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Tiroler Skiort Ischgl: Herr Holle und sein Schnei-Kommando

Von Johannes Schweikle

Wenn die Wintersportler anrücken, dann muss der Tiroler Skiort Ischgl mit idyllischem Weiß geschmückt sein - und das dann fünf Monate lang. Herr der Schneekanonen ist Erich Rudigier. Für seinen Job verschwindet er schon mal im Untergrund.

Porträt: Der Wintermacher von Ischgl Fotos
Johannes Schweikle

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Im November klingt Ischgl so: Kreissäge. Akkuschrauber. Bohrmaschine.

Außer den Handwerkern ist kaum jemand im Dorf unterwegs. Alle Bars und Clubs, denen dieser Skiort in Tirol seinen Ruf verdankt, sind noch geschlossen. Vor dem goldenen Eingang zum "Pacha" parkt eine Stretchlimousine. Abgemeldet, ohne Nummernschild. Sie macht Werbung für einen Drink, der irgendwas mit Paris Hilton zu tun hat. Auf der schwarzen Motorhaube liegt fünf Zentimeter hoch der erste Schnee.

300 Meter höher, im Skigebiet von Ischgl, fährt Herr Holle mit seinem Allrad-Pick-up durch 30 Zentimeter Pulverschnee. Er zeigt auf eine Kapelle und sagt: "Im Herbst machen wir immer eine Wallfahrt. Zur Muttergottes bei der Mittelstation."

Beten Sie um Schnee? "Das jetzt nicht", sagt Herr Holle.

Auf der Gampenalp hält er an, klappt mitten in der Wiese einen Blechdeckel auf und steigt in einen schmalen Schacht. Unten öffnet er ein Ventil, dann zischt es. So laut wie bei einer Explosion, aber nicht so kurz. Der Krach dauert minutenlang an. Im Hintergrund steht eine Heuhütte, neben dem Schacht ragt eine Schneelanze silbrig in den grauen Himmel.

Herr Holle heißt Erich Rudigier und ist der Chef der Schneemacher von Ischgl. Auf der Gampenalp muss er ein Problem lösen: Eine der zehn Meter hohen Lanzen lässt keinen Kunstschnee auf die Piste 38 rieseln, weil ein Ventil undicht ist. Bevor er dieses auswechseln kann, muss er den Druck aus der Leitung ablassen. Deshalb der Krach.

Schneeunterlage für das Ski Opening

Der Mann, den sie hier den Schnei-Chef nennen, ist 53 Jahre alt. Auch wenn er in der Pumpstation in noch größerem Lärm arbeitet, trägt er nicht die Ohrenschützer, die in einem Kästchen an der Wand hängen. Die Wollmütze muss reichen. Der schwarze Skianzug, den alle Arbeiter der Silvretta Seilbahn AG tragen, hat auf der Schulter einen roten, von der Sonne ausgebleichten Streifen.

Der November ist für Herrn Holle der wichtigste Monat. Jetzt arbeiten 15 Mann in seinem Schneikommando. Im Dreischichtbetrieb rund um die Uhr. Am 30. November eröffnet Ischgl die Wintersaison mit einem Popkonzert. Auf der Bühne am Parkplatz spielt "Nickelback". Wer einen Skipass kauft, bekommt freien Eintritt. Bis zu 20.000 Gäste werden erwartet, die vor oder nach der Party vielleicht Ski fahren wollen. Da kann sich Ischgl nicht auf die Natur verlassen. Wer seiner Kundschaft alpinen Lifestyle verspricht, muss mehr als 30 Zentimeter Neuschnee bieten.

Herr Holle ist etwa so alt wie das Skigebiet von Ischgl. Anfang der sechziger Jahre wurde hier die erste Seilbahn gebaut. Erich Rudigier lernte Installateur, dann ging er zur Bergbahn. Wenn zu wenig Schnee lag, musste er an den kritischen Stellen der Piste Stroh über die Steine streuen und Schnee darüber schaufeln.

1982 machte die Seilbahngesellschaft den ersten Versuch mit einer geliehenen Schneekanone. Bei der Feuerwehr holten die Männer einen langen Schlauch und hängten ihn in den Bach. Die Kanone lief mit einem Dieselmotor. Wenn der aussetzte, weil nicht rechtzeitig nachgetankt wurde, gefror das Wasser im Schlauch.

11,5 Millionen Euro für Kunstschnee

Heute hat Herr Holle eine Schneizentrale. Im Keller der Mittelstation steht sein Computer. Mit ein paar Mausklicks kann er seine Maschinen steuern: 950 Lanzen, 60 Kanonen. Die Lanzen produzieren Schnee auf einem Haufen, den die Pistenraupe dann verteilen muss. Die Kanonen können mehr. Die besten haben 60 Meter Wurfweite, die TF 10 ist schwenkbar.

Damit die Maschinen rund um die Uhr mit Wasser, Strom und Druckluft versorgt sind, buddelt Herr Holle mit seinen Männern im Sommer die Berge auf. Vier Speicherteiche haben sie angelegt, mehr als 60 Kilometer Kabelgräben gebaggert. Zum Glück sieht man im Winter diese Narben in der Landschaft nicht. Da liegt ja Schnee.

Ischgl bietet 238 Pistenkilometer, 90 Prozent des Skigebiets liegen höher als 2000 Meter. Jeden Winter fallen hier im Schnitt 6,5 Meter Schnee. Trotzdem werden 90 Prozent aller Pisten künstlich beschneit. Die Greitspitze ist der höchste Berg des Skigebiets, 2872 Meter hoch.

Auch er ist bis ganz oben mit Kanonen bestückt. Sie sind gerade außer Betrieb, weil der Wind zu stark bläst. Sonst würde der Maschinenschnee im Gelände landen, und dafür ist er zu teuer. Es kostet etwa fünf Euro, einen Kubikmeter Kunstschnee zu produzieren. Jeden Winter stellt Herr Holle 2,3 Millionen Kubikmeter her - macht also 11,5 Millionen Euro.

"Der Winter ist schon nicht schlecht"

An seinem Computer kann Herr Holle die Qualität des Schnees einstellen. Die Skala reicht von null bis zehn. Null ist fast so fein wie der Pulverschnee, von dem Freerider träumen. Aber diesen Stoff können die Kanonen nur produzieren, wenn es kalt und trocken ist. Bei drei Grad unter null und feuchter Luft muss Herr Holle den Regler Richtung zehn schieben. Die nasse Pampe, die dann aus den Düsen regnet, will kein Skifahrer. Aber der Schnei-Chef braucht sie als Unterlage für den Winter.

Der muss in Ischgl bis in den Mai dauern. Egal, wie das Wetter wird - am 3. Mai muss auf der Idalp das Abschlusskonzert mit Riesenparty stattfinden. So lange laufen die Lifte, bis dahin werden die Pisten präpariert. Jedes Mal, wenn die Pistenraupe walzt, wird der Kunstschnee kompakter. Jedes Mal, wenn am Steilhang ein Skifahrer oder Snowboarder mit seinen Stahlkanten drüber schrappt, verdichten sich die ursprünglichen Kristalle zu Kugeln. Das fühlt sich dann an wie eine Eisplatte.

Auf dem Rückweg von der Reparatur auf der Gampenalp kommt Herr Holle an goldgelben Lärchen vorbei. Ihre feinen Nadeln schimmern im Neuschnee, der vom hohen Himmel gefallen ist. Eine Tierspur führt in den Wald. "Das war ein Reh", sagt Erich Rudigier. Er ist Jäger, und wenn er von der Jagd erzählt, liegt viel mehr Begeisterung in seiner Stimme, als wenn er über das Skifahren spricht.

Freut er sich noch über den ersten Schnee? Der Schnei-Chef schweigt eine Weile. Die Mundwinkel unter dem Schnurrbart bewegen sich nicht. Dann sagt Herr Holle: "Der Winter ist schon nicht schlecht. Aber bei uns halt ziemlich lang."

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insgesamt 54 Beiträge
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    Seite 1    
1. Hoch lebe der Umweltschutz
alyeska 27.11.2013
Warum vergewaltigen wir die Natur denn um jeden Preis? Zuerst machen wir das Klima kaputt und dann "reparieren" wir die angerichteten Schäden mit Kunstschneekanonen. Und das schlechte Gewissen spülen wir dann anschliessend an den vielen Bars mit kreativem Schnapps runter. Wir sind schon intelligent.
2. optional
Bobby Shaftoe 27.11.2013
Was für ein wunderbar unreflektierter Artikel über den Raubbau in den Alpen. Die Schi-Industrie ist ein ökologischer Supergau, Schneekanonen zerstören systematisch das Ökosystem der Berge. Aber am Schluss des Artikels hoppelt ja das Reh durch den Text und damit hat man das Thema ja auch irgendwie angestreift. Und Herr Holle ist auch noch Jäger, das passt ja wie Arsch auf Eimer.
3. Spaßgesellschaft
klettermax1964 27.11.2013
So ist es richtig. Damit die solargebräunte Goldkettchentragende SUV-Gesellschaft auf jeden Fall zu ihrem Schnee kommt. Die Alpen verkommen durch diesen ganzen Skizirkus zur Kulisse. Es lebe die Spaßgesellschaft, die ihrem ach so schnöden Alltag entfliehen muss. Erbärmlich.
4. Kanonen
cato-der-ältere 27.11.2013
"Schneekanonen". Der Begriff sagt ja alles: die Konsumgesellschaft unterwirft die Natur ihren Bedingungen. Zuerst werden Schneisen in den Wald geschlagen, was schon hässlich und fatal genug ist, Liftkonstruktionen in den Grund gerammt, und dann rückt man mit Kanonen an. Hollodriho, was sind wir doch für Naturburschen! Die Bauern, ob Bergbauern/Grundbesitzer oder Flachlandtiroler mit Agro-industriellem Betrieb, machen unser Naturerbe platt. Weit mehr als die böse Schwerindustrie. Aber die Politik, allen voran die "christliche", kriecht denen traditionell in den Allerwertesten. Was angesichts des kleinen Bevölkerungsanteils und Beitrags zum Sozialprodukt, dem Städter ein ewiges Rätsel ist. Und die Lobbys zeichnen unverdrossen das Bild des traditionellen Bäuerleins mit der Sense, dem Hüter der Natur. Ein Sensenmann ist er schon, aber anders...
5. Äpfel und Birnen...
ChristianHartmann 27.11.2013
...oder besser Trabi und Golf Ihre Angaben stimmen nicht. Die blaue Maschine auf dem Bild ist keine TF10. Das auf dem Foto gezeigte Modell stammt vom Hersteller Lenko, die TF10 ist eine technisch deutlich leistungsfähigere Maschine vom Hersteller TechnoAlpin
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Zur Person
  • Thomas Müller
    Johannes Schweikle, Jahrgang 1960, kennt lange Winter, denn er ist im Schwarzwald aufgewachsen. Heute lebt er als freier Autor in Tübingen. Für die SPIEGEL-ONLINE-Porträtkolumne "Schneemenschen" ist er unterwegs ins vergängliche Glück der weißen Kristalle.
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swiss-image.ch
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