auf die Skigebiete Klausberg und Speikboden. Langläufer ziehen auf fast 100 Kilometer Loipen ihre Spuren.

Um den Kuhglockenspieler Franz zu erleben, müssen Urlauber schon recht gut Ski fahren können. Denn seine Minibühne hat das Original mit dem Filzhut direkt an der steilen Rennstrecke "Hühnerspiel" im Gebiet Klausberg aufgebaut, die zu den schwersten im Tal zählt. An diesem Punkt angekommen, braucht man das tiefrote "Oxenblut" eigentlich gar nicht mehr zu trinken, das Franz nach einem Geheimrezept braut und zum Mutmachen anbietet - denn hier ist der schwerste Teil der zwei Kilometer langen Strecke schon bewältigt.

Ketten rasselnde Gespenster auf Burg Taufers

Ansonsten sind die Abfahrten der beiden Skigebiete nicht nur für Könner, sondern auch für Anfänger und Fortgeschrittene geeignet. Genuss-Skifahren lautet das Motto, mit vielen "Einkehrschwüngen" in Hütten wie "Gidi's Skihütte" auf dem Klausberg, wo Wirtin Gidi Hofer ein skurriles Almmuseum mit alten Skiern, Schlitten und Fundstücken eingerichtet hat. Ein Schneeparadies sind die Hänge auch für die Kinder, die - in gleichfarbigen Westen schon von weitem als Skikurs erkennbar - in Reih und Glied hinter ihrem Lehrer herzockeln.

Langläufer im Ahrntal: Alte Bauernhöfe und neue Berggipfel hinter jeder Biegung
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Langläufer im Ahrntal: Alte Bauernhöfe und neue Berggipfel hinter jeder Biegung

Zum Unterhaltungsangebot für die Kleinen gehört neben Brotbacken und einer wöchentlichen Kinderparty auch die "Geisterstunde", bei der die Kinder mit Ketten rasselnden Gespenstern begegnen. Sie findet statt auf Burg Taufers, dem Wahrzeichen des Tales aus dem 12. Jahrhundert. Mit seiner Bibliothek und dem "Reiterkachelofen", einer Kapelle mit herrlichen Fresken, der Rüstkammer und dem Rittersaal zählt der Wehrbau zu den am besten erhaltenen Burgen Südtirols.

Die Frage, ob die im Sommer 2004 im deutschen Fernsehen gesendete Show "Die Alm" ein guter Werbeträger für das Tal im Herzen des Naturparks Rieserferner-Ahrn war, spielt im Winter keine Rolle mehr. Glaubwürdiger repräsentiert ohnehin der Extrembergsteiger Hans Kammerlander seine Heimat: 13 Achttausender hat er ohne Sauerstoffgerät bezwungen, davon 7 mit seinem Lehrmeister Reinhold Messner. Als bisher Einziger wagte er die Abfahrt vom höchsten Berg der Welt, dem 8848 Meter hohen Mount Everest.

Doch immer wieder zieht es Kammerlander zurück in die nördlichste und kleinste Ferienregion Südtirols. "Die Berge meiner Heimat waren der Grundstock für meine späteren Erfolge im Himalaja", sagt er. Auch im Winter vermitteln die Alpinschulen von Kammerlander und anderen Anbietern ein Gefühl für Grenzerfahrung - zum Beispiel beim Klettern auf natürlichen Eisfällen und künstlichen Eistürmen.

Zehn Meter in zwöf Minuten

Die Szene wirkt wie ein nächtlicher Drehort für einen Film: Die Eistürme von Rein sind in ein gleißendes Licht getaucht. Es herrscht fast gespenstische Stille, die nur von den knappen Anweisungen jener Alpinisten durchbrochen wird, die die Kletterer unten mit dem Seil sichern. Keuchend hangeln sich die Wagemutigen an der senkrechten Wand nach oben, nach geeigneten Vertiefungen suchend, in denen sie den Eispickel einhängen können. Doch kaum hat man einen Meter Höhe gewonnen, rutschen die Füße trotz der Steigeisen wieder ab.

Südlich der Zillertaler Alpen ganz im Norden Italiens: Das Tauferer Ahrntal ist eine beliebte Skiregion in Süddtirol
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Südlich der Zillertaler Alpen ganz im Norden Italiens: Das Tauferer Ahrntal ist eine beliebte Skiregion in Süddtirol

Zehn Meter in zwölf Minuten aufzusteigen, ist nicht unbedingt eine Glanzleistung. Denn Kletterprofis können den mit 18 Metern höchsten der Eistürme in dieser Zeit locker dreimal bezwingen. Doch wer noch Kraft in den Armen verspürt, darf es wieder und wieder probieren an diesem Abend.

Um das Adrenalin wieder auf Normalnull zu pegeln, geht es nach der Eisklettertour und einem kräftigen Schluck Glühwein in den Hauptort Sand, der mit einem übersichtlichen Après-Ski-Angebot junge Discogänger ins "Dancing Sportcenter" lockt, Junge und Junggebliebene in den "Pik Club" und Weintrinker in die "Sandgrube". Eine weitere Discothek ist die "Almdiele" in Luttach. Manchmal mischt sich auch Hans Kammerlander ins eher bodenständige Nachtleben.

"Der Hans lässt sich hier überall blicken, der will gar nichts Besonderes sein", sagen die Einheimischen. Ein "bäriger Typ" sei er eben, der nach eigener Aussage mal ein "kleiner Bergbauer" war und heute ein Supersportler ist, der auch mal ein Hefeweizen trinkt, eine Zigarette raucht und allemal "luschtig" ist. Er sei eben einer von ihnen: genauso unprätentiös und wenig abgehoben wie das ganze Tal.

Zu hart haben die Menschen hier arbeiten müssen, um sich Starallüren zu erlauben. Mehr als 500 Jahre lang wurde bis 1893 am Rötbach im Bergwerk Prettau Erz abgebaut. Heute führt im Schaubergwerk eine Grubenbahn ins Innere des Sankt-Ignaz-Stollens. Ein Teilstück wurde zum Klimastollen umfunktioniert, um Kuren bei Erkrankungen der Atemwege anzubieten.

Bodenständigkeit mit einem Schuss Extravaganz

Überall im Tal ist der Einfluss zweier Kulturen spürbar: Die Mode ist einen Hauch extravaganter und "italienischer", der Sinn für Beschaulichkeit und Wohlfühlen, der sich für den Gast in den vielen Wellness-Hotels zeigt, ist dagegen eher österreichisch. Auch was die Gastronomie angeht, geht Italien mit Tirol eine schmackhafte Verbindung ein: Neben Pasta stehen Knödel auf den Speisekarten, Schlutzkrapfen (Teigtaschen) mit Spinat folgen auf die Minestrone. Und guter italienischer Wein wird ebenso ausgeschenkt wie Weizenbier.

Holzschlitten-Rodler: Jede Dienstagnacht wird auf einer beleuchteten Bahn am Klausberg gerodelt
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Holzschlitten-Rodler: Jede Dienstagnacht wird auf einer beleuchteten Bahn am Klausberg gerodelt

"Skifahren lernen Anfänger bei uns heute in drei bis vier Tagen", sagt der Skischulleiter Günther Oberhollenzer. Senioren belegen gerne Kurse, um beim Wechsel zu Carvingskiern ihren Stil aufzufrischen. Ein Gratisbus pendelt im Tal, so dass man am Morgen am Speikboden und am Nachmittag am Klausberg fahren kann. Diese Möglichkeit nutzen auch Snowboarder, die in beiden Gebieten Halfpipes und Funparks vorfinden.

Der neueste Trend heißt Crossrennen: Mit Carvingskiern werden dabei die gleichen Funparks abgefahren wie mit dem Snowboard. Snowrafting im Gummiboot in St. Johann oder Nachtrodeln jeden Dienstag auf der beleuchteten Bahn am Klausberg, Schneeschuhwandern, Fahrten mit dem Pferdeschlitten oder Reiten durch die verschneiten Tannenwälder bieten weitere Alternative zum Spaß auf den Brettern.

Bei den meisten Langläufern im Ahrntal steht nicht ausschließlich der Sport im Vordergrund. Zu schön ist die verzauberte Landschaft rechts und links der Loipen, um den Blick nicht abschweifen zu lassen. Einen 16 Kilometer langen Rundkurs bei Mühlwald säumen kleine Kapellen, es gibt alte Bauernhöfe und neue Berggipfel hinter jeder Biegung. 40 Kilometer des Streckennetzes sind Höhenloipen, die zwischen 900 bis 1600 Metern über Meeresniveau gespurt werden.

Es muss wohl an der Bodenständigkeit und dem Schuss Extravaganz liegen, dass das Tauferer Ahrntal so viele Stammgäste hat: An der Mischung aus Kultur, Natur und einem Menschenschlag, der Extremsportler wie Hans Kammerlander ebenso hervorbringt wie den Kuhglockenspieler Franz und andere liebenswerte Originale.

Von Dagmar Gehm, gms



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