Tauchen in Grönland Unter Eisbergen

Wagemutige Taucher können vor Ostgrönland gleich zwei Arten von Arktis-Riesen ganz nah kommen: Eisbergen und Walen. Beides hat seine Tücken. Gerade deshalb bleibt eine Begegnung für Wassersportler unvergesslich.

Tobias Friedrich

Von Linus Geschke


In dem 2500-Seelen-Örtchen Tasiilaq prallen sie das erste und letzte Mal aufeinander, die verschiedenen Expeditionen. Immer im Roten Haus, dem einzigen Hotel des Ortes, das seit über 20 Jahren von dem Südtiroler Robert Peroni geführt wird. Es sind Extremsportler und Manager auf Sinnsuche, Kanu-Abenteurer und Wandergruppen. Die einen wollen in den Norden, die anderen folgen den Spuren großer Entdecker. Wieder andere zieht es gen Westen, einmal quer über das grönländische Inlandeis, das über 80 Prozent der Insel bedeckt.

In Tasiilaq, so viel scheint klar, kommt man an, um weg zu wollen. Nur Sven Gust nicht. Für ihn und seine "Northern Explorers" ist das an Grönlands Ostküste gelegene Dorf mit den bunten Holzhäuschen, den zackigen Berggipfeln und den in der Bucht schwimmenden Eisbergen bereits das Ziel. Und anders als die meisten anderen will er auch nicht auf das Eis, sondern darunter - genauer gesagt unter die Eisberge, die majestätisch vor der Küste treiben. Maximal sechs Teilnehmer nimmt er auf seinen Touren mit, viele Fotografen und Filmer sind darunter, aber auch erfahrene Taucher, die sich hier einen weißen Lebenstraum erfüllen wollen.

Sechs Männer sitzen in seinem acht Meter langen Kabinenboot. Mit den Trockentauchanzügen sehen sie aus wie Astronauten. Vor ihnen liegen ihre Pressluftflaschen, jeweils mit zwei Atemreglern ausgerüstet - sollte der eine vereisen, ist der zweite die Lebensversicherung. Die Wassertemperaturen kommen nur knapp über die Nullgradgrenze hinaus.

Wie ein lebendes Wesen

Gust arbeitet vor Ort mit Lars Anker Møller zusammen, einem Dänen, der seit 2001 auf Grönland lebt. Zuerst war er Briefmarkenhändler, dann Robbenjäger. Heute lebt er vom spärlichen Tourismus. Von der Vermietung zweier Holzhäuser, blau und rot gestrichen, die direkt aus einem Pippi-Langstrumpf-Film stammen könnten. Sven Gust sorgt für die Tauchlogistik und bringt die Gäste nach Grönland, Anker Møller fährt sie hinaus und bestimmt, an welchem Eisberg getaucht werden darf. Denn Eisberg ist nicht gleich Eisberg. Jeder hat einen eigenen Charakter. Im Roman von Peter Høeg hatte Fräulein Smilla ein Gespür für Schnee, Lars Anker Møller hat es für Eis.

So ein Eisberg strahlt, aus der Ferne betrachtet, eine unglaubliche Ruhe und Friedfertigkeit aus. Aber das täuscht. Je dichter man ihm unter Wasser kommt, umso mehr spürt man das Leben, das in ihm steckt. Er knirscht. Er knackt. Er bewegt sich, fast wie ein atmendes Wesen. Und manchmal schüttelt dieses Wesen tonnenschwere Brocken ab, die dann mit Wucht ins Meer fallen. Man möchte in einem solchen Moment nicht unter ihnen tauchen - oder mit einem kleinen Boot in der Nähe sein. "Stabil muss er sein, der Eisberg", sagt der Däne. Was passiert, wenn er sich mal irren sollte? Er lacht: "Das möchtest du nicht erleben."

Besonders schön ist das Eis jetzt, in den Wintermonaten. Dann ist es hart wie Stahl und die Sichtweiten in den Fjorden reichen bis zu 40 Meter weit. Aber dann gibt es keine Wale, weil die Fjorde komplett zugefroren sind und die Säuger zum Atmen nicht auftauchen können.

Im Sommer dagegen, wenn die Wiesen mit blühenden Weidenröschen bedeckt sind, wird es unter Wasser trüber, weil sich das schmelzende Süßwasser der Eisberge mit dem wärmeren Salzwasser des Meeres vermischt. Der Schönheit der weißen Giganten tut dies jedoch keinen Abbruch: Manche sehen aus wie überdimensionierte Golfbälle, andere haben scharfe Kanten, in denen man Hunderte bizarre Muster erkennen kann. Und jeder von ihnen ist dort, wo das Eis durch die Wärme antaut, mit einer Schicht überzogen, die ihn wie glasiert erscheinen lässt.

Die Qual, der Wal

Wer großes Glück hat, kann vor Tasiilaq auch mit einem Wal schnorcheln. Das Problem ist zum einen, dass diese selten an der Stelle auftauchen, an der sie zuvor abtauchten. Zum anderen schieben sie tonnenschwere Eisschollen, um die jedes Boot einen weiten Bogen macht, wie Kinderspielzeug zur Seite.

Auf einen Wal muss man warten. Mit abgeschaltetem Motor lauscht man in einem der menschenleeren Fjorde dem Plätschern der Wellen, bis der Wal zum Luftholen an die Oberfläche kommt und mit seinem mächtigen Blas die Stille zerreißt. Es sind Momente, die einen andächtig zurücklassen und es gibt nicht wenige, denen es dabei die Tränen in die Augen treibt.

Sven Gust ist nur fünf- bis sechsmal pro Jahr für jeweils eine Woche in Grönland, dennoch hat er eine komplette Logistik dauerhaft in Tasiilaq stationiert. "Das ist immer noch billiger, als den Kompressor und die Tauchflaschen jedes Mal von Norwegen aus herüberzubringen." Luxus dürfen die Gäste nicht erwarten, auch nicht die Servicementalität mancher tropischer Tauchbasis. "Besucher müssen sich klarmachen, dass die Einwohner Ostgrönlands bis 1884 völlig isoliert lebten. Auch heute noch sind viele Jäger und Sammler. Das hier sind keine Tauchurlaube mit Verwöhncharakter - das sind immer noch Expeditionen."

Tasiilaq mag unberührt sein, ein Paradies für die Einwohner ist es nicht. Es gibt keine Industrie und keinen nennenswerten Tourismus. Früher waren viele Einwohner Jäger, doch längst gibt es starke Restriktionen, was den Wal- und Robbenfang angeht. Die Inuit leben meist vom Tauschhandel und dem wenigen, was der dänische Staat ihnen gibt - wobei man den Zahltag oft daran erkennt, dass gegen Abend Alkoholleichen auf den Bürgersteigen liegen.

Die Einwohner kämpfen mit Depressionen, Identitätsverlust und einer hohen Suizidrate, gerade unter Jugendlichen. "In letzter Zeit hat sich das jedoch ein wenig gebessert.", sagt Sven Gust. "Der Tourismus hier ist im Kommen und immer mehr Inuit verdienen sich, zumindest saisonal, ein wenig als Fremdenführer oder Dienstleister dazu." Er verweist auf seinen Partner, Lars Anker Møller: Bis zu fünf Inuit arbeiten bei ihm. Es könnten bald noch mehr sein - vor allem, wenn nicht nur Besucher nach Tasiilaq kommen, die direkt wieder weg wollen.


Buchtipp
Tobias Friedrich: "Die Kunst der Unterwasserfotografie". dpunkt.verlag; 34,90 Euro

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
meisterpopper 02.01.2014
1. Und was soll man da ?
"vor allem, wenn Besucher kommen, die nicht direkt wieder weg wollen." Im Artikel steht doch, dass es kaum Infrastruktur, Arbeitsplätze und keine Industrie gibt; also was sollte mich dort hinziehen ? Der tägliche Kampf ums Überleben ? Abenteuer - ok, aber alles andere ist utopisch.
kallekie 02.01.2014
2. ich vermute,
ein guter reisebericht ist ein text, dessen bilder und sprache das gefuehl gibt, vor ort zu sein. also dann: beste Gruesse aus groenland;-) und danke an den autor!
fucus-wakame 02.01.2014
3. 190 dB eines Buckelwals
Ein Buckelwal schafft einen Schalldruck von 190 dB (Dezibel). Der sogenannte Wasser-Schalldruck ist allerdings nicht mit dem normalen Schalldruck an der Luft vergleichbar. Wenn man ca. 62 dB abzieht, kommt man nährungsweise auf ca. 128 dB. (also zwar immer noch sehr laut, allerdings weitab von den 190 dB)
Celegorm 02.01.2014
4.
Zitat von meisterpopper"vor allem, wenn Besucher kommen, die nicht direkt wieder weg wollen." Im Artikel steht doch, dass es kaum Infrastruktur, Arbeitsplätze und keine Industrie gibt; also was sollte mich dort hinziehen ? Der tägliche Kampf ums Überleben ? Abenteuer - ok, aber alles andere ist utopisch.
Im Artikel steht auch, dass der Tourismus dort unterentwickelt ist, weil der Ort fast ausschliesslich als Sprungbrett für Touren genutzt wird. Der Schlusssatz bezog sich darum logischerweise nicht darauf, dass Leute dorthin kommen sollen, um sich dauerhaft niederzulassen, sondern als Touristen (!) länger vor Ort bleiben werden wenn es entsprechende Anreize dazu gibt - ob nun das Tauchen, Wale oder was auch immer - und damit auch die örtliche Wirtschaft stärken würden. Also eine durchaus vernünftige Aussage..
iceice 02.01.2014
5. optional
...es gibt die Natur, die für sich spricht in ihrer grenzenlosen Schönheit, Unberührtheit und Zerbrechlichkeit. Es gibt die Eisberge mit ihrem unbeschreiblichem Zauber, es gibt die Menschen mit ihrer Offenheit, Wärme, diesem Lachen in den schmalen Augen. Wer nach Grönland kommt, ist nicht auf der Suche nach einer touristisch durchorganisierten Infrastruktur, er kommt wegen dem, was das Land von sich aus gibt, er kommt zum Wandern, zum Kajak fahren, Fotografieren, Tauchen, wie im Artikel zu lesen, vielleicht auch wegen der Wale der Eisbären, und ist zum Stück weit auch auf der Suche nach einem einfachen Leben und der grönländischen Kultur. Der Artikel spricht auch von einem Anfang des Tourismus - wir sollten nicht vergessen das Tasiilaq selbst erst 1894 gegründet wurde! - der ist gemacht. Es gibt das Rote Haus von Robert Peroni und ein Hotel sowie einige private Unterkünfte, es gibt ein Cafe, zwei Supermärkte... und immer wieder...es gibt diese Freundlichkeit, die uns mit offenen Armen empfängt. Wer das "Wagnis" ein Mal auf sich genommen hat, wird es nie mehr vergessen.
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