Tauchparadies in Kroatien Ein Großmaul kommt selten allein

Wer in Europa eine Insel sucht, die von Touristenrudeln verschont geblieben ist, wird in Kroatien fündig - dem Militär sei Dank. Über Wasser begeistert eine verwilderte Ex-Sperrzone, unter Wasser warten fette Zackenbarsche und mysteriöse Wracks.

Von Linus Geschke

Toni Pisano

In den frühen Morgenstunden zieht es Harald Mathä hinunter ans Meer. Er blickt über gelbblühenden Ginster, über die Macchia, die die Felsen bedeckt und über eine Meeresoberfläche, die leicht gekräuselt vor ihm liegt. Lastovo, die der Küste am weitesten entfernt liegende Insel Kroatiens, ist ein Refugium für Individualisten; für Wanderer, Mountainbiker, Segler. Und für Taucher.

Der Österreicher Mathä ist ein Kenner der kroatischen Unterwasserwelt, so etwas wie hier hat er jedoch noch nie gesehen. "Keine Taucherrudel, keine überfüllten Tauchspots, kein Massenbetrieb - herrlich! An manchen Plätzen kommt man sich vor, als sei man der erste Mensch, der hier abtaucht." Mathä zwängt sich in seinen Neoprenanzug, kontrolliert mit seinem Tauchpartner die Ausrüstung, atmet einmal prüfend aus dem Automaten und steigt ab.

Als sich das Wasser der Adria über ihm schließt, gleitet er an Steilwänden entlang, die mit Einschnitten und Kerben versehen sind. Zwischen Gorgonien versteckt lauern Drachenköpfe auf Beute, Mittelmeermuränen schauen aus Spalten hervor, und Mönchsfische durchstreifen das Wasser auf der Suche nach Plankton. Der Österreicher lässt sich tiefer fallen, knapp 40 Meter zeigt sein Tauchcomputer an. Vor ihm knickt die Steilwand zu einer Ecke ab - eine Stelle, an der auch ein wenig Strömung herrscht. Mathä flösselt langsam weiter, bis silbern glitzernde Leiber in sein Blickfeld geraten: eine kleine Gruppe Sardinen, die vor den Tauchern sofort die Flucht ergreift.

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Eine Stunde dauert sein Tauchgang, kurze Zeit später sieht der 42-Jährige wieder Sardinen. Diesmal liegen sie gesalzen auf seinem Teller, in einer der kleinen landestypischen Gaststätten, die von den Kroaten Konoba genannt werden. Es ist die einzige Konoba auf Lastovo, "Bacvara" liest man auf dem Namensschild, ein Familienbetrieb. In einer Ecke steht eine alte Weinpresse, gefertigt aus Gusseisen, die wunderbar zu dieser Insel passt, auf der die Zeit den Atem angehalten hat. "Lastovo ist Dalmatien, wie es früher einmal war", sagt Mathä, dann wendet er sich dem Essen zu.

U-Boot-Bunker und Artilleriestellungen

Bis in die neunziger Jahre hinein war Lastovo militärisches Sperrgebiet, eine für Ausländer verbotene Zone. Wege, gesäumt von dornigem Gestrüpp, führen an Zeugen dieser Vergangenheit vorbei: Baracken und Artilleriestellungen, dazu ehemalige U-Boot-Bunker und ein Offizierskasino, durch dessen zerbrochene Scheiben man einen Blick auf patriotisch wirkende Wandmalereien werfen kann, deren ehemals grelle Farben verblassen. In der Luft hängt der Duft von harzigen Pinien, Grillen zirpen, Vögel zwitschern, Touristen sieht man hier kaum.

Rückblickend erscheint die langjährige Militärpräsenz fast wie ein Glücksfall für die Insel. Sie verhinderte, was man andernorts in Kroatien so häufig findet: zubetonierte Strände und Hotelanlagen, die den Charme sozialistischer Plattenbauten verströmen. Der Massentourismus ist auf Lastovo bis heute nicht angekommen - es gibt nur ein Hotel und einen Campingplatz, die meisten der wenigen Besucher wohnen in privaten Apartments. Seit 2006 leben die knapp 1300 Einwohner der 46 Quadratkilometer großen Insel in einem Nationalpark. Parkranger achten auf die Einhaltung der Bestimmungen - über wie unter Wasser.

"Viele Kroaten sind begeisterte Speerfischer", erklärt Mathä. "Was leider zur Folge hat, dass Taucher kaum Fische zu Gesicht bekommen, die größer als eine Bratpfanne sind." Im Lastovo-Nationalpark ist das Harpunieren nun verboten, die Auswirkungen auf die Fischwelt sichtbar. Auf Großfisch werden Taucher zwar vergeblich hoffen, doch finden sich in Überhängen und Höhlen hier "Zackenbarsche und Barrakudas, die ich ansonsten in Kroatien fast nie gesehen habe." Ist Lastovo für den Kroatienkenner nun das beste Tauchgebiet der Adria? "Das will ich so nicht sagen. Aber es ist ganz sicher eines der ursprünglichsten."

"Wie Rippen von einer Wirbelsäule"

Als die Sonne ihren Zenit überschritten hat, bereitet sich Harald Mathä auf seinen zweiten Tauchgang vor. Es geht hin zu einem namenlosen Dampfschiff, dem vermutlich Anfang des 20. Jahrhunderts eine als "Plic Drasan" bezeichnete Untiefe zum Verhängnis wurde. Bereits im flacheren Bereich stößt der Österreicher auf die Überreste der Bugsektion, der Wellen und Brandung stark zugesetzt haben. Langsam gleitet Mathä tiefer, seine Augen scannen die Konturen des Schiffes ab, suchen nach interessanten Details oder Artefakten. Später wird er sich begeistert zeigen: "Ein nicht geplündertes Schiff in solch flachen Gewässern, an dem noch Bullaugen, Handräder und der Anker vorhanden sind, ist eine echte Seltenheit!"

Dann erreicht er den Dampfkessel, ein Stück Industriegeschichte, "wie ein von Meisterhand geformtes Fass". Das Holz des Schiffes ist schon lange verrottet, übrig ist das stählerne Skelett, von dessen Kiel die Spanten "wie Rippen von einer Wirbelsäule" abstehen. Der Lichtstrahl seiner Taucherlampe streift über das Schiff hinweg und stockt: ein Conger, der zur Familie der Meeraale gehört und über zwei Meter lang werden kann. Der schlangenähnliche Räuber ernährt sich von Kopffüßern und kleineren Fischen, Taucher stehen nicht auf seinem Speiseplan.

Überhaupt ist der Fischreichtum rund um das versunkene Relikt recht groß: Die einen suchen Schutz und Behausung, die anderen Beute. Doch Mathä hat dafür jetzt keinen Blick mehr, sein Interesse hat sich verlagert, hin zu Zeugen einer Vergangenheit, die zwei Jahrtausende zurückliegt.

Amphoren aus der Antike

In der Nähe des Dampfseglers liegen Amphoren über den Hang verstreut. Sind sie römischer Herkunft, stammen sie aus Griechenland? Mathä ist kein Archäologe, er kann nur raten. Nur ein kleiner Teil der Artefakte ist vollständig freigelegt. Die Masse bleibt vom Sand bedeckt, unter dem man nur Konturen erahnen kann.

Spätestens jetzt fühlt Mathä sich als Entdecker. Ruhig und gleichmäßig zieht er Luft aus seinem Atemregler, während er die Umgebung nach den Überresten des antiken Schiffes absucht. Ein faszinierendes Kopfkino, aber auch ein hoffnungsloses Unterfangen: Entweder ist das hölzerne Wrack tief vom Sand begraben oder schon lange zerfallen.

Wieder an Land schnürt Mathä die Wanderschuhe, als die Dämmerung von der Nacht vertrieben wird. Sein Ziel ist ein Hang, auf dem Oliven und Wein angebaut werden, abseits jeder Ortschaft gelegen. Mit ihm erklimmen ein paar Astronomen die Anhöhe, die für ihre Sternenbeobachtungen den Umstand nutzen, dass die nächste größere künstliche Lichtquelle auf Lastovo über 50 Kilometer entfernt liegt.

Lichtverschmutzung? Hier erscheint dies noch wie ein Begriff aus einer anderen Welt. Es gibt in Europa kaum noch Inseln, die mehr Einsamkeit als Lastovo verströmen - über wie unter Wasser.



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