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Tauchen in Ligurien: Im Heiligtum der Wale

Von Linus Geschke

Gigantische Wracks, farbenprächtige Korallengärten und spielende Delfine: An Italiens Riviera zwischen San Remo und La Spezia liegt ein traumhafter Tauchspot neben dem anderen. Ab und zu erheben Pott- und Finnwale ihre Fluken wie zum Gruß an die Sportler.

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Wenn die Mitglieder des aus Nürnberg angereisten Tauchvereins jetzt eins nicht brauchen, dann das: hineinschlüpfen in einen hautengen Neoprenanzug, eine kabbelige Ausfahrt mit einem kleinen Boot und den anschließende Abstieg ins frisch-kühle Mittelmeer. Der gestrige Abend war lang, in Portofino war Fiesta, und der verpasste Schlaf drückt noch auf die Augenlider. Doch sie sind hier, um Liguriens schönste Tauchplätze zu erkunden - und dies geht nun mal nicht vom Strand aus.

Die Pressluftjünger steigen ins Boot und suchen sich einen Platz in der Nähe ihres Tauchgeräts. Allmählich wird es ihnen heiß unter dem Anzug. Mit einem lauten "Andiamo!" treibt Paolo, der Skipper, die letzten Trödler zur Eile an. Endlich startet er den Motor und tuckert aus dem Hafen. Mit gedrosseltem Tempo durchkreuzt er die Bucht, vorbei an Luxusyachten und der in den Fels gehauenen Villa Paraggi, in der sich hin und wieder Regierungschef Silvio Berlusconi zum Urlaub einmietet.

Außerhalb der Bucht gibt Paolo Gas. Das Boot fliegt über die Wellen, fällt und steigt: Rodeo auf dem Meer. Die Taucher krallen sich an der Halteleine fest, Tauchflaschen scheppern gegeneinander. Dann ist es soweit: "Uno, due, tre", mit einer Rückwartsrolle lassen sie sich in die Fluten fallen.

Farbpracht der Meeresmargeriten

Mit dem Eintauchen verschwindet die Müdigkeit, das schwere Tauchgerät ist nur noch ein leichter Rucksack, und die Taucher werden zu Spaziergängern unter Wasser. Die steil abfallenden, von der Brandung rundgespülten Felsen prägen auch die Landschaft unterhalb der Oberfläche. Wie von Riesenhand aufgetürmt liegen Brocken auf dem Meeresboden. Einige Felsen haben Gesichter, andere sind zerkratzt von dem herabstürzenden Geröll vergangener Zeiten. Große Kolonien an Krustenanemonen, von den Italienern "Margherite di Mare" genannt, überziehen die Steine wie mit einem gelben Blütenmeer.

Corbis
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Tiefer unten ist die Fauna eine andere. An der Unterseite der Felsen hängen im Halbschatten Hunderte roter Korallen. Im Mittelmeer ist so eine hohe Konzentration heute kaum mehr zu finden: Zu intensiv wurden sie jahrzehntelang zur Schmuckherstellung abgefischt. Am Rande des Korallengartens wächst ein weiterer Tiefenschmuck, rotgefächerte Gorgonien, die außerhalb des Lichtkegels der Taucherlampen dunkelblau am Stein kleben. Dazwischen lugen immer wieder dicke Muränen aus den Spalten, das Maul weit geöffnet.

Ein Schwarm silbriger Brassen zieht langsam an den Tauchern vorbei. Eine Gruppe Makrelen taucht plötzlich auf, jagt hektisch durch die Brassen hindurch, rauf, runter und weg. Die Zackenbarsche, die hier heimisch geworden sind, stehen nur da und schauen zu - sie können sich sicher sein, dass ihnen nichts passiert. Seit über zehn Jahren darf im Meeresschutzpark von Portofino nicht mehr harpuniert und kommerziell gefischt werden.

Von Portofino aus steuern die Nürnberger ihren nächsten Tauchspot an. Sie fahren vorbei an Genua und folgen Richtung Arenzano einer Küstenstraße, die wahrlich das Wörtchen "pittoresk" verdient. Es riecht nach Salz und Zitrusfrüchten, der warme Wind streichelt die Haut, und in den verwinkelten Ortschaften sitzen Greise auf hölzernen Schemeln vor kleinen Trattorien: Italien wie aus dem Bilderbuch.

Stählerner Riese des Mittelmeeres

Ihr Ziel: der 334 Meter lange Tanker "Amoco Milford Haven", der 1991 in der Bucht von Genua beim Löschen seiner Ladung Feuer fing. Es war die verheerendste Ölkatastrophe an der ligurischen Küste. Das Schiff zerbrach in zwei Teile, die hintere Sektion mit einer Länge von rund 250 Metern versank anderthalb Seemeilen von Arenzano entfernt: Die "Haven" ist heute die größte Schiffsruine im Mittelmeer und eines der größten Wracks weltweit.

Der Tanker liegt in mehr als 80 Metern Tiefe auf Grund, beziehungsweise steht so aufrecht auf dem Kiel, als würde er noch immer Fahrt aufnehmen wollen. Vom Rumpf bis zur Kommandobrücke ist das Wrack so hoch wie ein 18-stöckiges Hochhaus. Darüber liegt eine Wassersäule von 30 Metern. Den riesigen Kamin hat man abgesägt, damit die Schiffe, die den Hafen von Genua anfahren, nicht an ihm hängenbleiben.

Wer lange und tief tauchen will, findet hier seinen Spielplatz. Aber auch gewöhnliche Sporttaucher kommen an dem Mega-Wrack auf ihre Kosten. Ein Seil führt die Gruppe hinunter ans Schiff, Tauchguide Mauro beobachtet sie dabei genau: Schon manche Taucher sind ins Bodenlose gefallen, weil sie die Tiefe unterschätzten oder zu betrunken sind vom Stickstoff, der hier unten ihr Blut anfüllt.

Die Decks führen ins Dunkel und sehen aus "wie die Absätze einer überdimensionalen Treppe". Scharen von roten Fahnenbarschen bevölkern das Wrack. Die Leitern, die von Deck zu Deck führen, sind mit Algen und Austern überwachsen. Ein Meeraal versteckt sich in einem kleinen Kamin und zuckt ärgerlich hin und her, als ihn der Schein der Lampe trifft. In den Kontrollraum gelangt man durch ein ausgebranntes Fenster. Er ist leer, die Flammen haben die Zwischenwände und Instrumente zerstört - nur eine kleine Statue ist noch da: ein Heiliger, der die Besatzung vor Unglück bewahren sollte.

"Wal! Da bläst er!"

Neben Muränen, Brassen und Meeraalen tummeln sich auch Säugetiere vor der ligurischen Küste: Der gesamte Abschnitt oberhalb Sardiniens gehört zum Santuario dei Cetacei, zum "Heiligtum der Wale". Das Meeresschutzgebiet wurde 1999 auf Betreiben der Anrainerstaaten Italien, Frankreich und Monaco eingerichtet. Delfine, Große Tümmler und Grindwale lassen sich hier regelmäßig beobachten. Ab und zu kommen selbst Finn- und Pottwale vorbei, stoßen an der Oberfläche ihren Blas aus und tauchen wieder in die Tiefe ab, die mächtige Fluke wie zum Gruß erhoben.

Die Chance, diese anmutigen Giganten zu Gesicht zu bekommen, ist bei "Whale watching"-Touren allerdings deutlich höher als bei einem Tauchgang. Wie auch Manuela Capone von der Tauchbasis "Pianeta Blu" in Ventimiglia sagt: "Delfine sehen wir öfters unter Wasser. Aber die großen Wale meiden die küstennahen Gebiete, sie ziehen meist im offenen Meer vorbei."

Tauchgänge vor der Blumenriviera rund um San Remo lohnen aber auch ohne Walbesuch, meint die Nürnbergerin Nina: "Ob versunkener Hubschrauber oder ein Kampfflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg, zu entdecken gibt es genug. Dazu kommt der für das Mittelmeer gute Fischreichtum, bestimmt durch wuselige Fahnenbarsche, beeindruckende Muränen und hellrote Meerbarbenkönige - der einzigen Kardinalbarsch-Art in europäischen Gewässern." Ihr persönliches Highlight? "Ein zwei Meter großer Mondfisch, der sich an der Wasseroberfläche von Vögeln die Schuppen putzen ließ." Die diskusförmigen und plump wirkenden Fische lassen sich oft stundenlang an der Oberfläche treiben, ihre bis zu zwei Tonnen schweren Körper zur Seite neigend.

Für den Tauchclub ist der Aufenthalt beendet, zumindest, was das Tauchen betrifft. Die Speicherkarten ihrer Digitalkameras sind voll, die Erinnerungen im Kopf. Morgen Mittag geht ihr Flieger zurück nach Deutschland - und falls es ihnen am letzten Abend noch langweilig werden sollte, wird sich in einer der vielen kleinen Ortschaften sicher wieder eine Fiesta finden.

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Ligurische Küste: Tauchers Traum

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