Toskana kreativ Fotozauber unter Zypressen

Toskana-Malkurse sind out, jetzt stürmen Horden von Hobby-Digitalfotografen das Land. Wenn sie sich weiterbilden wollen, besuchen sie einen Kurs bei Mark Abouzeid - der kennt sogar in der allsommerlich überlaufenen Chianti-Region versteckte Ecken, die als unverbrauchte Fotomotive taugen.

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Eines der wichtigsten Hilfsmittel von Fotograf Mark Abouzeid ist neongrün, etwa so groß wie zwei Stück Würfelzucker und kostet zwei Euro: eine Wasserwaage, die an den Blitzadapter der Kamera montiert wird und exakt gerade Horizonte garantiert. Wenn er auf die Jagd nach Landschaftsfotos geht, hat er sie genau wie Stativ und Fernauslöser immer dabei.

Mark Abouzeid kommt aus den USA und lebt seit elf Jahren in dem malerischen 230-Einwohner-Dörfchen Castelmuzio in der Nähe von Pienza. Von hier aus organisiert er zusammen mit Javier Ideami, einem Dozenten der London Academy of Film and Video, einwöchige Toskana-Digitalfotografiekurse. Ideami ist hauptsächlich für kreative Studiofotografie zuständig, Abouzeids Spezialgebiet dagegen sind Landschafts- und Architekturfotografie.

Land der Farbkontraste

Mit blühenden Sonnenblumenfeldern, mittelalterlichen Dörfchen, gewundenen Hügelstraßen, Weinbergen und Zypressenhainen ist die Chianti-Region, in der "Il Americano" Abouzeid lebt, ein Paradies für Fotografen. Doch "diese Bilder sind zum Klischee verkommen", sagt der 45-Jährige. "Dabei ist der besondere Reiz der Toskana, dass jeder Tag anders ist. Am liebsten fotografiere ich im Winter, wenn der blaue Himmel ein derartiges Leuchten hat, dass meine Tochter sagt, 'Guck mal, Gott hat sich Photoshop gekauft'." Doch genau so wichtig wie das richtige Licht sind Ortskenntnisse, denn auch in diesem Mekka der Fotografen und Landschaftsmaler gibt es noch Fleckchen, die kaum jemand kennt – oder die einfach übersehen werden.

Zum Beweis stoppt Abouzeid seinen Allrad-Jeep kurz vor Pienza vor einem steinernen Landhaus mit flachem Dach und dunkelgrünen Fensterläden, das auf einem Hügel in einer modelleisenbahnhaft ordentlichen Reihe von Zypressen steht. Davor schwingt sich mit einer eleganten Kurve ein Feldweg durch den nutellabraunen Acker. "Das ist das meistfotografierte Haus in der Toskana", sagt er. "Jeder macht dieses Bild von der Straße – doch kaum jemand blickt in die andere Richtung." Er deutet auf ein sakral anmutendes Landhaus mit roter Kuppel auf der gegenüberliegenden Straßenseite. "Wenn Sie die beiden Zypressen dort als Rahmen nehmen für die Kuppel dazwischen, haben Sie eine perfekte Komposition."

Auch den Kursteilnehmern will er den Blick in die andere Richtung angewöhnen, die intensive Suche nach guten Kamerapositionen abseits vorgegebener Aussichtsplattformen. "Eine Hälfte des Kurses dreht sich um die technische Seite, wie man Bilder macht – doch genau so wichtig ist, zu lernen, wie man eine Gegend nach guten Motiven erforscht", sagt Abouzeid. Für ihn ist ein allradbetriebenes Fahrzeug unabdingbar, wenn man in der Toskana nach Motiven abseits des Alltäglichen sucht. Denn oft führen nur Feldwege zu den Hügeln, die den perfekten Rundumblick bieten.

Traumlandschaft vor der Haustür

Mag ja sein, dass jeder Tag in der Toskana anders ist – der heutige konturlos bewölkte Himmel macht das Fotografenhandwerk nicht gerade einfacher. "Un giorno brutto", murmelt Abouzeid. Doch aus der Ruhe bringt ihn das nicht, schließlich hat er diese Traumlandschaft ganzjährig direkt vor der Haustür. Für Touristen, die in wenigen Tagen durch halb Italien hetzen, hat er entsprechend wenig Verständnis. "Das Schöne an der Toskana ist doch der Lebensstil, es geht nicht darum, wie viel Geschichte man in einen Tag quetschen kann." Auch wenn viele Fotografen wegen der Landschaften kommen – für ihn sind auch die vielen Festivals oder die lokalen Speisen perfekte Fotoobjekte. Besonders gute Motive besucht er immer wieder mit seinen Kursen: das Mittelalter-Örtchen Luciano D'Asso, die Hügelvilla eines Freundes mit dem vielleicht am schönsten gelegenen Swimmingpool Italiens oder einen kleinen Berg mit Rundumblick auf Landhäuser, Heuballen und altmodisches Erntewerkzeug.

Der extrovertierte Amerikaner mit Dreitagebart und Oberarmtattoo ist hier schnell heimisch geworden. "Wenn du zum Dorf gehörst, gehörst du dazu, so einfach ist das hier", sagt Abouzeid, der seinen siedend heißen Espresso genauso schnell herunterstürzt wie die Italiener, der die Kellner in den Cafés von Pienza genauso mit Vornamen grüßt wie ein Bauernmädchen am Straßenrand ("Sie ist eines meiner Models") oder die Straßenarbeiter, die auf einem abgelegenen Kieselweg Wasserrohre verlegen. Der Redseligste von ihnen, ein älterer Herr mit olivfarbenem Sonnenhut, der gleichzeitig schimpft und lacht, wie das wahrscheinlich nur Italiener vermögen, muss trotz Protesttiraden als Motiv für ein paar Porträts herhalten.

"Für Personenaufnahmen ist es immens wichtig, dass die Leute einem vertrauen", sagt Abouzeid. "Hier weiß man zum Glück, dass ich niemanden bloßstellen will, sondern die Menschen im besten Licht präsentiere." Nun, sonderlich begeistert wirkte der Kanalarbeiter nicht. Abouzeid lacht: "Ach, wir ziehen uns doch nur gegenseitig auf. Aber wenn Sie hier alleine hinkommen und Fotos von ihnen machen, würden die sauer werden."

Die Chianti-Gegend kennt Abouzeid wie seine Westentasche, doch wenn er im Ausland für Reisemagazine tätig ist, warten andere Herausforderungen. Zuletzt suchte er im Oman nach unverbrauchten Motiven. "In Reiseführern des mittleren Ostens sehen alle Länder gleich aus, dabei ist es doch die Aufgabe des Fotografen, das zu finden, was ein Land einmalig macht", sagt der 45-Jährige. Jedes Mal, bevor er in den Flieger steigt, kauft er zunächst den populärsten Reiseführer, um zu wissen, was die "Must Do"-Shots sind. Zwei Tage bevor er mit der eigentlichen Arbeit beginnt, erkundet er auf eigene Faust die Gegend. "Dann versuche ich einen Einheimischen als Führer zu bekommen, der mir die wirklich interessanten Ecken zeigt – auch Kinder sind oft hervorragende Fremdenführer."

Bei solchen freundschaftlichen Begegnungen versucht der Fotograf, sich auch den kulinarischen Sitten seiner Gastländer anzupassen. "Im mittleren Osten habe ich Affenhirn gegessen, auf den Philippinen gab es halb ausgebrütete Eier mit einem Hühnchen-Fötus darin." Ob er auch einmal etwas abgelehnt hat? "Nur einmal, als mir in Asien eine Kakerlaken-Suppe angeboten wurde – das konnte ich unmöglich essen."

Lesen Sie in den folgenden Abschnitten die besten Fototipps von Mark Abouzeid!

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