Surfparadies Gardasee: Zaubern mit den Urgewalten

Von ADAC-Reisemagazin-Autorin Anna Butterbrod

Vom Bett aufs Brett in zehn Minuten: Wenn der Nordwind bläst am Vormittag, lassen passionierte Windsurfer alles stehen und stürzen sich ins Wasser. Denn für sie ist der Geschwindigkeitsrausch auf dem Gardasee besser als Sex - wenn nicht Segler und Kitesurfer stören.

Gardasee: Auf einer Wellenlänge Fotos
Rasmus Kaessmann

Die wenigsten Urlauber freuen sich, wenn sie morgens um drei aus dem Schlaf gerissen werden. Klaus Reitberger aber sehnt sich danach. Wenn nachts die Gardinen in seinem Hotelzimmer in Torbole flattern und Wellen an das Ufer des Gardasees krachen wie an die Steilküste eines Ozeans, weiß er: Es wird ein guter Tag. Der 42-Jährige mit den schulterlangen Locken geht dann zum Fenster, lauscht den Geräuschen der Bäume und atmet die Böen ein. Zurück im Bett, schläft er im Bewusstsein weiter, dass Pelèr da ist - der Nordwind.

Wenige Stunden später, beim Sonnenaufgang, verliert Klaus nicht viel Zeit. Ein Gedanke beherrscht ihn, und all seine Handgriffe dienen nur einem Ziel: Surfen. In zehn Minuten schafft er es vom Bett aufs Brett - ein über Jahrzehnte immer wieder verbesserter Rekord.

Reitberger gehört zu den Stammgästen am Gardasee, der als windsicherstes Binnengewässer Europas gilt und eine lange Tradition als Segel- und Surfrevier hat. 1982, als er 14 war, machte Klaus hier seinen Surfschein. Seitdem fährt der Münchner bis zu zehnmal im Jahr an Italiens größten See. Nirgends lässt sich schöner in den Bergen surfen: Vom Wasser aus ist der oft schneebedeckte Misone-Gipfel zu sehen (1803 Meter), der hinter den bunten Fassaden von Torbole aufragt. Das östliche Ufer wird vom Monte-Baldo-Massiv dominiert, im Westen bewacht der Tremalzo-Gebirgszug das Wasser.

Obwohl Hawaii das Traumziel für Surfer ist, reisen jedes Jahr Tausende an den Lago di Garda. Nicht nur, um sich einen 24 Stunden langen Flug und eine Menge Geld zu sparen. Sie lieben auch das süße Leben Italiens. Mitglieder der Surfgemeinde heben sich zwar optisch ab, wenn sie braun gebrannt in T-Shirt und Flip-Flops am Restauranttisch sitzen. Die gebratenen Lavarellofische, frisch aus dem See, den heimischen Rotwein und das Tiramisu, das die Wirte servieren, wissen sie aber genauso zu schätzen wie die übrigen Gäste in Abendgarderobe.

Wie die Rand- zur Trendsportart wurde

Anfang der Achtzigerjahre schwappte der Windsurftrend aus Amerika herüber. Am Gardasee wurden die Bretter anfangs größtenteils im ruhigeren Südteil ins Wasser geschoben. "In Torbole hätte damals kaum einer Urlaub gemacht, da war's viel zu windig", sagt Klaus. Surfen hieß zu der Zeit noch Stehsegeln und war so gemächlich, wie es sich anhört: Die Pioniere standen steif auf ihrem Brett, getrieben von einem lauen Lüftchen. Der Sport bot Wasserfans die Chance, so etwas Ähnliches zu erleben wie Segeln, ohne sich ein Boot kaufen oder Mitglied in einem elitären Club werden zu müssen. Das Surfbrett war ein vier Meter langes Stück Freiheit - und für Klaus das Ende der Langeweile: "Endlich konnte ich mehr tun, als nur faul am Ufer rumzuliegen."

Fahrt nahm der Sport auf, als der mehrmalige Windsurf-Weltmeister Robby Naish aus Hawaii die Bretter kürzte und ihnen Fußschlaufen verpasste, sodass bei hohem Tempo Sprünge möglich waren. Es gab den ersten World Cup, 1984 wurde Surfen olympisch. Die Rand- wurde zur Trendsportart. Bald entdeckten ihre Anhänger die Windverhältnisse am Lago di Garda und lernten sie schätzen: Bis etwa elf Uhr bläst der Nordwind, zuverlässig gegen zwölf setzt der Südwind ein, die Ora. Weil der See nach Norden hin schmaler wird, entsteht eine Art Düseneffekt. Die warme Luft, die von Süden zum Alpenhauptkamm aufsteigt, wird durch das enge Tal gepresst und gewinnt an Tempo.

Heute ist Torbole nicht mehr so fest in Surferhand, wie mancher es sich wünscht. "In den Achtzigern hätte man trockenen Fußes über den Lago spazieren können: Damals waren manchmal bis zu 3000 Surfer gleichzeitig auf dem Wasser", sagt Walter Pilo, 60, der die traditionsreiche Surferbar Moby Dick in Torbole leitet. Jetzt sind 300 Bretter schon viel. Auch wenn den Wirt die Verkleinerung der Surfergemeinde treffen mag - für die meisten Urlauber und auch für junge Surfer hat das Ende der Übertreibungen Vorteile: Anders als in den Achtziger- und Neunzigerjahren ist der See heute vielfältiger und weniger neonfarben. Und dass die Zeiten, als die Surfindustrie den Markt jeden Monat mit neuem Equipment überflutete, vorbei sind, begrüßen alle. Trends wie Mountainbiken, Inlineskaten und Kitesurfen haben das Angebot seitdem vergrößert. Wer keine Lust mehr auf Windsurfen hat, kann die Gerätschaften wechseln.

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