Tauchen vor Madeira Robbenflirt mit Biss

Darf es ein wenig mehr sein? Für Taucher gerne! In den Gewässern von Madeira treffen sie auf Makrelen, Barrakudas und Zackenbarsche, die größer sind als in vielen anderen Ozeanen der Welt. Auch seltene Robben haben wenig Scheu - und zeigen gerne Zähne.

K. Backman

Von Linus Geschke


In 20 Metern Tiefe kommt es zum ersten Blickkontakt. Braune Augen auf der einen, grau-schwarze auf der anderen Seite. Die einen geschützt durch eine Maske, die anderen gänzlich ungeschützt dem Salzwasser ausgeliefert. Ein kurzer Flossenschlag zur Annäherung: Flirtversuch bei drei bar Umgebungsdruck. "Blubb" macht der Atemregler, der Fisch macht gar nichts. Vielleicht ist er schüchtern und zurückhaltend, vielleicht hat er auch einfach kein Interesse.

Wer weiß schon, was in so einem Schuppenvieh vor sich geht? Mit seiner stattlichen Erscheinung - gut anderthalb Meter lang und mit prallen Rundungen versehen - wird das Prachtexemplar wohl häufiger angeflirtet. Ängstlich ist es zumindest nicht: Der Fluchtinstinkt, bei den meisten Fischen gut ausgebildet, ist dem Zackenbarsch im Garajau-Nationalpark irgendwie abhanden gekommen. "Wenn Zackenbarsche nicht gejagt werden, sind sie recht zutraulich", sagt Jorge Vila, Mitarbeiter einer örtlichen Tauchbasis. "Und unsere hier im Nationalpark sind fast schon handzahm."

Das liegt zum einen daran, dass in dem seit 1986 unter Naturschutz gestellten Gebiet weder harpuniert noch geangelt werden darf. Zum anderen aber auch daran, dass die bis zu 70 Kilogramm schweren Barsche von Zeit zu Zeit von Tauchführern angefüttert werden. Das darf man zwar nicht, wird aber kaum konsequent kontrolliert und deshalb öfters praktiziert. Zwar rebelliert das ökologische Gewissen bei der Vorstellung an Fütterungen ein wenig, die Augen jedoch können sich von dem Anblick kaum lösen: Selten hat man Gelegenheit, einen solchen Klops mit Kulleraugen so lange betrachten zu können.

Irgendwann wird der Flirtversuch dann aber zum starren Blickduell, ähnlich dem, den sich zwei Boxer unmittelbar vor einem Kampf liefern. Der Barsch gewinnt. Während dem Taucher am Ende der Luftvorrat knapp wird, klebt der Fisch mit einer Beharrlichkeit auf seiner Position wie einst Helmut Kohl an seiner Kanzlerschaft.

Ein wenig wilder, ein wenig größer

Die "Blumeninsel", die "Insel des ewigen Frühlings" oder auch der "Paradiesgarten des Atlantiks": Fast alle gängigen Bezeichnungen Madeiras könnten direkt einem Rosamunde-Pilcher-Roman entsprungen sein. Die Wirklichkeit ist nicht ganz so farbig, schon gar nicht unter Wasser. Da herrschen Grün und Blau vor, weit entfernt von der Farbenpracht tropischer Riffe, aber deswegen nicht weniger reizvoll. Nur anders. Alles ist ein wenig wilder, ein wenig dunkler, ein wenig größer. Was vor allem für die Fische gilt: Makrelen, Goldstriemen und Brassen sieht man an vielen Plätzen weltweit, jedoch selten in solchen Ausmaßen wie hier.

"Taucher können sich jetzt in den Sommermonaten auf Mantas freuen", verspricht Jorge. Zwischen Juli und Oktober kommen die Rochen an die Küsten Madeiras, sie messen meist zwischen drei und vier Meter Spannweite und bleiben für Wochen da. Sie sind nicht so zutraulich wie die Zackenbarsche, bewegen sich aber dafür deutlich eleganter. Gerade dann, wenn sie in der Strömung stehen, ihre Nahrung aus Plankton filtrieren und dabei ab und zu Loopings drehen. Warum sie das machen? Vielleicht wissen sie einfach nur, wie vollendet sie dabei aussehen - Flirten auf Rochenart.

Stilecht feiern lässt sich eine Begegnung mit den schwebenden Teppichen anschließend am besten bei einem Abendessen im Reid's Palace: Das 1891 erbaute Hotel in der Nähe der Inselhauptstadt Funchal verströmt aus jeder Mauerfuge die Grandezza einer vergangenen, hochherrschaftlichen Epoche. Kaiserin Elisabeth von Österreich ("Sissi") pflegte hier ihre Depressionen, George Bernard Shaw tanzte im Ballsaal Tango, und Winston Churchill hat auf der Terrasse die Malerei für sich entdeckt. Seine Bilder sind Orgien in Rot, Pink und Gelb. Schwarz verwendete er nie, Grau war für ihn "selbstmordgefährdend" und Braun einfach nur "erbärmlich" - was auch an politischen Assoziationen gelegen haben mag.

Tauchgang gegen düstere Gedanken

Vielleicht hätten die drei ihren Kopf einfach mal unter die Wasseroberfläche stecken sollen. Der Tanz der Mantas hätte auch George Bernard Shaw begeistert, und Churchill hätte sein Farbspektrum um einige dunkle Töne bereichern können. Nicht nur die grau-blauen Zackenbarsche des Garajau-Nationalparks wären - alleine schon aufgrund ihrer ausgeprägten Bewegungsarmut - ideale Motive für den Maler geworden.

In den zahlreichen Unterwasserhöhlen rund um Madeira könnten fast schon surreale Hell-Dunkel-Bilder entstehen. Die Bewegungen der großen Barrakudaschwärme, die durch den Nationalpark ziehen, würden jeder Zeichnung eine einzigartige Dynamik verleihen. Und Sissi? Jorge lacht: "Die hätte ich zu einem ganz besonderen Tauchgang ganz in der Nähe unserer Basis mitgenommen. Da wäre die ihre Depressionen schon losgeworden, darauf könnte ich wetten!"

Bei diesem besonderen Tauchgang ist es nicht tief, und auf den ersten Blick gibt es auch nichts Besonderes zu sehen. Jorge wendet sich der Wand zu, die von großen Höhlen durchlöchert ist. Ein paar kleinere Barsche tummeln sich hier, Bärenkrebse und Trompetenfische. Doch dann schießt irgendetwas Großes, sehr Bewegliches aus der Höhle direkt auf die Taucher zu.

Knabbern, Zwicken, Testen

Knapp zwei Meter ist sie groß, die Mönchsrobbe. Und überhaupt nicht scheu. Sie scheint die Nähe der Taucher geradezu zu suchen, schwimmt um sie herum, ist mal über, mal unter ihnen. Robben haben keine Hände, und wenn sie etwas näher untersuchen möchten, nehmen sie dazu die Schnauze. Dann spürt man schon mal die großen Eckzähne, es zwickt ganz schön.

Zubeißen will das Raubtier nicht, das würde sich anders anfühlen, sondern nur ein wenig spielen. Und der Taucher lässt das gerne über sich ergehen: Mönchsrobben gehören zu den seltensten Tieren Europas, und an kaum einem Fleck hat man bessere Chancen, ihnen nahe zu kommen, als an der Südküste Madeiras.

Wäre Sissi jetzt dabei, wären ihre Depressionen in diesem Moment schlagartig vergessen. Wahrscheinlich aber auch jeder Gedanke an den guten Franz Joseph I.: Dem Flirtversuch einer tollenden Mönchsrobbe mit Schnäuzer könnte sich auch eine Kaiserin von Österreich kaum entziehen.



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