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Eintrittspreise in Spanien: Schlammschlacht um Touristen

Von Andreas Drouve

Erstmals müssen Spanien-Urlauber für ein Stadtfest Eintritt bezahlen: Zehn Euro kostet die Teilnahme an der weltbekannten Tomatina in Buñol. Zusätzliche Tourismuseinnahmen sollen die Folgen der Krise abfedern - auch andere Attraktionen des Landes erhöhten zuletzt massiv ihre Preise.

Tourismus in Spanien: Teuer, teurer, Tomatina Fotos
AFP

Spaniens bekanntestes Matschbad kostet künftig Geld: Touristen müssen zehn Euro zahlen, um bei der Tomatina am 28. August dabei zu sein. Die Luxusteilnahme im VIP-Bereich kostet sogar 150 Euro.

Für Buñol, eine 10.000-Einwohner-Kleinstadt in der Mittelmeerprovinz Valencia, soll das einzige Großereignis im Kalender damit noch mehr als bisher zu einem lukrativen Geschäft werden. Eigentlich nur konsequent, denn in Spanien sind die Kassen leer, die Bürger weitestgehend geschröpft.

Misswirtschaft, Korruption und politische Selbstbedienungsmentalität haben das Land an den Rand des Kollapses gebracht. Kein Wunder, dass die Stadt- und Gemeindesäckel dringend Finanzspritzen von außerhalb brauchen. Dafür sollen derzeit vermehrt heftige Aufschläge im Tourismusbereich sorgen.

15.000 Tickets im Internet

Die Tomatina hat ihren Ursprung in einem Streit unter Jugendlichen Mitte der vierziger Jahre. Daraus ist am jeweils letzten Mittwoch im August ein Spektakel, eine "Schlacht" erwachsen, bei der sich die Teilnehmer mit insgesamt 100.000 Kilogramm reifen Tomaten bewerfen. Lastwagen liefern die Munition an. Am Ende bleiben kein Hemd und kein Auge trocken, dann wälzen sich überwiegend junge Leute in den zermatschten Tomatenmassen.

Sinn und Spaß sind umstritten. "Die Tomatina ist eine Schande für Buñol", schreibt etwa die Einwohnerin María Josefa in einem Online-Forum. "Trotz der Krise erlauben wir uns in Spanien, dieses Nahrungsmittel, das uns die Natur gegeben hat, einfach zu verschwenden."

Die Veranstalter sehen das anders, sie verweisen auf den touristischen Stellenwert der roten Matschorgie. "Zu uns kommen sogar Japaner und Gäste aus den USA", sagt der in Buñol für das Event zuständige Stadtrat Rafael Pérez. Da es nirgendwo sonst in Spanien Vergleichbares gibt, setzen die Rathauslenker bei der Gebührenerhebung ganz auf die Bekanntheit der Tomatenparty.

Während die Einwohner 5000 Karten kostenlos erhalten, werden per Internet 15.000 Tickets auf den Markt gebracht, was der Stadt im Idealfall zu 150.000 Euro Einnahmen verhelfen würde. Mindestens, denn der VIP-Zuschlag käme bei einigen noch hinzu. Nach der Online-Order wird man, so sieht es die Planung vor, den Ausdruck der Teilnahmebestätigung vor Ort in ein Armband umtauschen.

Die offizielle Begründung für die Gebührenerhebung: "Da das Fest immer erfolgreicher wurde und die Teilnehmerzahl stetig anstieg, ist die Gemeindeverwaltung aus Gründen der Sicherheit dazu übergegangen, den Zutritt zu einem der größten Volksfeste der Region Valencia zu limitieren." Das freilich ginge auch ohne Geld.

Zufahrt zum Strand gegen Bares

Werden also Touristen abgezockt, damit sie noch mehr Geld in Spanien lassen? Dafür gibt es in dem Land derzeit eine Vielzahl weiterer Beispiele. In der Region Katalonien wird mittlerweile eine gesonderte Touristenabgabe bei Übernachtungen erhoben. Landesweit haben sich die Eintrittspreise für Monumente und Museen teils drastisch erhöht.

In der Kathedrale der Jakobswegstadt León zum Beispiel stieg der Eintritt in diesem Jahr um bis zu 60 Prozent, die Kathedrale von Burgos kassiert nun sieben statt fünf Euro. In Barcelona kostet der Zutritt ins Jugendstilgebäude Casa Batlló 20,35 Euro.

Und wer auf der Baleareninsel Formentera die beiden schönsten Strände im Naturpark Ses Salines ansteuern will, die Platja de ses Illetes und die Platja de Llevant, muss bei der Zufahrt an einer Mautstation vorbei. Vier Euro für Vespas, sechs Euro für Autos, in der Nebensaison ist es etwas günstiger.

"Ursprünglich wollte man bei der Strandzufahrt sogar von uns Einheimischen abkassieren, da haben wir uns geweigert und sind einfach nicht mehr hingefahren", sagt Asier, Besitzer einer Nautikschule im Hafenort Sa Savina. Heutzutage zahlen nur noch motorisierte Auswärtige, für Radler und Fußgänger bleibt der Zugang vorerst noch frei. Die Einnahmen aus der Gebühr kämen dem Naturpark zugute, sagen Vertreter des Inselrats von Formentera, ohne jedoch genauere Nachweise zu erbringen.

Gebühren - auf Dauer ein Eigentor?

Mittlerweile wird außerdem diskutiert, ob man von den zahlreichen Yachtbesitzern, die Formentera vor allem im Juli und August aufsuchen, in Zukunft eine "Ankergebühr" verlangen soll. Je nach Lage und Bootsgröße könnte der Tagestarif zwischen sechs und 370 Euro schwanken. "Unglaublich", findet Asier. "Wenn man damit wenigstens den Schutz der Seegraswiesen finanzieren wollte! Doch im Grunde geht es nur ums Geld."

Stellt sich Spanien mit all solchen Gebühren im Fremdenverkehr nicht auf Dauer ins Abseits? Der Tourismus macht einen Anteil von elf Prozent am Bruttoinlandsprodukt aus, 2012 kamen annähernd 58 Millionen Besucher ins Land.

Werden sie in Zukunft nur noch gegen Bares an die Strände gelangen? Und werden weitere Volksfeste nur noch gegen Gebühr zugänglich sein? Wahrscheinlich werden die 15.000 Tickets für die Tomatina problemlos verkauft werden - weitere Veranstalter großer Events dürften da hellhörig werden.

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1. Geldmacherei
mrmink 28.05.2013
Das die Insel Formentera Geld für den Zugang zu den Stränden nimmt ist doch ein alter Hut. Das gibt es schon seit 2006 und ist reine Abzocke. Da machen sich regionale Politiker die Taschen voll.
2. Hochwichtiges Thema
Genover 28.05.2013
Wirtschaftsfaktor Tourismus in den ClubMed-Ländern. Der Tourist wird entscheiden, was ihm der Eintritt wert ist. Das Abkassieren läßt sich bestimmt noch ausbauen, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Historische Bauten, schöne Strände, einmalige Aussichten. Für besonders gelungen halte ich die Idee, Eintrittspreise für Rettungsmilliarden zu erheben. Das wird sicher ein Bombengeschäft. Nett übrigens, daß der Spiegel erlaubt, über dieses hochwichtige Thema zu diskutieren. Damit können Gewalttaten von muslimischen Jugendlichen und jungen Männern nicht mithalten. Unwichtiges Thema? Oder nur Feigheit des Spiegel?
3. Eigentor
rosenvater 28.05.2013
Grundsätzlich finde ich diese direkte Alimentierung besser als die versteckte Finanzierung.Warum allerdings Einheimische davon ausgeschlossen werden, verstehe ich nicht.So ist es Abzocke. Aber man kann es ja machen wie die Einheimischen und einfach nicht mehr hinfahren.
4. Nunja..
Inselbewohner, 28.05.2013
Ich stehe dem Tomatenspektakel eher skeptisch gegenüber. Lebensmittel auf diese Art zu verschwenden halte ich für geistig Unterbelichtet. Aber, und das ist eigentlich das Schlimme daran, es finden sich Menschen die das für einen riesen Spaß halten. Die kann man ruhig abkassieren wenn die Einheimischen denn nicht von ihrem Tun abzuhalten sind. Was die Erhöhung von Eintrittspreisen u.ä. betrifft wird sich in der Zukunft zeigen ob das Konzept aufgeht. Was die Strände betrifft gibt es ja auch in D einige Stellen an denen man Zutrittsgeld bezahlen muss. Auch hier auf der Insel kommt das Thema seit Jahren immer wieder mal hoch aber wird Gott sei Dank immer wieder ad acta gelegt. Das Übel sind hier Kurtaxen die erhoben werden, weil wir hier so eine schöne frische Ostseeluft haben und die Vermieter diese als verlängerter Arm der Stadt eintreiben müssen. Die Mittelmeerländer werden an hand der Übernachtungszahlen sehen ob sie den Tourismussektor noch als verläßlichen Einkommensfaktor zählen kann. Gruß HP
5. mit den Fuessen abstimmen!
andre47 28.05.2013
Mit den Touristen, die an so einer Tomatina teilnehmen wollen, habe ich kein Mitleid. Die sollen ruhig für diesen Blödsinn Eintritt bezahlen. Die Strände aber mit Mauthäuschen zu versehen, da hört der Spaß auf. Strände sind öffentlicher Raum und sollten für alle frei zugänglich sein. Die Unterhaltung und Pflege der Strände sollte aus den Steuereinnahmen der dort ansässigen Gewerbetreibenden (Restaurants, Imbisse, Hotels, Geschäfte) finanziert werden. Da aber die Einheimischen keine Steuern bezahlen (wollen?) sollen nun die Touristen, die sowieso schon kräftig für alles bezahlen, zusätzlich abkassiert werden. Da hilft nur eines: Stimmen Sie mit den Füßen ab und meiden Sie diese Gegenden, in denen Sie abgezockt werden!
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Tomatina in Spanien: Schwimmbrille auf, ab in die Suppe

Bevölkerung: 46,440 Mio.

Fläche: 505.968 km²

Hauptstadt: Madrid

Staatsoberhaupt:
König Felipe VI.

Regierungschef: Mariano Rajoy

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Tomatina in Spanien: Gemüseschlacht 2010