Tour-de-France-Probe auf Korsika: Am Ende gewinnt der Berg

Die Tour de France gibt zum ersten Mal ein Gastspiel auf Korsika. Auf der rauen Mittelmeerinsel waren Radfahrer bisher eher selten zu sehen. Die steile Nordwestküste können aber auch Amateure bezwingen - Rotwein-Doping und Geschwindigkeitsrausch inklusive.

Tour de France auf Korsika: Rotwein-Doping auf halber Strecke Fotos
Mona Contzen

Ein Startschuss ist nicht zu hören. Nur der Wind drängt sich brausend zwischen den Felsen hindurch, die den Marsolino-Pass begrenzen. Tief über den Lenker gebeugt rase ich bergab, fliege vorbei an duftendem Ginster und weiß blühenden Zistrosen, brettere durch zwei Kreisverkehre und sprinte ins Ziel - als Erste sozusagen. Denn die Radprofis, die genau diese Strecke an der steilen Nordwestküste Korsikas bezwingen müssen, starten erst Ende des Monats zur 100. Tour de France.

Korsika, die "Schöne", ist für Radfans bisher ein noch weitgehend unentdecktes Mittelmeerparadies. "Auf der ganzen Insel gibt es vielleicht drei Kilometer markierte Radwege", sagt Stefan Miebach, der schon seit über einem Jahrzehnt als Fahrrad-Guide im korsischen Calvi arbeitet.

Und auch vom eigenen Land ist die Insel in Sachen Fahrrad bisher eher stiefmütterlich behandelt worden. Als einzige Region Frankreichs ist sie seit 1903 - die Tour de France fiel nur während der beiden Weltkriege aus - kein einziges Mal Austragungsort des größten Radsport-Events der Welt gewesen. "Dabei ist Radfahren hier definitiv im Kommen", sagt Miebach.

Zum Jubiläum der Tour führen ab dem 29. Juni nun gleich drei Etappen quer über die Insel. Und besonders der letzte Abschnitt, mit der Durchquerung der atemberaubenden Calanche durch das Marsolino-Tal bis nach Calvi, treibt Kennern schon vor dem Start die Freudentränen in die Augen.

Rotwein-Doping vor dem Anstieg

Wer allerdings von Calvi aus starten will, der fährt auf der "Route des Vins" an kleinen Weinbergen vorbei. Es duftet herrlich nach Pinien und frisch gemähtem Heu. An der Straße weisen einfache Schilder darauf hin, dass Bauern hier frisches Obst, Wein und Honig verkaufen.

Vor dem Abzweig zum "Col de Marsolino" dope ich mich noch schnell mit einem Glas Rotwein - so wie es die Rennfahrer früher gemacht haben, als es noch keine Hightech-Drogen gab und es normal war, dass die Trinkflaschen der Fahrer statt mit Wasser mit Alkoholika gefüllt waren. Nicht umsonst wurde der Berliner Bierkutscher Fritz Tietz Sieger im Gesamtklassement von 1909.

Die schroffen Berge mit den teils noch schneebedeckten Gipfeln rücken derweil bedrohlich näher. Doch schon nach wenigen quälenden Höhenmetern belohnt der erste Blick ins Tal: auf das kräftige Buschwerk, das wie ein dicker Teppich aus Moos bis zur blau schimmernden Bucht von Calvi reicht.

Nichts ist zu hören außer dem Rauschen des Windes in den hohen Gräsern und dem gleichmäßigen Sirren der Reifen auf dem Asphalt. Hin und wieder tanzen die Schatten von Möwen und großen Merlinen über die Straße.

Dann pustet mich der Wind fast vom Rad. Die Schöne zeigt sich von ihrer stürmischen Seite - starke Winde sind auf der Insel nicht ungewöhnlich. Meine Lunge und die untrainierten Waden brennen, und am Ende gewinnt doch der Berg. Ich muss an den ersten großen Tour-de-France-Skandal - lange vor den Dopingverdachtsfällen - denken, als 1904 vier Fahrer eine Abkürzung mit der Eisenbahn nahmen und daraufhin vom Rennen ausgeschlossen wurden.

Geschwindigkeitsrausch auf der Schlussetappe

Die "Tour der Leiden" macht ihrem Namen alle Ehre, obwohl mir im Gegensatz zu den Fahrern, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts die ersten Hochgebirgsetappen bezwingen mussten, immerhin eine asphaltierte Straße und sogar eine komfortable Gangschaltung zur Verfügung stehen.

Nach knapp 13 Kilometern und etwa 400 Höhenmetern gebe ich auf und schiebe das Rad das letzte Stückchen den Pass hinauf, um einen Blick auf die weichen Hügel des Marsolino-Tals auf der anderen Seite zu werfen. Aus dieser Richtung werden sie am ersten Juli kommen - die gelben, grünen und rot gepunkteten Trikots.

Vom Start in Porto-Vecchio an der Südküste Korsikas bis nach Bastia im Osten, durch das Landesinnere hinunter nach Ajaccio an der Südwestküste und hinauf zum Col de Marsolino haben die Fahrer in drei Etappen schon 500 Kilometer und beträchtliche Höhenunterschiede zurückgelegt, ehe sie mit Spitzengeschwindigkeit in Calvi einrollen.

Denn Korsika hat außer seinen traumhaften Badebuchten, die sich auf tausend Küstenkilometern aneinanderreihen, eine imposante Gebirgslandschaft zu bieten: Insgesamt 50 Zweitausender ragen hier in den tiefblauen Himmel. Auch mich packt auf der korsischen Schlussetappe der Grand Tour der Geschwindigkeitsrausch. Adrenalin pumpt durch den Körper, während sich das Rad auf dem Rückweg nach Calvi bei 60 Sachen elegant in die Kurven legt.

Gelassenheit vor dem Ansturm

Die malerische 5500-Einwohner-Hauptstadt der Balagne rüstet sich für die Ankunft der Crème de la Crème des Radsports derweil mit fast italienischer Gelassenheit. Nur kleine, farbenfrohe Radtrikots wehen als Fähnchen zwischen den Laternen - sonst deutet nichts auf das anstehende Großereignis hin.

Überhaupt mutet auch heute noch, 300 Jahre nach dem Abzug der Genuesen, vieles in der Gegend italienisch an: Die terrakottafarbenen Bergdörfer zwischen den Weinbergen der Balagne könnten so auch in der Toskana stehen. Unter den Olivenbäumen sind große Netze gespannt, seit man auf der Insel wieder mit der Produktion des köstlichen Öls begonnen hat. Und eine weiße Madonna wacht über die Bucht von Calvi, die wie ein Weinglas geformt neben der alten Zitadelle ruht.

Noch ankern dort, vor dem geschäftigen Hafen, die Kreuzfahrtschiffe der Touristen. Die logistische Meisterleistung steht Korsika erst bevor: Bei gerade einmal 300.000 Einwohnern wollen plötzlich Tausende von Sportlern, Journalisten, Helfern und Zuschauern versorgt sein. Das Wettkampfbüro und das Pressezentrum werden deshalb auf einer Fähre untergebracht, die nach der "Grand Départ" in Porto-Vecchio der Küste entlang dem Rennen folgt. Berge können da jedenfalls nicht dazwischenkommen.

Mona Contzen/srt/abl

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insgesamt 13 Beiträge
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1. optional
k47 22.06.2013
Ein schöner Artikel. Radsport ist ein toller Sport. Wettkampf natürlich auch o.k., Tour de France wird auch ohne deutsche Begeisterung bestehen. Deutschland in seiner Einfachheit sollte sich in der Bewertung natürlich auf Fußball und Autorennen beschränken. Der deutsche Geist im Sport zeigt auch etwas Doping.
2. 400 Höhenmeter auf 13 km
Sibylle1969 22.06.2013
Sorry, aber das sind gerade mal 3 % Durchschnittssteigung und somit ziemlich leicht, also kein Grund abzusteigen. Ich bin mal die Duffey Lake Road in Kanada gefahren (von Whistler aus), da gibt es 1100 Höhenmeter auf 13 km. Oder am Stilfser Joch bin ich mal ca. 1500 Höhenmeter in 20 km gefahren.
3. Volle Zustimmung,
chico 76 22.06.2013
Zitat von k47Ein schöner Artikel. Radsport ist ein toller Sport. Wettkampf natürlich auch o.k., Tour de France wird auch ohne deutsche Begeisterung bestehen. Deutschland in seiner Einfachheit sollte sich in der Bewertung natürlich auf Fußball und Autorennen beschränken. Der deutsche Geist im Sport zeigt auch etwas Doping.
da muss man eben auf Eurosport umsteigen. Die ÖR bevorzugen auch Reitsport, da werden nur Tiere durch Barren geschunden und gedopt. Schön beschrieben, geehrte Autorin, aber bitte mal ein Rennrad benutzen, dann muss man vielleicht nicht schieben:))
4. Fritz Tietz?
Kurbjuhn 22.06.2013
Wer soll das sein, dieser ominöse Bierkutscher Fritz Tietz? Die Tour 1909 hat Francois Faber gewonnen. Der einzig mir bekannte Radrennfahrer namens Tietz ist Oskar, der aber erst seit1922 Rennen fuhr und laut http://www.radsportseiten.net/ niemals die Tour gefahren ist.
5. Schöner Artikel
tradtke 22.06.2013
Zitat von sysopMona Contzen Die Tour de France gibt zum ersten Mal ein Gastspiel auf Korsika. Auf der rauen Mittelmeerinsel waren Radfahrer bisher eher selten zu sehen. Die steile Nordwestküste können aber auch Amateure bezwingen - Rotwein-Doping und Geschwindigkeitsrausch inklusive. http://www.spiegel.de/reise/europa/tour-de-france-start-auf-korsika-vorab-abgefahren-a-907119.html
Schöner Bericht und tolle Fotos, das macht mir Lust dort mal mit dem Rad Urlaub zu machen. Danke. Und die Tour, Doping hin oder her, werde ich mir sicher auch wieder gespannt ansehen. Es bleibt eine gigantische körperliche, und vor allem Willensleistung, so etwas durchzustehen.
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