Tauchen in Budapest Abstieg in die Unterwelt

Kristallhallen unter der Großstadt: Auf Taucher wartet in Budapest ein einmaliges Höhlensystem aus riesigen Domen und engen Gängen. Anfänger können nur die ersten Meter erkunden - die hintersten Winkel bleiben Vollprofis mit Unterwasserpropellern vorbehalten.

Von Linus Geschke


So was hatte der Achtjährige noch nicht gesehen: Monster, die aus der Unterwelt aufsteigen, am späten Nachmittag mitten in Budapest.

Erschrocken greift der Kleine nach der Hand seiner Mutter, ein unverständlicher Laut entfährt seinem Mund, und der freie Arm zeigt mit ausgestrecktem Zeigefinger auf tropfnasse Gestalten, um deren Füße sich kleine Pfützen bilden. Es sind Höhlentaucher, deren menschliche Gestalt hinter zahlreichen Flaschen, Schläuchen und den aus Trilaminat oder Neopren hergestellten Taucheranzügen fast verschwunden ist. Einer von ihnen ist Kurt Moser.

Der gelernte Ingenieur betreibt im österreichischen Saalfelden eine Tauchschule und kommt bereits zum dritten Mal in die ungarische Hauptstadt. Das unter dem zweiten Budapester Bezirk gelegene Höhlensystem Molnar Janos hat es ihm angetan: "Man sieht wunderbar die Schichtungen der Gesteine, hat enge Gänge und große Dome, die nach oben hin mit Luft gefüllt sind. Außerdem ist das Tauchen mit den ungarischen Führern ein echtes Vergnügen - unter Wasser sind sie hochgradig professionell, an Land offenherzig und gastfreundlich."

Der Abstieg in den Hades liegt eingebettet zwischen Ruinen und einem mit Seerosen bewachsenen Teich hinter einer unscheinbaren blauen Stahlklappe. Nur wenige Stufen sind es, dann stehen die Taucher bis zu den Knien im 24 Grad Celsius warmen Wasser. Moser hält kurz inne, kontrolliert ein letztes Mal seine Ausrüstung und nimmt die zweite Stufe seines Lungenautomaten in den Mund. Dann taucht er ab.

Haizähne unter dem türkischen Bad

Es wirkt, als zögen sich die Gänge endlos durch das poröse Gestein, sie ermöglichen einen faszinierenden Einblick in die Geologie der Stadt. Als Moser tiefer vordringt, sich durch Engstellen und an flachen Passagen vorbeischlängelt, gelangt er in eine riesige Halle, die einer Kathedrale gleich aus dem hellen Gestein gehauen scheint.

Es ist ein majestätischer Anblick, die sich dem erfahrenen Tauchlehrer bietet: Im kristallklaren Wasser wechseln sich marmorierte Kammern ab mit Wänden, die über und über mit schwarzen Baryt-Kristallen dekoriert sind. Ab und zu stößt er auf fossile Hinterlassenschaften - versteinerte Abdrücke von Muscheln und ein einzelner Haizahn, der zu Zeiten verloren ging, als Budapest noch unter dem Meeresspiegel lag.

Rund 50 Meter weit darf Moser in die verborgene Welt vordringen, dann ist Schluss für ihn. Der Großteil der Molnar Janos bleibt technischen Tauchern vorbehalten, die sich, mit heliumhaltigen Atemgasen versorgt, bis zu 80 Meter tief und mehrere Kilometer weit in das Höhlensystem vorgewagt haben.

Kaum einer kennt die Höhle so gut wie Sandor Kalinovits. Der Ungar hat hier nach eigenen Angaben rund 3000 Tauchgänge absolviert, Gänge erforscht und kartografiert. Er ist "Mister Molnar Janos". Wenn er heute Tauchgruppen begleitet und von "seiner" Höhle spricht, schwingt auch immer ein wenig Stolz mit: "Tauchen in der Molnar Janos, das ist wirklich einmalig. Keine andere Großstadt weltweit hat solche Höhlen zu bieten."

Wer bis in die entfernt liegenden Bereiche vorstoßen möchte, braucht neben einer dementsprechenden Ausbildung und Erfahrung vor allem eines: Ausrüstung im Gegenwert eines Kleinwagens. Ohne einen "Scooter" beispielsweise, hinter dem die Taucher sich herziehen lassen, ist das Ende der bisher verlegten Leinen nicht mehr zu erreichen.

Doch nicht nur unter Wasser, sondern auch an Land profitieren Einheimische und Touristen von dem warmen Thermalwasser, welches den Höhlengängen entspringt: Gegenüber dem Eingang zur Molnar Janos liegt das Lukács-Bad, erbaut 1842 im neoklassizistischen Stil und errichtet auf den Ruinen eines türkischen Bades aus dem 16. Jahrhundert. Seine acht Becken werden mit Quellwasser aus der Höhle gespeist.

Mit einem Atemzug in die Tiefe

Die 32-jährige Henriette Kissling braucht für einen Abstieg in Molnar Janos keine Tauchflasche, keinen Atemregler, kein Tarierjacket. Ihr genügen ein dünner Anzug aus Neopren, etwas Blei, eine Tauchermaske und ein paar Flossen. Die gebürtige Slowakin, die in Wien hauptberuflich als Tauchlehrerin arbeitet, ist eine der besten Apnoe-Taucherinnen Österreichs. Mit einem einzigen Atemzug kann sie knapp fünf Minuten unter Wasser bleiben. Apnoe ist griechisch und bedeutet "ohne Atem" oder auch "Atemstillstand": Es ist die ursprünglichste Art, die Unterwasserwelt zu erkunden.

Kissling kniet in den Ruinen des alten türkischen Bades, direkt neben dem kleinen Teich, von dem aus ein Nebengang in das Höhlensystem von Molnar Janos führt. Tief atmet sie ein, ihr Bauch wölbt sich dabei wie der einer Schwangeren. Ihre Augen sind geschlossen, der Gesichtsausdruck wirkt entspannt. Dann atmet sie durch gespitzte Lippen langsam und gleichmäßig wieder aus, bis ihre Rippenbögen hervortreten: Die Atemübungen reichern ihr Blut mit Sauerstoff an, verringern den Pulsschlag und dienen gleichzeitig der Konzentration.

Minuten später lässt sie sich langsam in den zugewucherten Teich gleiten, ein Sicherungstaucher begleitet sie dabei. Der letzte Atemzug an der Oberfläche, dann sinkt Henriette Kissling ab. "Ich fühle mich im warmen Wasser und in engen Höhlensystemen sehr geborgen", berichtet sie später. "Für mich ist das Entspannung pur. Die Gefahr beim Freitauchen liegt immer in der Selbstüberschätzung, man darf nie den Respekt vor dem Wasser und der Natur verlieren."

Ohne Hektik und mit gleichmäßigen Flossenschlägen gleitet die Taucherin durch verwinkelte Räume und passiert Engstellen, die teilweise nur 70 Zentimeter Durchmesser haben. Vorbei an unterschiedlichen Gesteinsschichten, versunken in ihrer eigenen Welt. Knapp drei Minuten dauert der Abstieg, dann hat die Sonne sie wieder.

Kurt Moser kann von einer solchen Mühelosigkeit nur träumen. Er erreicht, beladen mit schwerem Equipment, nach einer Stunde die Oberfläche. Ob Freitaucherin oder Gerätetaucher: Für beide zählt Molnar Janos zu den interessantesten und skurrilsten Tauchplätzen überhaupt - die Höhle inmitten der Großstadt. Eines jedoch hat Henriette Kissling dem mit Pressluftflasche und Atemreglern beladenen Tauchlehrer voraus: Kinder haben nach dem Tauchgang noch nie Angst vor ihr gehabt.



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