Surfpark in Wales Die Welle kommt. Garantiert.

Ein Hauch Hawaii im walisischen Snowdonia: Dort soll ein künstlich angelegter Surfpark Touristen anlocken. In dem Riesenbecken werden Wellen auf Knopfdruck erzeugt - eine gleicht der anderen. Surf-Puritaner rümpfen die Nase.

Surf Snowdonia

Von Martin Cyris


Surflehrer Inigo liegt bäuchlings auf einem Surfbrett und presst Beine und Po fest zusammen: "Stellt euch vor, dass zwischen euren Pobacken teure Fußballtickets für das Pokalfinale klemmen."

Die Surfanfänger im Surfpark Snowdonia bei Dolgarrog befolgen den Rat und pressen die Oberschenkel fest aneinander. Für eine bessere Balance im Liegen. Beim Hinauspaddeln in die Brandung und beim Warten auf die perfekte Welle.

Still ruht der See - noch. Doch auf Knopfdruck türmt sich plötzlich eine zwei Meter hohe Welle auf und rauscht durchs ovale Becken. 16 Sekunden lang und wohlproportioniert.

Laut Angaben der Betreiber gibt es hier mit 150 Metern die längsten von Menschenhand erzeugten Wellen der Welt. Zwei Surfcracks reiten auf dem Wellenkamm und zeigen, wie man Oberwasser behält und dabei auch noch eine gute Figur macht. Die Woge klatscht an den schrägen Beckenrand und versinkt dort.

Dauerwelle auf Knopfdruck

Die Teilnehmer des Anfängerkurses sind beeindruckt. Nach ein paar Trockenübungen und Sicherheitshinweisen geht es auch für sie ins 15 Grad kalte Wasser. Dank der Neoprenanzüge ist die Temperatur gut auszuhalten. Die Luft ist lau, allerdings pfeift ein strammer Wind durchs bewaldete, hügelige Conwy-Tal. In der Nachbarschaft liegt der gebirgige Nationalpark Snowdonia, der bei der Namensgebung der Anlage Pate stand. Eine Landschaftskulisse wie im Voralpenland.

Doch dafür hat momentan niemand einen Blick. "Immer geradeaus schauen", ermahnt Inigo. Er ist Baske. Wie er kommen auch die surfverrückten Ingenieure, die jahrelang an der komplizierten Wellentechnik getüftelt haben, aus Nordspanien. Unterschiedliche Wassertiefen sorgen dafür, dass die Welle rechtzeitig bricht und dann in gleichmäßiger Höhe ausläuft. Dank wasserdurchlässiger Spezialplanen am Beckenrand schwappt die Welle außerdem nicht zurück.

Zwar täuschen sandfarbene Planen im Surfpark Strandatmosphäre vor, doch Sand gibt es hier nicht. Auch die Sonne ziert sich. Es beginnt zu tröpfeln. Das Wetter in Wales ist wechselhaft. "Egal, sobald du auf der Welle reitest, vergisst du alles um dich herum", sagt Jana Virian, Surfcoach aus Deutschland, die mit Freunden regelmäßig vor der Küste von Wales surft, auch im Winter. Seit der Eröffnung Anfang August arbeitet sie für Surf Snowdonia. Die Belegschaft ist eine bunte Truppe aus aller Welt. Und wie es sich gehört, sind viele von ihnen blond und langmähnig.

Damit der Brettspaß nicht als kurzes Vergnügen endet, gibt es weitere Tipps vom Coach: Bauch aufs Brett pressen und das Kinn heben, als befände sich ein Basketball darunter. "Sobald die Welle kommt, macht ihr noch zwei, drei Paddelbewegungen, stemmt die Arme auf, steht schnell auf, die Füße parallel, in Karatehaltung", sagt Inigo.

70 Zentimeter - Anfängerhöhe

Die Anfänger liegen bäuchlings auf dem Surfboard und warten. Ein leises Brummen, schon türmt sich das Wasser auf und setzt sich in Bewegung. Die Welle ist 70 Zentimeter hoch - Anfängerhöhe. "Paddeln!", ruft Inigo. "Jetzt aufstehen!"

Wie war das doch gleich? Man vergisst alles, sobald man auf der Welle reitet? In der Tat, als Neuling auch das Einmaleins des Wellenreitens. Links und rechts plumpsen die Teilnehmer ins Wasser. Eine Handvoll schafft es, sich für einige Sekunden auf dem Brett zu halten. Nicht schlecht für den Anfang. Für manchen war es die erste Surfwelle des Lebens.

Damit geht der Spaß erst richtig los. Denn ab jetzt nähert sich alle 90 Sekunden eine Welle. Höchste Taktzahl. Die Surfschüler haben alle Arme voll zu tun, um rechtzeitig in Position zu sein. Und doch ist das Surfen in der künstlichen Lagune längst nicht so kraftraubend wie im Meer. "Es gibt keine Strömungen, deshalb muss man nicht so kräftig paddeln", sagt Surflehrerin Jana. Die kalkulierbaren Abläufe würden es außerdem Menschen mit Angst vor dem offenen Meer einfacher machen, aufs Brett zu steigen. Und nicht zu vergessen: Surf Snowdonia ist garantiert haifrei.

Surf-Puritaner rümpfen die Nase

Wenn überhaupt, würde sich höchstens mal ein Regenwurm hineinverirren. Das Becken - größer als fünf Fußballfelder - wird ausschließlich mit Regenwasser aus dem Nationalpark Snowdonia gespeist. Per Pipeline strömt es aus den Bergen ins Becken. Turbinen erzeugen dabei die Energie, die für den Anschub der Wellen benötigt wird. Desinfiziert wird das Wasser mittels UV-Strahlung. "Völlig chemiefrei", versichert Geschäftsführer Andrew Ainscough.

Auch die Verbauungen stellen keine Verschlechterung der Landschaftssituation dar: Das Gelände des Surfparks war zuvor eine große Industriebrache. Hier, am Rande des Dorfes Dolgarrog, befand sich eine unansehnliche Aluminiumfabrik.

Allein die Dekontaminierung des Bodens habe 1,3 Millionen britische Pfund gekostet, teilt das Management von Surf Snowdonia mit. "Es sieht hier jetzt eindeutig besser aus als zuvor", sagt Ainscough. Da stören selbst die beiden grauen Betonklötze mitten im Becken nicht weiter, in denen die Technik versteckt ist.

Surf-Puritaner dürften dennoch die Nase rümpfen. In Internetforen werden künstliche Wellenanlagen kritisiert: der Kontakt zu den Urkräften des Wassers und zur Natur gehe verloren. "Wir wollen das Meer nicht ersetzen", sagt Jana Virian. Dennoch sei der Surfpark eine gute Alternative: "Anfänger lernen hier schnell." Und Fortgeschrittene könnten an ihrer Technik feilen. Weil die Wellen fast immer identisch seien. Unabhängig von den Gezeiten, von Wind und Wetter.

Martin Cyris ist als freier Autor für SPIEGEL ONLINE tätig. Die Reise erfolgte mit Unterstützung von Visit Wales.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
kojak2010 03.09.2015
1.
wie breit ist das links und rechts? 20 meter oder max. 25 Meter. und 50 meter lang. selbst als nicht surfer muss ich da schon lachen. ist eher ein wellenbad für kinder und rentner..
redbayer 03.09.2015
2. Wenn sich schon Menschen
daran ergötzen auf einer Wasserwelle zu reiten, dann ist doch Snowdonia die richtige Antwort der Technik dazu und weit mehr als die berühmte Eisbachwelle im Englischen Garten in München. Das Blödargument der Surf-Puristen "da seien alle Wellen gleich" (statt stets anders, wie im Meer) kann zum Lernen, aber vor allem auch zum "gerechten Wettbewerb" eher ein Vorteil sein.
john.sellhorn 03.09.2015
3. surf puritaner
muessen da ja nicht hin. niemand wird gezwungen. ist wie der abschaltknopf am fernseher. man muss nicht alles gucken, um dann nur zu mosern....
synflood gestern, 10:41 Uhr
4.
Zum lernen und ausprobieren der Technik bestimmt toll. Aber das hat meiner Meinung nach nichts mehr mit Surfen im herkömmlichen Sinne zu tun. Für mich ist das Warten auf die "perfekte" Welle und das Gefühl mal eine richtig geile erwischt zu haben unersetzlich ;)
sunshine17 03.09.2015
5.
Zitat von kojak2010wie breit ist das links und rechts? 20 meter oder max. 25 Meter. und 50 meter lang. selbst als nicht surfer muss ich da schon lachen. ist eher ein wellenbad für kinder und rentner..
aufmerkssm lesen hilft manchmal: "Laut Angaben der Betreiber gibt es hier mit 150 Metern die längsten von Menschenhand erzeugten Wellen der Welt. "
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