Tessin Dolce Vita unter Palmen

Karge und tiefe Täler schneiden sich in das Bergmassiv, weit öffnet sich der Blick über den Lago Maggiore und in Locarno treffen sich derzeit die Cineasten zum Filmfest. Das Tessin bietet die perfekte Mischung aus Kunst, Kultur und Natur.


Locarno - Das Tessin ist auch innerhalb der Schweiz eine Welt für sich - und zwar eine, die Touristen eine perfekte Mischung bietet: Kunst und Kultur gibt es genug für zahllose Studienreisen. Wer eher Lust auf entspanntes Shopping hat oder mit Blick auf die Piazza in Ruhe im Café sitzen möchte, hat dazu in Städten wie Locarno oder im benachbarten Ascona reichlich Gelegenheit. Dolce Vita ist im Tessin kein Fremdwort, der südlichste Kanton der Schweiz gehört klimatisch und vom Lebensgefühl her schon zu Italien.

Der Zug ins Tessin namens Cisalpino fährt ab Zürich bis Mailand, und die Ansagen sind von Anfang an auch auf Italienisch. Wenn es gut geht, scheint schon in Zürich die Sonne, als kleiner Vorgeschmack auf den Kanton, in dem Palmen und Bananenstauden wachsen und der Himmel zumindest im Sommer fast immer blau ist - genau wie der Lago Maggiore, der bekannteste See der Region.

Zum größeren Teil gehört er zu Italien, nur zu rund einem Fünftel zur Schweiz. Hoch oben über seinem Ufer liegt am Rand von Locarno die Wallfahrtskirche Madonna del Sasso, die seit langem eine ungewöhnliche Faszination ausübt. Im Altarraum rückt am späten Nachmittag ein Mönch in dunkelbrauner Kutte das Messbuch zurecht. Ein Zweiter zündet eine Kerze an. Bis zur Messe ist noch etwas Zeit. Doch in den Bänken sitzen im Halbdunkel schon einige Gläubige, ein Mann mit Rosenkranz ist im Gebet versunken. Und auch die Orgel spielt schon leise.

Silberne Herzen zum Dank

Die Messe wird jeden Tag zweimal gelesen, morgens bereits um 7 Uhr und abends um 17 Uhr, sonntags um 11 Uhr sogar auf Deutsch. Sieben Kapuzinermönche leben hier im Kloster. Bruder Alberto und Bruder Frederico nehmen auch die Beichte ab - wer das möchte, kann sich telefonisch bei ihnen melden.

Es gibt ganz unterschiedliche Gründe, Madonna del Sasso zu besuchen. Ein sehr plausibler Grund ist der ungewöhnliche Blick auf den Lago Maggiore. Viele andere kommen wegen der Mutter Gottes: Die ockerfarbene Wallfahrtskirche, die als eine der schönsten des Tessins gilt, verdankt ihren Bau Bartolomeo d'Ivrea. Der Mönch hatte als Eremit dort in den Bergen gelebt. In einer Nacht des Jahres 1480 erschien ihm die Jungfrau Maria. Die Stelle, an der er die Vision hatte, galt danach als heilig - und zieht, seitdem die Kirche geweiht wurde, Pilgerscharen an, die darauf vertrauen, dass sich die Wunder wiederholen.

Ganz schlecht stehen die Chancen nicht, wenn man die zahllosen Votivgaben als Kriterium nimmt, die Gläubige der Kirche geschenkt haben, als Dank dafür, dass ihre Gebete erhört wurden: Dutzende kleiner silberner Arme und Beine sind darunter - als Zeichen dafür, dass Kranke von ihren Leiden befreit wurden. Kleine Tafeln hängen an den Wänden mit dem Schriftzug "Grazie!". Ein Mann hat ein Bild gestiftet, das den Autounfall zeigt, den er selbst überlebt hat. Und ein anderer namens Stefano hat ein silbernes Herz gespendet, weil er aus dem Fenster gefallen ist, ohne sich dabei das Genick zu brechen.

Kirchen gibt es im katholischen Kanton Tessin viele, auch viele ausgesprochen schöne. San Vittore in Muralto bei Locarno ist eine der wichtigsten aus der Zeit der Romanik. Die Chiesa Di San Francesco in Locarno selbst ist eine eher schlichte - und die Einzige im Tessin, in der die Gottesdienste nur auf Deutsch gehalten werden.

Festival von Locarno im August

Mittelpunkt Locarnos ist die Piazza Grande, ein auffallend großzügiger Platz, den viele ansehnliche Häuser einrahmen. Jedes Jahr im August zieht es die Film-Fans hierhin, die Reiseführerin Ruth Marty gehört dazu. "Die ganze Piazza steht dann voller Stühle", erzählt sie. "Man sitzt unter freiem Himmel. Abends um halb zehn bewegt sich ein Lichtkegel auf den Turm des Alten Rathauses - und dann beginnt auf der Leinwand über dem Platz der Film." Seit 60 Jahren ist das so. Und neben Retrospektiven sind immer auch Premieren zu sehen. Das Filmfestival von Locarno hat längst über den Kanton hinaus Bedeutung gewonnen.

Hauptstadt des Tessins aber ist Bellinzona. Mit touristischen Hotspots wie Ascona und Lugano kann sie nicht mithalten, wird aber von immer mehr Besuchern des Tessins entdeckt. Auch der alte Stadtkern hat etwas: Bürgerhäuser in Hellgelb und Hellrot stehen dort. Und rot ist auch das Rathaus mit seinen Terrakottafiguren an der Fassade. An der Piazza Nosetto, wo samstags Markt ist, plätschert Wasser in einen Brunnen. Die umstehenden Häuser zeigen schmiedeeiserne Renaissance-Balkone - Touristen bummeln hier ganz entspannt.

Berühmt aber ist Bellinzona für seine Burgen: Wer alte Festungsanlagen mag, ist hier genau richtig. Castelgrande heißt die älteste, die mitten auf einem Felsen die Stadt überragt. "Die erste Burg wurde schon von den Römern angelegt", erzählt Ruth Marty. Zur Kontrolle der Alpenpässe war sie Jahrhunderte lang wichtig - auch noch, als Bellinzona 1503 eidgenössisch wurde. Kunsthistorisch interessant ist vor allem eine Ausstellung mit Bildern, die einst die Kassettendecke eines Patrizierhauses dekoriert haben: Um 1470 sind sie entstanden - zu einer Hochzeit.

Verkehrte Welt: Prediger Wolf

Die faszinierenden Bilder haben noch nach mehr als 500 Jahren kräftige Farben und eine verwirrend große Motivvielfalt: Porträts aus den Familien des Hochzeitspaars sind zu sehen, daneben Einhörner, Kamele, Pfaue und Elefanten, aber auch Szenen aus der "verkehrten Welt": ein Wolf, der Gänsen predigt, zum Beispiel oder ein Ochse, der einen Menschen den Wagen ziehen lässt. Architektonisch ungewöhnlich ist auch der doppelte Zinnengang zur Verteidigung nach beiden Seiten - "breiter als die Chinesische Mauer", sagt Ruth Marty, "zugegebenermaßen nicht so lang."

Das Tessin hat aber auch ganz andere Seiten: Täler, in denen sich kleine Dörfer aneinander reihen, die im Winter fast von der Außenwelt abgeschnitten sind und in die sich auch im Sommer kaum Touristenbusse verirren. Nördlich von Locarno gelegen lohnt das Leventina-Tal einen Abstecher, schon allein wegen des kleinen Dorfes Giornico. Im Mittelalter kamen Händler und Pilger auf der St.-Gotthard-Route hier regelmäßig vorbei. Heute liegt es abseits der großen touristischen Routen. Besucher zieht es nun genau deswegen hierher - und wegen der kunsthistorischen Besonderheiten des kleinen Ortes.

Mitten durch Giornico hindurch fließt der Ticino, schlängelt sich in zwei Armen vorbei an riesigen Felsbrocken und bildet zwei kleine Inseln. Auf der einen Seite des Flusses liegt das alte Dorf. Dessen Häuser mit Steinschindeln und Holztreppen erinnern noch mehr ans Mittelalter als an die Moderne. Und für die Casa Stanga gilt das auch buchstäblich: Das Haus war damals eine Herberge - und ist heute ein kleines Museum. Seine Vorderfront ist bunt wie ein Bilderbuch, dekoriert mit den Wappen früherer Gäste.

Ziegen und Kaninchen in der Kirche

Der Ticino, in Giornico noch schmal, aber schnell, wird über eine alte Steinbrücke überquert. Die andere Seite gehört den Kirchen, gleich vier romanische gibt es, schon das ist rekordverdächtig. Ein steiler Weg führt an Weinbergen entlang noch oben zu San Nicolao, die den Ruf hat, die schönste romanische Kirche des Tessins zu sein. Von der Wandbemalung in der Apsis sind nur noch Reste erhalten. Die Innenwände der ehemaligen Klosterkirche aus rauen Felsquadern sind ohne Bilder und sogar ohne Putz - schlichter geht es nicht mehr, und eindrucksvoll ist es trotzdem.

Umso mehr heben sich die Fabelwesen und Tierfiguren ab, die in der Kirche immer wieder zu entdecken sind: Das Portal bewachen Löwen. Aber auch Ziegen und Kaninchen dekorieren die Kapitelle der Säulen. Besucher heute können sich leicht vorstellen, dass Menschen im Mittelalter ihren Spaß daran hatten, sich das anzugucken und diese phantasievolle Bildsprache zu entziffern, die so viel filigraner ist als der schlichte Stein der Mauern - auch das irgendwie eine perfekte Mischung.

Von Andreas Heimann, gms



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