Tarragona Türme aus Menschen

Unter Trommelwirbeln klettert ein Mädchen auf einen acht Meter hohen Turm, der aus nichts anderem als Menschen besteht: Castells sind in Katalonien nicht nur ein Sport, sondern Ausdruck des Nationalgefühls. In Kürze beginnt die Weltmeisterschaft der Menschenpyramiden.

Von Jens Wiesner


Laute Musik dröhnt aus den Lautsprechern des Schulkomplexes im Hafenviertel Serrallo der katalanischen Küstenstadt. Sie ruft die fünf- bis achtjährigen Schüler aus ihrer Pause zurück in den Unterricht. Zwei der Klassen verschwinden allerdings nicht wie gewohnt in ihren Räumen, um sich mit Einmaleins und spanischem ABC zu beschäftigen. Auf sie wartet heute ein ganz besonderes Programm: Eine ortsansässige "colla" (Gruppe) von Castellers hat ihren Besuch angemeldet, um ihren Sport den jungen Schülern nahe zu bringen – und in der Hoffnung, vielleicht das eine oder andere Nachwuchstalent zu entdecken.

Schon der Einzug der "Xiquets del Serrallo" (Kinder von Serrallo) gerät zum Spektakel. Unter lauten Trommelschlägen ziehen die in Marineblau gewandeten Castellers in die Aula der Schule und überstimmen sogleich jegliches Stimmengewirr der Schüler. Einige Kinder halten sich noch mit skeptischem Blick auf die lärmenden Neuankömmlinge die Ohren zu, andere, schon etwas Castell-Erfahrenere, stimmen begeistert mit Füßen und Händen in den Rhythmus der traditionellen Menschenturmmusik ein.

Ein Turm wie eine Familie

"Wir veranstalten alle zwei Wochen in verschiedenen Schulen der Umgebung einen solchen Kurs, um diesen Teil unserer Kultur auch in Zukunft lebendig zu halten", sagt Victor Solichero von den Xiquets. Der mittlere von drei Brüdern einer Familie von traditionellen Castellers ist schon seit zehn Jahren festes Gruppenmitglied und hochzufrieden mit dem Klima in seiner "colla". "Wir sind mit rund hundert Personen zwar nicht die größte und erfolgreichste Gruppe von Tarragona, aber dafür gibt es bei uns diesen besonderen Zusammenhalt - wie in einer großen Familie."

Während die Schüler mittlerweile selbst einige zweistöckige Castells ausprobieren, erklärt Solichero deren Geschichte. Laut einer Legende mussten während der Römerzeit Personen, die zu später Stunde vor den verschlossenen Toren Tarragonas standen, einen Menschenturm bauen, um die Stadt betreten zu können. Glaubhafter ist allerdings jene Erklärung, die in den Castells eine Evolution traditioneller valenzianischer Tänze aus dem 17. und 18. Jahrhundert sieht. Mitte des 19. Jahrhunderts etablierte sich dann in der Stadt Valls die Castells-Kultur, wie sie auch heute noch besteht. So kann es nicht verwundern, dass auch heute noch die höchsten und technisch perfektesten Castells mit bis zu zehn Stockwerken aus eben dieser Stadt und dem nahe gelegenen Vilafranca stammen.

"Es ist, als würden alle Menschen gemeinsam atmen"

Grundsätzlich besteht ein Castell aus drei Teilen: Die "pinya" bildet das Fundament des Turmes, ein ausgedehnter Ring von möglichst vielen Menschen, der zur Stabilisierung der Struktur, aber auch zur Sicherheit im Falle eines Einsturzes dient. Der vertikale "tronc", der Stamm, setzt sich - je nach Art des Castells - aus verschiedenen Etagen zusammen. Er kann aus mehreren "Menschenstockwerken" bestehen. Die letzten drei Etagen eines Castells werden "pom de dalt" (oberste Kuppel) genannt und sind normalerweise mit Kindern besetzt, die aufgrund ihrer Agilität und ihres leichten Gewichts bis zur Spitze klettern können.

Fertig aufgebaut ist ein Castell aber erst dann, wenn der "anxaneta", ein kleiner Junge oder ein kleines Mädchen, den Gipfel erklommen und die Zuschauermenge mit einer winkenden Handbewegung gegrüßt hat. Für ein perfektes Castell muss auch der darauf folgende Abbau gelingen.

Kraft, Mut, Gleichgewicht und Vernunft - so beschrieb der katalanische Dichter Joan Maragall die einzigen Voraussetzungen für den Casteller. "Es ist ein Sport, an dem wirklich jeder teilnehmen kann", fügt Tim Corman hinzu. "Während das Fundament eines Turmes kräftige und stabil gebaute Leute braucht, sind für die oberen Stockwerke ein ausgeprägter Gleichgewichtssinn und ein leichtes Gewicht vonnöten." Der stämmige Texaner mit dem buschigen Schnauzbart ist lebendes Beispiel dieses Prinzips. Vor einem Jahr ist er nach Tarragona gekommen, um am Aufbau einer amerikanischen Chemiefabrik zu arbeiten. Ein Arbeitskollege hatte ihn "nur zum Hereinschnuppern" zu einem Abend mit den "Xiquets" überredet. Nun baut Corman selbst an den Castells mit – in der Basis direkt in der Mitte. "Es ist, als würden alle Menschen gemeinsam atmen", beschreibt er das gleichzeitige Gefühl von Enge und Nähe.

Nachwuchssorgen

Als gefährlich würden weder Corman noch Solichero den Bau eines Castells beschreiben. "Wenn man fällt, fällt man gemeinsam" beschreibt der Katalane den Grund für die meist glimpfliche Landung mit blauen Flecken und Prellungen nach einem doch recht spektakulär aussehenden Sturz aus großer Höhe. "Was dabei größeren Schaden nimmt, ist der Stolz des Teams." Trotzdem muss er zugeben, dass es schwierig geworden ist, Nachwuchs zu finden - vor allem für den "anxaneta". "Natürlich schauen die meisten Eltern gerne zu, aber viele haben doch Angst, wenn ihr eigenes Kind hinaufsteigen soll."

Ob die Castells nun ein offizieller katalanischer Sport sind oder "nur" eine regionale Tradition, daran scheiden sich auch unter den verschiedenen "colles" die Geister. Für Solichero sind die Menschentürme vor allem eines: eine Möglichkeit, sich kulturell vom Rest Spaniens abzugrenzen. "Die ganze Welt denkt, dass Spanien nur Flamenco und Olé sei. Zumindest in Katalonien ist das nicht so." Das können seine Turmbauer in Kürze wieder beweisen: Am ersten Oktoberwochenende beginnt die im zweijährigen Turnus stattfindende inoffizielle Weltmeisterschaft der Castells in Tarragona.



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