Surferparadies Portugal: Warten hinterm Wellenkamm

Anpaddeln, aufspringen, die Welle abreiten: Die Tage an der Südwestküste Portugals bestehen für Surfer aus diesen drei Handlungen. Für die einen ist der Sport ein Herrschen über die Natur, für andere pure Harmonie - und für manche beides zugleich.

Surfen an der Algarve: Schaumbad mit Siegesgefühl Fotos
Getty Images

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Es ist 5.45 Uhr, über der Steilküste von Carrapateira kriecht langsam die Sonne empor. Raschelnde Zeltplanen verraten das Ende der Nacht, nebenan surren die Reißverschlüsse. Weiter weg schlägt die Tür eines VW-Busses zu. Auf dem Wasser spiegelt sich schon das Licht, der Strand liegt noch völlig im Dunkeln. Nach und nach tauchen Gestalten mit schwarzen Ganzkörperanzügen vor der Brandung auf. Minuten später gleiten fünf Wellenreiter auf ihren Brettern liegend ins Meer hinaus. Im Süden der portugiesischen Atlantikküste beginnt ein weiterer Tag im Rhythmus des Surfens.

Die Bedingungen an diesem Morgen sind perfekt. Es ist Ebbe, und der Wind weht leicht aufs Meer hinaus. Offshore nennen das Surfer. Immer wieder vollführen sie das gleiche Prozedere: Die Welle anpaddeln, sich vom Brett abstoßen, aufspringen, um dann die Welle entlangzugleiten, im guten Fall mehr als 100 Meter weit. Einige der Surfer schneiden Kurven wie Snowboarder ins Meer oder springen über den Kamm der Welle hinaus wie Skateboarder in der Halfpipe.

Nach etwa zwei Stunden gleiten sie erschöpft wieder aus dem Wasser. Am Strand von Carrapateira haben es sich derweil die ersten Badeurlauber gemütlich gemacht. Die Surfer machen jetzt erst mal Frühstück. Zelte werden eingepackt, Motoren springen an, Autos fahren weg. Gegen Abend werden sie wiederkommen.

Zwischen Swell und Backgammon

In Sagres treffen sich die Wellenreiter in den kleinen Cafés zu "meia de leite", Milchkaffee, und portugiesischem Croissant. Nach dem Frühstück gönnen sich viele, müde vom frühmorgendlichen Surfen, einen Vormittagsschlaf.

Dillan hockt sich zuvor in ein Internetcafé und sieht sich die Wellenvorhersage für die nächsten Tage an. Beim Surfen spielen viele Faktoren eine Rolle. Der Wind muss richtig stehen, Ebbe und Flut können je nach Strand verschiedene Wellen erzeugen. Und der Swell darf nicht zu groß und nicht zu klein sein. Swell bezeichnet die Dünung, die weit draußen auf dem Meer durch starken Wind entsteht und sich später vor dem Strand in Form einer Welle bricht.

Dillan macht kein glückliches Gesicht. Der Swell ist in den nächsten Tagen zwar groß genug, der Wind spielt aber nicht mit. Die Wellen werden nicht zu surfen sein. Ein Risiko, das jeder Surfer kennt und fürchtet. Dann sieht man tagelang alte VW-Busse vor verregneten und windigen Stränden stehen. Davor liegen leere Weinflaschen, in den Bussen wird Backgammon gespielt, aus den offenen Fenstern quellen dichte Rauchwolken. Vereinzelt sitzen Surfer dick eingepackt am Strand. Sie schauen sich die Wellen an und versinken in Melancholie.

Versinken im Augenblick

Für Anfänger spielen schlechte Verhältnisse keine große Rolle. Viele Surfschulen bieten auch Kurse an Tagen an, die nicht perfekt sind. Anfangs ist man ohnehin damit beschäftigt, paddeln zu lernen und auf dem Brett aufzustehen. Das kann schon mal ein paar Tage dauern. Auch rund um Sagres gibt es viele Surfschulen und Surfcamps. Nördlich der Stadt reiht sich ein guter Surfstrand an den nächsten.

Doch heute steht der Wind noch gut. Es ist später Nachmittag, als die Leute in den engen Neoprenanzügen zurück ins Wasser gleiten. Draußen auf dem Meer beginnt das Ringen mit den Wellen. Anpaddeln, aufspringen, die Welle abreiten.

Am Strand steht Afri, ein Surfer aus Deutschland. Er reibt sein Board mit Wachs ein, um später beim Aufstehen nicht abzurutschen. Er sagt, für ihn bedeute Surfen, komplett abzuschalten. Er werde frei von jeglichen Sorgen und versinke im Augenblick. Die Welle zu reiten, sei paradoxer Weise ein Harmonie- und Siegesgefühl zugleich. Das Einswerden mit der Natur und das Beherrschen.

Nun läuft auch Afri ins Wasser. Nach einigen Paddelzügen auf dem Brett ist er bei den anderen Surfern hinter dem Wellenkamm angelangt. Nacheinander surft jeder seine Welle. Es sieht beeindruckend aus, wie leicht die Männer und Frauen sich mit dem Brett drehen, das Wasser spritzt hoch in die Luft.

Ab und zu verliert einer den Kampf mit der Welle und wird unter ihr begraben, gewaschen, wie die Surfer sagen. Nach wenigen Sekunden taucht er wieder auf, klettert auf sein Brett und paddelt wieder hinaus zu den anderen, um schnell die nächste Welle zu reiten. Das Gefühl, von der Welle mitgenommen zu werden und auf ihr zu spielen, würde in Worte verpackt eher banal rüberkommen, erzählt Afri später.

Von der Steilküste aus bestaunen ein paar Zuschauer die Surfer. Sie trinken portugiesischen Wein und Bier, das direkt in Sagres gebraut wird. Vor ihnen geht im Meer langsam die Sonne unter. Die Surfer werden im Wasser bleiben, bis es dunkel ist. Denn schon Morgen werden die Wellen nicht mehr gut sein. Dann heißt es wieder Wein trinken, Backgammon spielen, in Melancholie versinken - und vor allem warten.

Jonas Brunnert, dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wo ist denn Portugals "Südostküste"?
ex rostocker 26.06.2011
Dass Portugal eine Südostküste hat, ist mir bisher unbekannt. Im Südosten Portugals fließt der Guadiana träge dahin, ungeeignet zum Surfen. Zum Surfen ideal ist dagegen die Süd w e s t küste Portugals, die Costa Vicentina. Da sieht man mal, mit welcher "Sorgfalt" und mit welcher "Sachkenntnis" dieser Artikel recherchiert wurde!
2. Danke für den Tipp an die Redaktion....
wortwerke 26.06.2011
...Sie sind mir grad zuvorgekommen. Dennoch hab ich den Artikel in unserem Forum verlinkt ;) Kuckt man hier: http://www.portugallierforum.de/sport-and-fitness-portugal/8695-surfparadies-suedwestkueste.html#post31093
3. Und das Bier...
wortwerke 26.06.2011
...heißt nur Sagres, wird aber nicht in Sagres gebraut. Oh mei. http://en.wikipedia.org/wiki/Central_de_Cervejas Sind nur Details, ich weiß. Will auch kein Erbsenzähler sein. Aber es sind eben die Kleinigkeiten, die einen Artikel abrunden oder e bissle unglaubwürdiger machen.
4. Südwestküste.....
Koltschak 26.06.2011
..das könnte ja auch die Algarve sein. Das richtige Riderparadies ist aber die Westküste in der Algarve. "Südwestküste" könnte zu Irrtümern führen! Auf auf und davon!
5. Algarve ist nicht "nur" die portugiesische Südküste
wortwerke 26.06.2011
Sagres ist Algarve, und Carrapateira, von dem im Artikel gesprochen wird, ebenfalls. Das liegt zwischen Sagres und Aljezur - beides Algarve. Algarve ist aber eben nicht "nur" die Südküste portugals, sondern zieht sich ein ganzes Stück noch an der Costa Vicentina ca. 60 km, etwa bis Odeceixe, noch nördlich hinauf, wo es dann an den Alentejo angrenzt. Also "Südwestküste" stimmt dann schon. Auf jeden Fall ist es nie und nimmer die Südostküste. Wobei Surfen kann man bestens auch noch viel weiter nördlich: etwa am Guincho bei Cascais und in Ericeira, bei Mafra.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Portugal-Reisen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 18 Kommentare
  • Zur Startseite