Kunstparks der Toskana: Magie aus Mosaiksteinen

Von Hans-Jürgen Schlamp

Kunstparks der Toskana: Quietschbunte Nanas und tiefblaue Brücken Fotos
Corbis

Bunte Monster mit Türen, Klangkörper aus Metall und Stein: Spektakuläre Kunstparks in der Toskana bieten jede Menge Überraschungen. Vier von ihnen lohnen den Besuch besonders - nicht alle sind leicht zu finden.

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Panisch fliehen 160 Gänse vor drei gigantischen Trommlern in langen, weiten Mänteln. Ein Kind mit einer Gans im Arm versucht, sich und das Tier hinter einem Busch zu verstecken. Ihre Chancen sind nicht gut. Gänse, Trommler, Kind - alle sind aus grauem Stahlbeton. "Tag des Zorns" heißt das Werk von Olivier Estoppey, das in der idyllischen Toskanalandschaft irritiert.

Ein paar hundert Meter entfernt, in einem kleinen lichten Wäldchen, steht der Nachbau des "Chambre No 13 de l'Hotel Carcassone", deren Original sich in der Pariser Rue Mouffetard befindet. Der Aschenbecher ist voll, die Thunfischdose leer, Kleidung liegt unordentlich herum, das Bett ist nicht gemacht: Boheme aus Bronze. Daniel Spoerri hat die Erinnerung an seine Zeit im Zimmer Nummer 13 in Metall gegossen. Wände, Boden, Kleiderhaken, alles, selbst den Müll.

Den "Nouveau Realisme" hat er damals in Paris mit gegründet. Dann ging der in Rumänien geborene Schweizer nach Düsseldorf, eröffnete ein Restaurant und erfand gemeinsam mit anderen Künstlern die Eat-Art. Joseph Beuys habe regelmäßig Spaghetti gekocht, heißt es.

16 Hektar Garten und Kunst

In den neunziger Jahren zog es den inzwischen vielfach preisgekrönten Kunstprofessor nach Süden. Zwischen den Weinbergen von Montalcino und den bewaldeten Hängen des Monte Amiata, dem höchsten Berg der Toskana, schuf er "Il Giardino di Daniel Spoerri". Sein "Garten" ist freilich ziemlich groß, 16 Hektar, 160.000 Quadratmeter.

Auf schmalen Wegen schlendert der Besucher durch Wiesen, über leichte Hügel, steile Treppen, durch kleine Waldflecken - und immer wieder stößt er auf Skulpturen von Spoerri und etwa 50 anderen, mehr oder minder bekannten Künstlern. Verspielte Objekte, wie Spoerris turmhoher Brunnen aus Fleischwölfen, rätselhafte Köpfe von Eva Aeppli, witzige Apparaturen wie Jean Tinguelys "Große Lampe für D.S.". Insgesamt sind es 103 Stücke zum Schmunzeln, zum Staunen oder zum Nachdenken in aller Ruhe.

Die Toskana gilt gemeinhin als Revier der alten Meister. Leonardo Da Vinci, Raffael, Donatello, Brunelleschi und ihre zahlreichen Kollegen haben ein reiches Erbe hinterlassen. Dazu die wunderbaren Bauten, etwa in Florenz, die malerischen Gassen von Siena oder Volterra. Und azurblaues Meer, abends deftige Küche und kräftiger Wein - fertig ist die Toskana. Moderne Kunst kommt in dem Bild nicht vor. Dabei gibt es, abseits der oft überlaufenen Routen, viel davon zu entdecken. Nicht nur bei Spoerri, auch bei Paul Fuchs.

Klangkörper und Weltmusik

Das Auto bleibt mitten im Wald stehen, die letzten zwei-, dreihundert Meter geht es zu Fuß weiter. Paul Fuchs vorneweg. In der Luft vibriert ein weicher, geheimnisvoller Ton. Plötzlich öffnet sich der Wald, macht Platz für riesige Wiesen, auf denen seltsame Konstrukte stehen. Sie heißen "Metamorphose" oder "Crescendo". Den zart-klagenden Ton erzeugt "Der große Zeiger": drei unten gebogene Röhren aus Eisen, 1996 fabriziert, die längste ragt 31 Meter hoch in den Himmel.

Andere Metallwesen winden sich in eleganten Spiralen in die Höhe, filigran, wie Luftschlangen. "Ich möchte das schwere Eisen ganz leicht machen", sagt Fuchs. Der 75-Jährige führt über die weiten Wiesen, lässt die Klangkörper, wie er seine meterhohen Stahl- und Eisenschöpfungen nennt, durch ein Klopfen hier, ein Schütteln dort musizieren - wenn es nicht der Wind für ihn macht, der über Öffnungen streift oder Metallgelenke geräuschvoll dreht.

Musik war der Anfang der Künstlerkarriere des gelernten Schlossers Fuchs. Alles um ihn herum schien ihm Musik zu sein, jeder Ton faszinierte ihn, etwa der Klang des Hammers auf dem Amboss. Mit selbst kreierten Musikinstrumenten erfand er mit seiner Frau Limpe die "Anima Musik", mischte mit bei avantgardistischen Spektakeln wie "Underground Explosion" oder musizierte in Jazz-Konzerten gemeinsam mit Musikgrößen wie Friedrich Gulda und Albert Mangelsdorf. An der Münchener Akademie der Bildenden Künste lernte er die Technik für seine Skulpturen. In deutschen Städten stehen viele davon, die "Stahlzeichen" in Ingolstadt etwa oder die 14 Meter hohe Windplastik vor dem Finanzamt in Rosenheim.

Aber Paul Fuchs kann auch klein. Rund um sein toskanisches Bauernhaus, mitten im etwa 30 Hektar großen "Giardino dei Suoni", dem "Garten der Klänge", stehen winzige Bronzefiguren. Fuchs erzählt der Besuchergruppe, die sich an diesem Tag zusammengefunden hat, viel über den "kleinen Baum", die "Kinder", "il tamburino" oder "Primat" und beantwortet jede Menge Fragen. Dann greift er zu zwei schweren Holzklöppeln und bearbeitet damit ein viele Meter langes Xylophon aus Granitplatten. Selbstgebaut natürlich. Die Musik ist auch selbst erfunden, klar. Und das Wasser, das Frau Fuchs anschließend serviert, kommt aus dem eigenen Brunnen - mit Muskelkraft geschöpft.

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