Taormina auf Sizilien Ganz große Sommerbühne

Schönheit und Abgrund, Gefahr und Verheißung liegen in Taormina ganz nah beieinander. Die Schriftstellerin Verena Carl erklärt, warum die Sehnsucht nach der sizilianischen Stadt sie immer wieder aufs Neue packt.

AFP

Zwei Reisebusse tanzen Tango. Zurückweichen und Nachrücken, hydraulisches Seufzen und dringliches Hupen: Komm mir näher, bleib mir vom Leibe, ciao bella, arrivederci, amore. Rechts und links der Serpentinenstraße Palmen, Feigenkakteen, Bougainvilleen, dahinter das Meer, tintenfassblau, am Horizont silbrig verschwommen.

An einem Ort, der so sehr Bühne ist, große Oper und großes Gefühl, wird selbst der öffentliche Personennahverkehr zum Spektakel: Zentimeter für Zentimeter schieben sich die beiden Fahrzeuge aneinander vorbei, bergauf die Neuankömmlinge, bergab diejenigen, die sich schon sattgesehen haben.

Fotostrecke

15  Bilder
Tipps für Taormina: Ein Logenplatz für den Sommer

Etwas, das mir wohl nie passieren wird: Bald 15 Jahre ist es her, dass Taormina mich auf den ersten Blick schwachgemacht hat, und seitdem lässt es mich nicht mehr los. Ein Sehnsuchtsziel, zu zweit, mit Familie, allein.

Das hat viele Gründe, vor allem einen poetischen: Die 11.000-Einwohner-Kleinstadt an der Ostküste Siziliens, in der Nähe der Straße von Messina, ist einer dieser Orte, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Und die es trotzdem gibt. So wie Venedig auf Sedimentinseln und Holzpfählen mitten in einer unwirtlichen Sumpflandschaft errichtet wurde, thront Taormina wie ein Adlernest an einer Flanke des Monte Tauro.

Terrasse für Terrasse in den Berg gehauen, die Häuser über mehrere Stockwerke an die abschüssigen Hänge konstruiert, mehr Vertikale und Diagonale als Horizontale. Ein Logenplatz, den sich rund 300 Jahre vor unserer Zeitrechnung griechische Siedler als Standort für ein Theater auswählten. Weitere 100 Jahre später vergrößerten die Römer den Bau. Mit Blick auf den Ätna, der hier Tag und Nacht sein Rauchfähnchen in den Himmel pustet.

Schönheit und Abgrund, Bedrohung und Verheißung - alles auf einem Fleckchen Erde konzentriert, noch ehe der erste Schauspieler die Bühne betritt: Diese Inszenierung hat nichts von ihrer Wucht verloren. Stundenlang kann ich auf den ausgetretenen Steinstufen sitzen, dem Menschentheater zuschauen und lauschen, wie die besondere Akustik jedes Wort verstärkt und mit einer dramatischen Aura aufzuladen scheint. Auch wenn sich nur ein vorbeilaufendes Reisegrüppchen übers Wetter unterhält.

Ein fast vergessenes Hirten- und Fischernest

Mit meiner Faszination bin ich nicht allein, das erging schon vielen so. Seinen ersten frühen Tourismusboom erlebte Taormina Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit dafür verantwortlich war der deutsche Fotograf Wilhelm von Gloeden. Der hatte das damals fast vergessene Hirten- und Fischernest auf seine Weise in Szene gesetzt: Er ließ halbwüchsige Jungen mal mit, mal ohne antikisierenden Lendenschurz auf zerklüfteten Felsen, auf bröckelnden Aussichtsterrassen oder vor den übrig gebliebenen Säulen eben jenes Theaters posieren.

Die homoerotischen Aktfotos machten Taormina zum Pilgerziel für andere Libertins mit nicht gesellschaftskonformen Neigungen genau wie für großbürgerliche Ehepaare. Reisende mit Baedeker und Goethe im unhandlichen Überseegepäck: Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh'n?

Taormina hat auch schlechte Tage. Da wirkt der Ort wie eine Kopie seiner selbst, wie ein Best-of-Italien-Themenpark. Die Flanierstraße durch das autofreie Zentrum, der Corso Umberto, wird zur Rennstrecke für Tagesgäste, viele von ihnen mit den Aufklebern einer Kreuzfahrt-Reederei auf dem T-Shirt. Alle wollen nur das eine, und zwar schnell: erst zum Teatro Greco, dann essen, trinken, kaufen. Glasierte Teller, Strandkaftane mit Korallendekor oder wenigstens ein Fläschchen süßen Limoncello-Likör.

Symphonie für Kirchenglocken und Rollkoffer

Stoisch lässt die Stadt den Ansturm über sich ergehen, denn sie weiß: Später am Nachmittag und jenseits der Hauptreisezeit ist sie wieder ganz sie selbst. In all ihrer leicht ramponierten Schönheit. Den Corso lasse ich dann am liebsten links oder rechts liegen und lasse mich treiben.

Zu versteckten Plätzen, durch gewundene Gässchen. Entlang tageswarmer Steinmauern, in deren Ritzen Eidechsen dösen, vorbei an Straßenkatzen und zerbeulten Lastentaxis.

Ich träume mich hinein in Hotelvillen in Apricot und Zartgelb, verziert mit Türmchen und Erkern, in den Wintergärten uralte Fensterscheiben voller Lufteinschlüsse, die den Blick verschwimmen lassen. Als wäre das Zeitalter der Smartphones und Trekkingsandalen noch eine ferne Zukunftsvision. Und als könnte jederzeit ein Thomas Mann aus einem der Torbögen treten, im weißen Leinenanzug und mit ledergebundenem Notizbuch in der Hand.

In diesen perfekten Momenten gibt sich die Stadt selbst ein Ständchen, eine Symphonie für Kirchenglocken, Rollkoffergerumpel, Gläserklirren und Besteck. Kinder spielen auf den marmornen Kirchenstufen Fußball, es duftet nach Weihrauch. Großmütter mit toupierter Imponierfrisur stolzieren über das Pflaster. Ein Bote im Blaumann kurvt mit seinem Dreirad-Pick-up die Ortsumgehung entlang und klebt Todesanzeigen an Mauern fest.

Pinienschatten statt Liegestuhlmiete

Wenn ich eine Pause brauche vom sizilianischen Straßentheater, dann schaue ich am Strand vorbei. Der Weg zu den Badestellen ist - wie könnte es anders sein? - gewunden und mit dramatischen Aussichtspunkten gesegnet. Und er mäandert so lang über ausgetretene Treppenstufen, bis man ernsthaft eine Erfrischung braucht.

Es gibt auch eine Seilbahn mit Gondeln zwischen Ortszentrum und Meer, so zweckmäßig wie hässlich, und eigentlich würde ich sie aus ästhetischen Gründen gern boykottieren. Aber schon wenn ich schließlich unten angekommen bin, gebe ich innerlich klein bei: Das alles auf dem Rückweg wieder hochzuklettern, ist mir einfach zu sportlich.

Am Kiesstrand spenden Pinien gratis Schatten, dafür kostet die Liegestuhlmiete so viel wie eine Pizza Frutti di Mare auf dem Domplatz. Geschenkt. Die Badebuchten werden von felsigen Halbinselchen begrenzt, eine von ihnen heißt Isola Bella, was fast schon eine Untertreibung ist: ein Postkartenidyll mit seltenen Tier- und Pflanzenarten, begehbar über eine schmale Sandbank.

Auf der Festlandseite gibt es ein Stückchen wilden Strand, auf dem ich gern mein Badelaken ausbreite, unbehelligt von der Liegestuhlmafia und einer Clique mobiler Masseurinnen. Später drehe ich eine Runde über die Isola Bella, klettere auf die Aussichtsterrasse eines ehemaligen Wohngebäudes. Und wenn ich genug blau gesehen habe, dann drehe ich mich der Landseite zu, neugierig, ob ich das wohl nur geträumt habe. Taormina, diesen unmöglichen Ort.

Nein: Ganz da oben liegt es, im Dunst, als wäre es mehr Fantasie als Wirklichkeit.

Verena Carl hat Sizilien mehrmals erkundet: zuerst auf ihrer Hochzeitsreise 2004, zuletzt vor ein paar Monaten, um für ihren aktuellen Roman zu recherchieren. "Die Lichter unter uns" spielt über weite Strecken in Taormina und erzählt die Geschichte von fünf Menschen, deren Leben auf ganz unterschiedliche Weise aus den Fugen gerät - ein Roman über Sinnsuche und Liebe, Endlichkeit und Abstiegsängste.

ANZEIGE
Verena Carl:
Die Lichter unter uns

S. Fischer; 320 Seiten; gebunden; 20,00 Euro

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kaiser-k 17.06.2018
1. Überlaufene Zalando-Romantik
Bei aller vordergründigen süßen Romantik hat Taormina schon längst sein Herz verloren: an den Bussreise-Tourismus und Welt-Standard-Boutiquen. Die Pittoreske Stadt wurde hübsch und glatt herausgeputzt, alles wirkt künstlich gepflegt. Der wahrhaft atemberaubenden Blick auf den Etna wird durchbohrt von einer Armee Selfiestangen. Nö, wer das echte, rauhe Sizilien sucht, der sollte sich besser woanders umschauen: zum Beispiel im Süden der Insel. Weniger Postkartenkitsch, dafür mehr wahrhaftiges Leben.
querulant_99 18.06.2018
2.
Zitat von kaiser-kBei aller vordergründigen süßen Romantik hat Taormina schon längst sein Herz verloren: an den Bussreise-Tourismus und Welt-Standard-Boutiquen. Die Pittoreske Stadt wurde hübsch und glatt herausgeputzt, alles wirkt künstlich gepflegt. Der wahrhaft atemberaubenden Blick auf den Etna wird durchbohrt von einer Armee Selfiestangen. Nö, wer das echte, rauhe Sizilien sucht, der sollte sich besser woanders umschauen: zum Beispiel im Süden der Insel. Weniger Postkartenkitsch, dafür mehr wahrhaftiges Leben.
Es ist zwar schon Jahrzehnte her, als ich dort war, aber der Artikel hat alte Erinnerungen wieder zum Leben erweckt. Taormina ist eine hübsche kleine Stadt hoch oben über dem Mittelmehr. Mein erster Rundgang führte mich zu einem großen Platz im Zentrum, der auf einer Seite durch eine Balustrade begrenzt war, damit die Touristen nicht den Abhang hinunter stürzen: Geradeaus und weit unten erstreckte sich das Mittelmeer, beim Blick nach rechts hatte man einen fantastischen Blick auf den fauchenden Ätna, der damals noch nicht durch Selfistangen gestört war. Und beim Blick nach links genossen zwei bildhübsche Mädels ebenfalls den Ausblick, die ich wenig später wieder aus den Augen verlor aber nur vorübergehend. Abends im Restaurant des Hotels erblickte ich sie wieder. Das Hotel war eher klein, so dass wir uns nur schwer aus dem Weg gehen konnten. Eine von beiden war zwar eine echte "Kratzbürste", aber mit der anderen, einen Münchnerin, konnte ich mich sehr nett unterhalten. Ihr Lieblingsthema waren Horoskope.. Am nächsten Tag fuhren wir zusammen mit der Seilbahn hinunter zum Strand und abends wieder hinauf in die Stadt. Einen Ausflug hinauf zum Ätna darf man sich natürlich auch nichr entgehen lassen. Es war interessant zu sehen, wie die Basaltbrocken wie Popcorn aus dem Vuikan blubberten.und danach den Hang hinunter kullerten. Vielleicht sollte ich wieder mal einen Urlaub dorthin einplanen. Meine Traumfrau werde ich aber dort wohl nicht mehr antreffen. :-(
hexenbesen.65 22.06.2018
3.
Zitat von querulant_99Es ist zwar schon Jahrzehnte her, als ich dort war, aber der Artikel hat alte Erinnerungen wieder zum Leben erweckt. Taormina ist eine hübsche kleine Stadt hoch oben über dem Mittelmehr. Mein erster Rundgang führte mich zu einem großen Platz im Zentrum, der auf einer Seite durch eine Balustrade begrenzt war, damit die Touristen nicht den Abhang hinunter stürzen: Geradeaus und weit unten erstreckte sich das Mittelmeer, beim Blick nach rechts hatte man einen fantastischen Blick auf den fauchenden Ätna, der damals noch nicht durch Selfistangen gestört war. Und beim Blick nach links genossen zwei bildhübsche Mädels ebenfalls den Ausblick, die ich wenig später wieder aus den Augen verlor aber nur vorübergehend. Abends im Restaurant des Hotels erblickte ich sie wieder. Das Hotel war eher klein, so dass wir uns nur schwer aus dem Weg gehen konnten. Eine von beiden war zwar eine echte "Kratzbürste", aber mit der anderen, einen Münchnerin, konnte ich mich sehr nett unterhalten. Ihr Lieblingsthema waren Horoskope.. Am nächsten Tag fuhren wir zusammen mit der Seilbahn hinunter zum Strand und abends wieder hinauf in die Stadt. Einen Ausflug hinauf zum Ätna darf man sich natürlich auch nichr entgehen lassen. Es war interessant zu sehen, wie die Basaltbrocken wie Popcorn aus dem Vuikan blubberten.und danach den Hang hinunter kullerten. Vielleicht sollte ich wieder mal einen Urlaub dorthin einplanen. Meine Traumfrau werde ich aber dort wohl nicht mehr antreffen. :-(
Wir waren letztes Jahr dort--waren suuuper enttäuscht. Tourismus-Fallen, wo man hinschaut, und "ganz hinauf" darf man gar nicht... nur an irgendwelchen öden Felsbrocken, wo en bißchen Dampf rauskommt...nix mit "Basaltbrocken wie Popcorn aus dem Vuikan blubberten.und danach den Hang hinunter kullerten." Einzig alleine dort konnte man sich ein wenig (wenn überhaupt) auf Englisch unterhalten.... Auch in den Touri-Bus-Parkplatz-Boutiquen,wo Basalt-Bröckchen für teuer Geld verkauft werden...nur das übliche Touri-Blabla- Englisch...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.