Kaltwassersurfen in Island "Alle Sinne in Alarmbereitschaft"

Hawaii oder Mexiko? Es gibt Surfer, die suchen den Kick ganz woanders - zwischen Eisschollen und unter Nordlichtern, in den Westfjorden Islands. Chris Burkard ist einer von ihnen.

Chris Burkard

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Ein leises Knacken und Knirschen ist zu hören, als sich das Segelschiff seinen Weg durch die Eisschollen bahnt. An der Seite des Fjords ragen schneebedeckte Berge wie Riesen in den dämmrigen Himmel. Viel heller wird es an diesem Tag nicht mehr - im Dezember geht die Sonne in Island nur wenige Stunden auf.

Chris Burkard sitzt unter Deck. Im Licht einer Öllampe beugt er sich mit seinen Freunden über eine Landkarte. "Das hier sieht gut aus", sagt er, während er mit dem Finger auf eine Stelle in den Westfjorden im Nordwesten von Island deutet. "Und diese Flussmündung hier auch. Sieht aus, als gäbe es da einen Point Break." Sein Finger wandert langsam die Küste entlang. "Dort überall gibt es eine Menge Potential", sagt er. "Das Problem ist nur, dorthin zu kommen - vor allem zu dieser Jahreszeit."

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Der Fotograf Burkard ist mit einer Gruppe von fünf Profi-Surfern nach Island gereist, um in den dünn besiedelten Westfjorden nach den perfekten Wellen zu suchen. Von Reykjavik aus sind sie in den äußersten Nordwesten bis nach Isafjördur gefahren. Ihre Suche hat Burkhard in seinem Film "Under an Arctic Sky"dokumentiert, aus dem auch die Szene unter Deck stammt.

Die Surfer waren davon überzeugt, in der Arktis einzigartige Bedingungen vorzufinden - und wagten sich in den wilderen Teil Islands vor. Die meisten Touristen dagegen lassen die abgeschiedene Region bei ihrer Rundreise aus und bleiben auf der gut ausgebauten Ringstraße, die einmal um die Insel führt.

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Island: Surfen unter dem Polarhimmel

Und tatsächlich: Als sie nach der Besprechung an Deck kamen, sahen sie in der Ferne gewaltige Wellen brechen. "Raus da!": Komplett in Neoprenanzüge gehüllt, stürzten sich die Männer mit ihren Surfboards ins Wasser und paddelten den Wellen entgegen. Doch schnell rief der Kapitän die Gruppe zurück, ein Unwetter sei im Anmarsch. Es sollte der schwerste Sturm werden, den Island seit 25 Jahren gesehen hat.

Die Surfer schafften es rechtzeitig an Land, doch auf der Rückfahrt bleiben die sechs bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 120 km/h und eisigen Temperaturen mit ihren Autos in den Schneemassen stecken. Sie mussten in eine Schutzhütte flüchten und saßen drei Tage lang fest.

Chris Burkard ist zurzeit mit seinem Film auf Europatour unterwegs. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, wie der Sturm das Vorhaben der Gruppe verändert hat, wie es sich anfühlt, in eiskaltes Wasser zu springen, und warum er sich gerne in Extremsituationen begibt.

SPIEGEL ONLINE: Normalerweise denkt man beim Surfen an kristallblaues Meer im Sonnenschein. In Ihrem Film sieht man die Eisschollen auf dem Meer treiben - und Sie springen dort hinein. Wie hält man die Kälte aus?

Chris Burkard: Es ist brutal. Das Wasser ist eiskalt, alle Sinne sind in Alarmbereitschaft - und du nimmst deine Umgebung viel intensiver wahr als sonst. Mit dem richtigen Neoprenanzug kommt man mit dem kalten Wasser einigermaßen klar. Man braucht Handschuhe, eine Haube und natürlich Surfschuhe. Beim Kaltwasser-Surfen sollte man so wenig nackte Haut wie möglich zeigen. Oft ist es aber gar nicht das Wasser, sondern der starke Wind, der einen zermürbt.

SPIEGEL ONLINE: Island ist ja bekannt für sein raues und unberechenbares Wetter. Warum dann ausgerechnet noch die Westfjorde?

Burkard: Der Mount Everest ist auch kein Platz, der sich gut anfühlt. Dennoch gibt es Menschen, die genau das wollen. Uns wurde gesagt, unser Vorhaben wäre dumm oder zu riskant. Aber wir wollten etwas Neues finden, etwas Außergewöhnliches erleben. Und das ist nun einmal immer mit einem Risiko verbunden, das ist Teil des Plans. Manchmal muss man für einen Traum über seine Grenzen hinaus gehen. Als ich vor ein paar Jahren von diesem Ort in Island gehört habe, wusste ich, dass ich dorthin möchte. Wir haben uns monatelang auf diesen Trip vorbereitet.

Zur Person
  • Chris Burkard / MASSIF
    Chris Burkard, 31, ist Fotograf, Autor und Regisseur. Er kommt aus Kalifornien, fotografiert aber lieber in kalten Gewässern. Er hat bereits mehrere Surffilme und Bücher veröffentlicht, seine Fotos sind in bekannten Surf- und Outdoormagazinen zu sehen. Nun ist er mit seinem Film "Under an Arctic Sky" auf Tour.
  • Webseite "Under an Arctic Sky"

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie auch auf so einen starken Sturm vorbereitet?

Burkard: Egal, wie gut man plant - die Natur hat am Ende immer das Sagen. Im Nachhinein war der Sturm gut. Ohne ihn hätten wir nicht erlebt, was wir erlebt haben. Das Unwetter hat einen der gewaltigsten Wellengänge ausgelöst, die ich je gesehen habe - perfekte Bedingungen zum Surfen. Aber als wir mitten in den Sturm gerieten und festsaßen, haben wir uns schon gefragt, was wir da eigentlich tun. Das war hart.

SPIEGEL ONLINE: Sie mussten drei Tage in einer Schutzhütte ausharren. Wie haben Sie sich die Zeit vertrieben?

Burkard: Zuerst waren wir einfach nur froh, ein Dach über dem Kopf zu haben, während draußen der Sturm wütet. Ich war so dankbar, dass wir alle in Sicherheit waren. Doch mit der Zeit sind wir irgendwann ein bisschen verrückt geworden. In der Hütte gab es keinen Strom. Uns wurde ziemlich langweilig.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Sturm haben Sie sich entschlossen, noch einmal die Küste entlang zu fahren. Hat es Ihnen nach diesem extremen Erlebnis nicht gereicht?

Burkard: In solchen Situationen lernt man viel über sich selbst. Die meisten Menschen begeben sich nicht gerne in ungewisse Situationen, sie mögen lieber alles durchplanen und jegliches Risiko ausschließen. Aber manchmal ist die Ungewissheit das Wichtigste: Ich habe gelernt, dass es mich stärker macht, wenn ich mich in Situationen begebe, in denen ich an meine Grenzen stoße. Ich brauche das. Dann mache ich auch die besten Fotos. Und die Wellen, die nach dem Sturm reinkamen, waren die größten, die ich je gesehen habe.


Chris Burkard ist mit seinem Film "Under an Arctic Sky" bis 8. September auf Europatour - auch in Hamburg, Köln, Berlin, München und Stuttgart.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
El pato clavado 30.08.2017
1. In Island surfen ?
na, wenn's denn sein muss. Die Welt hat andere Sorgen
grätscher 30.08.2017
2.
Hab den jungen Mann gestern im Fernsehen berichten sehen, was ihn so antreibt so etwas ungewöhnliches zu machen. Evtl mal vorab informieren, bevor man etwas abstrus und narzisstisch nennt, nur weil es den eigenen Horizont übersteigt
Ikarus Schmidt 30.08.2017
3. Ist doch super
Atemberaubende Natur, Abenteuer und ein vergleichsweise überschaubares Risiko. Ist doch eine super Kombination. Die Jungs haben das, was sie aus Leidenschaft tun an einen außergewöhnlichen Ort verlagert und lassen uns durch das Video ohne die Strapazen daran teilhaben. Ist doch super und ich sehe nicht, warum das narzisstisch sein sollte. Und wer seine Augen ausschließlich auf die "Sorgen der Welt" richtet, sollte eigentlich keine Zeit für Posts in Internet-Foren haben...
El pato clavado 30.08.2017
4. Zeit ,
Zitat von Ikarus SchmidtAtemberaubende Natur, Abenteuer und ein vergleichsweise überschaubares Risiko. Ist doch eine super Kombination. Die Jungs haben das, was sie aus Leidenschaft tun an einen außergewöhnlichen Ort verlagert und lassen uns durch das Video ohne die Strapazen daran teilhaben. Ist doch super und ich sehe nicht, warum das narzisstisch sein sollte. Und wer seine Augen ausschließlich auf die "Sorgen der Welt" richtet, sollte eigentlich keine Zeit für Posts in Internet-Foren haben...
wie Sie meinen (und wie Sie sehen, ich hab' ZeitT,als Rentner)
kl1678 30.08.2017
5. antrieb
Zitat von grätscherHab den jungen Mann gestern im Fernsehen berichten sehen, was ihn so antreibt so etwas ungewöhnliches zu machen. Evtl mal vorab informieren, bevor man etwas abstrus und narzisstisch nennt, nur weil es den eigenen Horizont übersteigt
Und? Was treibt ihn denn an? :-) Surfer gibt's auf Island, auch im Winter, ja doch etliche. Die fahren an guten Tagen an den Strand und surfen. Mit der (eher hässlichen) Wirklichkeit eines Wintersturms in den Westfjorden haben die arg verkitschen Bilder oben kaum etwas zu tun.
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