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Tourismusbranche: Griechenland-Buchungen brechen drastisch ein

Griechenlands Tourismusbranche ist am Boden: Die Diskussionen um Neuwahlen und Drachme-Rückkehr haben den zarten Aufwärtstrend bei den Buchungen wieder einbrechen lassen. Experten machen die ständige Problem-Berichterstattung aus Athen dafür verantwortlich.

Tourismus in Griechenland: Leere Strände, leere Kassen Fotos
Getty Images

Athen - In Griechenland herrscht längst bestes Urlaubswetter, doch die Aussichten für die Tourismusindustrie sind trübe. "Nach den Wahlen am 6. Mai sind die Buchungen um 50 Prozent eingebrochen. Schuld ist die politische Unsicherheit", sagt George Drakopoulos, der Chef des Verbands griechischer Tourismusunternehmer Sete. "Die Hotels machen attraktive Angebote. Aber den Griechenland-Urlaubern geht die Sicherheit über das Preis-Leistungsverhältnis."

Der Vorsitzende des Hotelierverbands im Urlaubsort Nafplio, Panagiotis Moriatis, macht die Berichte über die zum Teil gewalttätigen Demonstrationen im historischen Zentrum der Hauptstadt mitverantwortlich. "Die ausländischen Medien berichten nur über die Probleme in Athen. Vom Rest des Landes zeigen sie gar nichts", sagt er.

Da der den Griechen auferlegte strenge Sparkurs vor allem mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Verbindung gebracht werde, hätten viele deutsche Urlauber Angst vor dem Groll der Griechen, mutmaßen griechische Tourismusexperten. Die Deutschen könnten Nachrichtenszenen geschockt haben, in denen Griechen deutsche Fahnen verbrennen oder Plakate mit Merkel in Nazi-Uniform darauf tragen.

Der Tourismus ist eine der wichtigsten Stützen der griechischen Wirtschaft, die Branche beschäftigt laut Sete direkt und indirekt 768.000 Menschen und sorgt für 15,7 Prozent der Einnahmen des Landes. Noch in der Saison 2011 profitierte die Tourismusindustrie von den Umbrüchen und der Instabilität in den nordafrikanischen Ländern. Das bescherte ihr einen Zuwachs von zehn Prozent. Jetzt ist Griechenland selber gebeutelt: Seit Anfang des Jahres seien die Buchungen um 25 bis 30 Prozent zurückgegangen, seit den Wahlen laufe gar nichts mehr, sagt Moriatis.

Deutsche Reiseveranstalter melden Abwärtstrend

Die deutschen Pauschalreise-Veranstalter bestätigen den Trend. Wie der Touristik-Geschäftsführer von Thomas Cook, Michael Tenzer, "Euro am Sonntag" sagte, lagen die Buchungen in der deutschen Reisebranche Anfang der Sommersaison "um 30 Prozent unter dem Vorjahr". Bis zu den Wahlen hätten sie zwar wieder etwas zugelegt, mit der Diskussion um Neuwahlen und den Euro-Ausstieg sei es aber wieder abwärts gegangen - trotz deutlicher Preisnachlässe von bis zu 20 Prozent. Bilder von gewalttätigen Demonstrationen in den Großstädten schreckten die Reisenden ab, meint Tenzer, obwohl die Lage in Urlaubszielen wie Kreta und Rhodos friedlich sei.

Auch Branchenführer TUI hatte Anfang der Saison seine Preise für Griechenland-Reisen um zehn Prozent gesenkt. Wie Sprecherin Anja Braun SPIEGEL ONLINE sagte, sei der Buchungsstart zu Beginn der Saison schwach gewesen, seit der Internationalen Tourismusbörse im März habe sich die Nachfrage jedoch wieder gesteigert. Die Diskussionen rund um den Ausstieg aus der Euro-Zone und um die Neuwahlen hätten den positiven Trend aber kurzfristig wieder gebremst.

Wettbewerber Alltours kämpft ebenfalls mit Problemen in Griechenland. "Die Buchungen liegen weit unter Vorjahr", sagte Unternehmenschef Verhuven der "Wirtschaftswoche". Die Buchungslage sei dramatisch. "Die Deutschen lassen sich offenbar von einigen radikalen Demonstranten und extremistischen Politikern in Athen abschrecken." In den touristischen Zielgebieten merkten Urlauber davon aber nichts.

Sibylle Zeuch vom Deutschen Reiseverband berichtet dagegen von einer besser werdenden Buchungslage in den letzten Wochen. Sie schätzt, dass die Zahl der deutschen Touristen in Griechenland in diesem Jahr nicht viel von der in 2011 abweichen werde. Im vergangenen Jahr waren es 2,5 Millionen Besuche.

Auch John Kester von der Uno-Tourismusorganisation in Madrid (UNWTO) will die Saison noch nicht verloren geben. "Griechenland hat eine Menge treuer Fans. Das sind Leute, die das Land aus erster Hand kennen und sich nicht von den Medien beeinflussen lassen", sagt Kester. Das gelte grundsätzlich auch für deutsche Griechenland-Urlauber, sagt Zeuch. Sie widerspricht den in Griechenland verbreiteten Befürchtungen, gerade die Deutschen könnten das Land meiden.

Vorbereiten auf die Drachme

Auch vielen Franzosen ist die Lust auf einen Urlaub an griechischen Stränden vergangen. "Die Buchungen für den Sommer sind um 30 Prozent gesunken", sagt René-Marc Chikli vom Verband der französischen Reiseunternehmen. In Großbritannien, Italien und Österreich dagegen verzeichnen Reiseunternehmen wenn überhaupt jedenfalls nur einen geringen Rückgang der Buchungen. "Griechenland ist ein beliebtes Ziel für unsere Kunden", sagt beispielsweise ein TUI-Sprecher in Großbritannien.

Einige Reiseveranstalter bereiten sich bereits auf den Fall vor, dass Athen aus der Euro-Zone ausscheidet. "Dann können sie sehr schnell die Verträge mit den Hotels neu aushandeln", sagt Chikli. Auch Tenzer von Thomas Cook sieht die Möglichkeit entspannter, dass die Griechen zur Drachme zurückkehren: "Wir haben mit Hoteliers und Partnern Verträge in Euro. Die müssen auch in Euro beglichen werden."

Peter Voigt, Professor für Tourismus in München, sagt, dass die Rückkehr der alten Währung für deutsche Reiseunternehmer interessant sein dürfte, da sie saftige Gewinne durch den Wechselkurs machen könnten. Für Urlauber sei diese Entwicklung riskanter, vor allem wenn es eine galoppierende Inflation gebe, sagt der Wissenschaftler und verweist auf Argentinien: Auf dem Höhepunkt der dortigen Krise Anfang des Jahrtausends habe dort eine Tasse Kaffee teils 15 Dollar gekostet.

abl/AFP/dpa

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insgesamt 187 Beiträge
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1. Wo machen wir denn jetzt Urlaub?!
albahar 21.05.2012
Die armen Deutschen wissen jetzt nicht mehr wo sie Urlaub machen sollen... :-(
2. Wen wundert das?
Rido 21.05.2012
Diese Entwicklung war doch wirklich vorhersehbar. Im Moment wollte ich da auch nicht hinfahren wollen. Zumal wir als Deutsche im Moment nicht gerade zu den Beliebtesten Gästen zählen dürften.
3. tja
Herr voragend 21.05.2012
so ist es halt man kann - auch nicht - von den Deutschen verlangen das man sie auf der einen Seite beschimpft und dann sollen sie ihr Geld da lassen. Wir waren auch vor der Entscheidung nach Griechenland zu fahren haben dann aber ganz schnell davon Abstand genommen. Und so haben es viele bei uns gemacht. Ich habe keine Lust die schönsten Tage im Jahr mich als Nazi beschimpfen zu lassen oder in einen Streik zu kommen. Es kommt mir so vor als wenn die Griechen es immer noch nicht kapiert haben das sie letztendlich für ihr Handeln - oder nicht Handeln - die Verantwortung und Kosequenzen übernehmen müssen.
4. dieses Jahr noch Urlaub in GR
snoozer 21.05.2012
also ich plane für den Herbst noch einen Urlaub auf Kreta. Mal abgesehen davon, dass ich sowieso erst kurzentschlossen buche, halte ich die Möglichkeit für sehr wahrscheinlich dass es ein günstiger Urlaub werden könnte.
5. ...
cato. 21.05.2012
Zitat von sysopGetty ImagesGriechenlands Tourismusbranche ist am Boden: Die Diskussionen um Neuwahlen und Drachme-Rückkehr haben den zarten Aufwärtstrend bei den Buchungen wieder einbrechen lassen. Experten machen die ständige Problem-Berichterstattung aus Athen dafür verantwortlich. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,834135,00.html
Ich glaube nicht, dass es an Neuwahlen und der Rückkehr zur Drachme liegt, sondern an den Antideutschen Ressentiments, der hohen Kriminalität und den Demonstrationen. Wenn ein Niederländischer Rentner Zusammengeschlagen wird, weil man ihn erst für einen Deutschen gehalten hat, lädt dies nicht gerade dazu ein dort Urlaub zu machen. Wenn man nicht weiß ob sein Flugzeug fliegt, seine Fähre ablegt und möglicherweise in der Hauptstadt Straßenschlachten stattfinden, fährt man dann doch lieber nach Italien, Spanien oder in die Türkei. Und die wachsende Kriminalität und die Tatsache, dass man für eine Anzeige bei der Polizei (bis auf Mord) mittlerweile Geld bezahlen muss sind auch nicht gerade Fördernd für Sicherheitsgefühl... Wenn es nur um die Rückkehr zur Drachme gehen würde, würden die meisten Touristen sich sogar freuen und darauf spekulieren, dass alles günstiger in Euro würde ...
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,063 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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