Tessin Am Ende der Welt - mitten in Europa

Die schönste Sackgasse der Schweiz heißt Valle Onsernone. In diesem Tessiner Tal ist man buchstäblich am Ende – zum Glück! Denn hier können stressgeplagte Städter nicht nur das Lärmen der Zivilisation hinter sich lassen, sondern auch eine ungezähmte Natur entdecken.


Der Blitz schlägt keine hundert Meter über den Häusern im Berg ein. Man sieht ihn nicht direkt, sondern nur das Aufleuchten der talfüllenden Wolken, die sich als dichter Nebel über das Dorf gelegt haben. Unmittelbar darauf rollt der Donner mit ohrenbetäubendem Geschepper den Hang hinunter, prallt gegen die Felswände auf der gegenüberliegenden Seite, überschlägt sich und kehrt als monströses Echo zurück. Alles bebt. Sogar der Berg scheint unter der Naturgewalt zu erzittern. Gleichzeitig legt der Regen noch einen Zahn zu. Der dichte Vorhang aus herabprasselndem Wasser braucht keinen Vergleich mit tropischen Schauern zu scheuen. Weitere Blitze folgen. Das Donnern reißt nicht ab. In einer solchen Nacht bleibt den Menschen im Valle Onsernone nichts anderes übrig, als sich mit einem Glas Wein an den Kamin zu setzen und zu warten, bis die Natur ihr Schauspiel beendet und man ruhig schlafen kann. Der Strom fällt diesmal nicht aus.

Am nächsten Morgen sind die Wolken höher gestiegen. Sie haben sich um den mehr als zweitausend Meter hohen Gipfel des Madone festgesetzt und den Blick auf die Dörfer Auressio und Loco freigegeben. Wie Schwalbennester kleben die Orte am Hang. Es regnet noch immer. Der Wald ist durchtränkt wie ein riesiger grüner Schwamm. Die Berge speien, jede Falte in den felsigen Hängen hat sich in einen rauschenden Wasserfall verwandelt.

Baumhaus oder Jurte?

Johannes Lustenberger mag dieses Wetter. "Ist es nicht herrlich?", fragt er lächelnd, und macht eine ausladende Handbewegung in Richtung der grandiosen Landschaft. "Die Natur ist hier einfach kräftiger". Lustenberger weiß, wovon er spricht. Seit 30 Jahren bewirtschaftet der gebürtige Deutschschweizer zusammen mit seinem Freund Peter Gugger den Hof "Vosa di dentro" am Eingang des Tales. Sie bauen Obst und Gemüse zur Selbstversorgung an und betreiben ein sozial-kulturelles Begegnungszentrum. Feriengäste sind willkommen. Wer will, kann im geräumigen Baumhaus übernachten oder eine liebevoll eingerichtete mongolische Jurte beziehen.

Das Valle Onsernone im italienischsprachigen Schweizer Kanton Tessin ist ein Paradies für Naturliebhaber. Ein Tal der Extreme, steil und zerklüftet, ohne horizontale Flächen. Der Fluss Isorno ist kaum zu sehen. Er schlängelt sich versteckt am Boden der Schlucht, die den unteren Teil des Tales ausmacht. Dörfer und Siedlungen liegen zwei- bis dreihundert Meter höher, quasi auf halbem Weg zu den ringsum aufragenden Gipfeln.

Die Schlucht selbst duldet keine menschliche Präsenz. Reißende Hochwasser und Unwetter richten immer wieder verheerende Schäden an, wie zuletzt im Jahr 1978, als die Fluten mehrere Brücken zerstörten und ein Bergrutsch in der Nähe des Taleingangs sogar einen natürlichen Stausee entstehen ließ. Überhaupt ist die Erde hier alles andere als stabil. Gerölllawinen sind nicht selten, und Steinschlag gehört fast zum Alltag. An gefährlichen Stellen trifft man auf Bildstöcke mit Darstellungen von Schutzheiligen oder der Mutter Gottes. Glaube versetzt hier keine Berge, sondern soll sie in Schach halten.

Das Thermalbad wurde ein Opfer der Lawinen

Wie bedrohlich die Natur hier manchmal auch wirken mag, es ist genau diese Ungezähmtheit, die den Besucher des Valle Onsernone in ihren Bann schlägt. Der Kontrast zur mondänen Stadt Locarno oder dem versnobten Ascona am nahen Lago Maggiore könnte nicht größer sein. Insgesamt acht Dörfer und ein paar Weiler liegen aufgereiht entlang der einzigen Straße. Sie haben ihren ursprünglichen Charakter bewahrt und strahlen einen stillen Charme aus. Touristenbusse trifft man hier nicht.

Zweiundzwanzig Kilometer sind es von Intragna an der Talmündung bis Spruga in über tausend Meter Höhe. Von dort aus geht es zu Fuß weiter. Nach einer halben Stunde erreicht man die verlassene italienische Grenze und die Bagni di Craveggia, ein von Lawinen zerstörtes Thermalbad. Hier weitet sich das Tal und verliert sich an den Hängen der umliegenden Berge. Ein lichter Wald aus Grau-Erlen säumt den Isorno. Das Lärmen der Zivilisation hat der Wanderer schon längst hinter sich gelassen.

Auf der Südseite des Tales erstrecken sich urwüchsige, dunkle Nadel- und Mischwälder. Junge Bäume sprießen aus feuchtem Moos, ein Schwarzspecht fliegt vorbei. "Hier finden Sie den größten Weißtannen-Bestand der Südschweiz", schwärmt Kantonsoberförster Mario Delucchi. Seit 2002 steht der größte Teil des Gebiets als Waldreservat unter Schutz, die Natur darf sich jetzt vollkommen frei entfalten.

Botanisches Duftbouquet

Bei aller Schönheit - für die Bewohner gestaltete sich das Leben im Onsernone bis weit in das 20. Jahrhundert hinein alles andere als angenehm. Landwirtschaft war in dieser kargen Landschaft nie ertragreich und Hunger alltäglich. Nur Esskastanienbäume konnten auf den steinigen Hängen wirklich gut gedeihen. Folglich waren deren gedörrte Früchte lange Zeit das wichtigste Grundnahrungsmittel der Bewohner. Das Tal war faktisch übervölkert. Bereits im 16. Jahrhundert suchten vor allem junge Männer ihr Glück in Italien, Frankreich, Deutschland und Flandern. Später emigrierten viele nach Nordamerika.

Obwohl die Landflucht nach wie vor anhält, hat in den vergangenen Jahrzehnten auch eine umgekehrte Entwicklung stattgefunden. Stressgeplagte Stadtmenschen aus anderen Teilen der Schweiz und dem Ausland kauften – und kaufen – alte Natursteinhäuser, sogenannte Rustici, um darin während der Ferien oder sogar dauerhaft zur Ruhe zu kommen.

Max Frisch war einer von ihnen. Der Züricher Schriftsteller kaufte 1964 ein Haus in Berzona. Es diente ihm bis kurz vor seinem Tod 1991 als Refugium. Das Valle Onsernone und seine gewalt(tät)ige Natur inspirierten Frisch zu der Erzählung "Der Mensch erscheint im Holozän", eine düstere Parabel über die Nichtigkeit des Menschen angesichts einer gleichgültigen Umwelt. Doch hat der Autor vielleicht nur auf seine Seite des Spiegels geschaut?

Der Tessiner Regen fordert eine gewisse Hingabe an die Natur und erlaubt es dem Wanderer, mit der Landschaft zu verschmelzen. Mit etwas Glück begegnet man dann Gämsen, die bis in die untere Regionen absteigen. Aber das Tal kann natürlich auch anders. Im Sommer, wenn lange Schönwetterperioden den Wald trocknen und sich die ganze Landschaft in ein botanisches Duftbouquet verwandelt, ist die Nähe zu Italien mit allen Sinnen spürbar.

Wohlgefühl durchfährt die Glieder

Das Onsernone bietet zwar eine breite Palette aus gut markierten Wegen, aber Jausenstationen und dergleichen sind leider dünn gesät. In den Dörfern entlang der Straße gibt es jedoch einige gemütliche Gaststätten. Am Dorfplatz von Russo kann man unter den südländischen Arkaden des Palazzo Moschini einen ausgezeichneten Espresso oder ein kühles Bier genießen und dabei die Strapazen von sich abgleiten lassen.

Spätestens nach drei, vier Tagen Aufenthalt erfüllt den Besucher eine ungewohnte innere Ruhe. Freiheit ist kein abstrakter Begriff mehr. Das Tal fordert und verlangt nichts: keine Sehenswürdigkeiten, die man abhaken muss, keine Seilbahnen, die einen zu hoch gelegenen Gletschern schleppen wollen, keine aufdringliche Folklore. Die Zeit scheint sich zu verdichten. Wohlgefühl durchfährt die Glieder, gleich ob man in der Natur unterwegs ist oder nur in der Sonne sitzt und seine Gedanken mit den Bussarden über die Schlucht kreisen lässt. Wahrlich ein paradiesischer Ort.



Forum - Urlaubsland Schweiz - was sind die Höhepunkte?
insgesamt 241 Beiträge
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Seite 1
inci 12.10.2006
1.
---Zitat von sysop--- Gipfel wohin man auch schaut: Die Schweiz ist vor allem für ihre Berge berühmt. Welche sind für Sie die schönsten? Was lohnt sich noch zu entdecken im Land der Eidgenossen? ---Zitatende--- engadiner nußtorte und toblerone..........
Reziprozität 12.10.2006
2.
---Zitat von sysop--- Gipfel wohin man auch schaut: Die Schweiz ist vor allem für ihre Berge berühmt. Welche sind für Sie die schönsten? Was lohnt sich noch zu entdecken im Land der Eidgenossen? ---Zitatende--- Wer des Hochalpinen müde ist und die besagten berühmten Berge alle schon mal abgeklappert hat, dem empfehle ich eine Stippvisite im Appenzeller Land: Gonten/Gontenbad (http://www.gonten.ch/gonten/), sehr zu empfehlen...
sojiti, 12.10.2006
3.
---Zitat von Reziprozität--- Wer des Hochalpinen müde ist und die besagten berühmten Berge alle schon mal abgeklappert hat, dem empfehle ich eine Stippvisite im Appenzeller Land: Gonten/Gontenbad (http://www.gonten.ch/gonten/), sehr zu empfehlen... ---Zitatende--- (Sach mal Rezi, wie hast Du das denn hinbekommen, ein eigener Fred für Dich?) Also ich hab eigentlich nur den Gotthardt-Tunnel in Erinnerung, lange davor stehen im Stau, lange darin stehen im Stau und dabei Holländer beobachten, die in Parkbuchten Picknick gemacht haben....
tatanka yotaka, 12.10.2006
4.
---Zitat von sysop--- Gipfel wohin man auch schaut ... ---Zitatende--- Stimmt, besonders bei den Preisen ... ---Zitat von sysop--- Was lohnt sich noch zu entdecken im Land der Eidgenossen? ---Zitatende--- Vor allen Dingen die hohe Kunst der Rosinenpickerei ...
Rainer Helmbrecht 12.10.2006
5.
---Zitat von sysop--- Gipfel wohin man auch schaut: Die Schweiz ist vor allem für ihre Berge berühmt. Welche sind für Sie die schönsten? Was lohnt sich noch zu entdecken im Land der Eidgenossen? ---Zitatende--- Der liebe Gott ging mit dem Erzengel Gabriel nach der Erschaffung der Welt auch noch mal durch die Schweiz. Sie bewunderten die Freipferde im Jura. Die Bernhardinerhunde, die saftigen Wiesen in den Tälern, auf den Höhen. Die Gipfel der hohen Berge, die vielen Seen, ein Teil des Landes war schöner, als der nächste. Da fragte der Erzengel Gabriel: Herr, ist das nicht zu viel Schönheit und Reichtum für ein einziges Land? Und der antwortete: du weisst, dass ich die Gerechtigkeit selbst bin, nun warte mal ab, was ich hier für Menschen hinsetze;o).
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