Tauchen in Tirol Schwerelos im Kristallsee

Die Sicht ist klar, die Tierwelt rar: Doch auch ohne bunte Korallenriffe und riesige Fischschwärme sind Bergseen ein geradezu spirituelles Erlebnis für Taucher. Dabei wird es oft ganz schön kalt - und unerfahrene Wassersportler können verheerende Schäden anrichten.


Nassereith - Der Weltraum liegt in Österreich - na ja, zumindest erscheint es manchem Urlauber so. Denn zwischen den Gipfeln Tirols verstecken sich Bergseen, die zu den besten Tauchgewässern Europas zählen. Ihr Wasser ist frisch wie Mineralwasser und so klar, dass es fast unsichtbar ist. Völlig losgelöst schweben Taucher dort im Nichts, in einem fast leeren Wasserkörper. Aber immerhin: Ein paar Lebewesen gibt es. Astronaut Thomas Reiter dürfte neidisch werden.

Überraschung im kristallklaren Wasser: Im Samaranger See in Tirol können Taucher diese an ein Grab erinnernde Gedenkstätte entdecken
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Überraschung im kristallklaren Wasser: Im Samaranger See in Tirol können Taucher diese an ein Grab erinnernde Gedenkstätte entdecken

Der Samaranger See bei Nassereith scheint unter Wasser nicht von dieser Welt zu sein: Kein Schwebeteilchen trübt die Sicht. Von der Mitte des runden Sees aus ist das Ufer in 40 bis 50 Meter Entfernung deutlich zu erkennen. Taucher, die sich um ihre Achse drehen, haben den ganzen See gesehen. Auf einem Sockel ragt ein Kreuz aus Stein wie ein Grabstein in die Höhe. Daneben steht ein Glas mit einer verwelkten roten Rose, ans Kreuz gelehnt ist ein Bilderrahmen mit dem Foto eines Mannes. Wie kann man hier verunglücken? Der See ist nur 17 Meter tief. Es gibt eigentlich nichts, was gefährlich sein könnte.

Zwei Taucher werfen im Licht der Mittagssonne deutliche Schatten. Sie scheinen in der Mitte des Sees im Nichts zu schweben. Einzig die Blasen ihrer Atemgeräte, die wie glänzende Glaskugeln aus den Mündern sprudeln, zeigen an: Sie befinden sich im Wasser. Und wenn sie die Oberfläche durchstoßen, dann ist es so, als würden sie in einem wabernden Spiegel verschwinden: Der gesamte See ist dort zu sehen, nur eben auf den Kopf gestellt. Mit der oberen Hälfte scheint sich der Wasserkörper des kreisrunden Sees zu einer Kugel zu verbinden.

Zu hoch für große Fische

In der Ferne ziehen Saiblinge ihre Bahn. Sie sind die einzigen Fische, die es in diesen Quellsee auf rund 1000 Meter Höhe geschafft haben. Gelohnt hat sich die Mühe nicht: Die Saiblinge des Samaranger Sees sind deutlich kleiner als anderswo. Was sollen sie hier auch fressen? Statt bei 75 Zentimeter ist für die Kümmerformen schon bei 20 Zentimetern Länge Schluss.

Kaum anders ist das Bild im Fernsteinsee, der 100 Meter weiter hinter einem Wald liegt. Neben den Saiblingen lassen sich hier aber auch Forellen und kleine Welse entdecken. Die Sicht ist kaum schlechter als in seinem kleineren Nachbarn. Im Gegensatz zum Samaranger See, dessen Wasser durch den Boden gefiltert wird, hat der Fernsteinsee einen Zufluss: Ein Bach führt ihm Quellwasser zu. Zwischen den Unterwasserpflanzen am flachen Ufer gründeln Enten. Von unten sehen sie aus wie Bojen mit Schwimmfüßen.

Ein Blick in die Wunderwelt dieser beiden Bergseen ist aber nur erfahrenen Tauchern gestattet: Mindestens 50 Tauchgänge sollten im Logbuch stehen, für Tauchgänge im Samaranger See sogar 80. Unerfahrene Taucher, die nicht genug Abstand vom Seeboden halten, könnten Sedimente aufwirbeln, die sich auf den Unterwasserpflanzen absetzen. Die bekommen dann zu wenig Sonnenlicht und sterben. Bedingt durch die große Kälte des Wassers - auch im Sommer wird es nicht wärmer als 6 bis 8 Grad - dauert es Jahrzehnte, bis sich die Pflanzen regenerieren und nachwachsen können.

Freier Blick auf die Zugspitze

Weniger streng sind die Zugangsbestimmungen zum Blindsee, der in rund 1000 Meter Höhe ebenfalls am Fernpass liegt. Sein Wasser ist nicht ganz so quellklar und das Ökosystem nicht ganz so empfindlich wie im Samaranger See und im Fernsteinsee. Mit Sichtweiten von bis zu 15 Metern stellt sich aber auch hier ein Raumgefühl ein. Besonders interessant ist das Nordwestufer des maximal 24 Meter tiefen Gewässers. Die kahlen Stämme umgestürzter Bäume liegen an einer Steilwand kreuz und quer übereinander - ein Mikado für Riesen.

Der Taucher scheint im Nichts zu schweben: In klaren Bergseen wie dem Samaranger See in Tirol reicht die Sicht Dutzende von Metern weit
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Der Taucher scheint im Nichts zu schweben: In klaren Bergseen wie dem Samaranger See in Tirol reicht die Sicht Dutzende von Metern weit

Zwischen den Stämmen sind silbrige Fische auszumachen: Zander. Im Frühjahr bewachsen die Raubfische ihre Nester. Ebenfalls häufig sind Forellen, auch ein größerer Hecht lässt sich ab und zu sehen. Nach einem Tauchgang an der Steilwand belohnt der Blindsee Taucher mit einen Ausblick, den die beiden anderen Gewässer nicht bieten: die freie Sicht auf die Tiroler Seite des Zugspitzmassives, dessen felsiger Rücken sich über den umliegenden Bergwald erhebt.

Noch näher an der deutschen Grenze liegt der Urisee. Das wenige Kilometer von Füssen entfernt in Reutte gelegene Gewässer ist für allem für Tauchschüler geeignet: Fest installierte Plattformen in 4, 10 und 20 Meter Tiefe bieten einen festen Untergrund für Übungen. Der von Wäldern eingerahmte See besteht aus zwei trichterförmigen Becken, die von einer Landbrücke in etwa sechs Meter Tiefe getrennt werden.

Taucher nennen sie auch die "Urifalle", weil schon so mancher Taucher glaubte, er folge dem Ufer - und sich nach dem Auftauchen dann mitten im See wiederfand. Zu sehen sind im Urisee Forellen, Schleie, Barsche und Karpfen sowie ein überfluteter Wald.

Fällt der Wasserspiegel in niederschlagsarmen Jahren, kann dies allerdings nicht passieren. Dann erhebt sich die "Urifalle" über die Oberfläche und teilt den See in zwei Becken für Anfänger und Fortgeschrittene. Während der vordere Teil eher flach ist, kommen im hinteren auch die Tiefenjäger unter den Sporttauchern auf ihre Kosten: Schluss ist dort erst bei rund 38 Metern.

Arnd Petry, gms



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