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Transalp per Mountainbike: Wo die Murmeltiere pfeifen

Es muss ein Irrtum sein, denn eigentlich war Spaß pur eingeplant: Eisiger Regen prasselt auf die Mountainbiker, die sich bei herbstlich-kühlem Wetter über den Alpenkamm quälen. Eine Transalptour mit Ziel Meran.

Meran - Auf der Hochthörlehütte 500 Meter über dem Eibsee lässt sich das Gefühl nicht mehr verscheuchen. Das alles muss ein Irrtum sein. Es sollte eigentlich ein großer Spaß werden, mit dem Mountainbike über 3000 Meter hohe Pässe, liebliche Auen, bizarre Gebirgstäler nach Südtirol. Ein halbes Jahr geplant: 370 Kilometer, 11.000 Höhenmeter.

Mountainbiker: Der Traum von der Transalp
DPA

Mountainbiker: Der Traum von der Transalp

Der Start in Oberammergau am Alpenrand liegt erst vier Stunden zurück. Es ist ein ausgesprochen kühler Herbstmorgen, aber wenigstens klar. Doch vor dem Eibsee zieht es zu. Nach quälender Schotterauffahrt zur Hochthörlehütte am Fuß der Zugspitze ist der Nebel so dicht, dass die Orientierung unmöglich wird. Endlich Stimmen. Sie kommen aus der Hütte, 20 Meter entfernt, aber in der grauen Wolke nicht zu sehen.

Auch in der Hütte ist es neblig und feucht. Eine Gruppe rüstiger Österreicherinnen kippt einen Obstler nach dem anderen. Als ihnen die Trinksprüche ausgehen, bitten sie den Wirt an den Tisch. Für uns ist das heute kein Ort zum Verweilen, und so geht es - von heißem Tee erwärmt - bald weiter über Ehrwald, Fernpass und Nassereit zum ersten Nachtlager in Zams im österreichischen Oberinntal.

Im Herbst wird es einsamer auf den Trails

Natürlich ist eine Alpenüberquerung keine Mallorca-Sause. Aber eisige Temperaturen gepaart mit Regen können selbst hartgesottene Masochisten ausbremsen. Doch aufgeben gilt nicht. Die Etappe führt weiter die Römerstraße Via Claudia Augusta entlang durch verwaiste Skiorte Richtung Reschensee. Am Nachmittag führt der Weg kurz über Schweizer Territorium, sofort klart der Himmel auf. Dafür wird der steile Pass von Martina zur Norberthöhe zum Martyrium.

Tausende Mountainbiker bezwingen laut Uli Stanciu jeden Sommer die Berge. Der "Papst der Alpenüberquerer" schreibt in der Bike-Bibel "Transalp", die Via Claudia von Ehrwald nach Bozen sei eine der beliebtesten Routen. Die große Welle der Alpenüberquerer rollt im Frühsommer über die Berge. Jetzt im Herbst sind nur noch vereinzelte Abenteurer unterwegs.

Das Hotel Edelweiß in Reschen ist wie ausgestorben. Dafür gibt es eine Sauna, in der es endlich richtig warm wird. Als am kommenden Morgen auch noch die Sonne strahlt, ist die Qual der vergangenen Tage vergessen. Bei der rasanten Abfahrt durch den oberen Vinschgau, durch wunderschöne Dörfer mit liebenswürdigen Südtirolern, die ihre roten Äpfel, ihren Speck und Wein anbieten, steigt die Laune weiter. Und weil der Himmel in Prad immer noch blau ist, steht der Entschluss schnell fest: Nicht direkt nach Meran führt der Weg, sondern aufwärts in westlicher Richtung: Das 3123 Meter hohe Madritschjoch wird in Angriff genommen.

Mit Ohrwärmern in den Schlaf

Der Pass über das Joch ist einer der höchsten, die man mit dem Rad bezwingen kann. Dabei fließt allerdings eine Menge Schweiß. 1000 Höhenmeter sind allein bis Sulden zu überwinden. Dafür rückt der Ortler, einer der imposantesten Südtiroler Gipfel, näher und näher.

Sulden ist ab Dezember ein Eldorado für Wintersportler. Jetzt sind nur einige Wanderer unterwegs. Auf der Schaubachhütte unterhalb der Königsspitze - dem Basislager vor dem letzten Anstieg - übernachten noch vier Sauerländer und drei bärtige Münchner. Und alle kämpfen mit der Kälte. Nur mit drei Decken und Ohrenwärmern lässt sich Schlaf finden.

Passstraßen hochfahren, das schafft jeder Zabel, ist sich die Radlergruppe einig. Aber so richtig im Gebirge, wo die Murmeltiere pfeifen? Tatsächlich entpuppt sich das letzte Stück zum Madritschjoch unter der Schöntaufspitze wirklich als unbefahrbar: Zu steil windet sich der Pfad durchs Geröll. Dafür schwenkt der Blick immer wieder zurück auf Ortler, Zebru und Königsspitze, deren verschneite Steilwände in der Morgensonne blitzen. Bald geht es durch knietiefen Schnee, durch Einsamkeit und Erhabenheit fast 4000 Meter hoher Gipfel.

Zwei Tage rauf, zwei Stunden runter

Um 10 Uhr ist das Joch erreicht, doch der Jubel ist kurz: Der Blick ins Martellotal auf der anderen Seite lässt den Atem stocken. Es ist ein Steig für schwindelfreie Alpinisten, die sich mit den Händen am Stein festhalten können. Erst nach zwei Müsliriegeln lässt das Wackeln in den Knien nach. Das Rad auf den Schultern geht es Schritt für Schritt in die Tiefe.

Aber nach 20 Minuten ist die ausgesetzte Passage bewältigt. Die üppige Belohnung: Eine traumhafte Abfahrt bis zur Etsch 2500 Meter weiter unten. Endlich dürfen die Räder zeigen, was sie können. Wie auf Skiern kann man mit ihnen über Felsbrocken und Schmelzwasserrinnen hüpfen. Die Federgabeln werden bis zum Anschlag gestaucht, wenn wieder eine Steinplatte den Weg verriegelt. Ein Höllenritt ins Tal, von ungläubigen Wanderern beargwöhnt. "Wo kommt Ihr jetzt her?", fragt ein Essener.

In zwei Tagen rauf, in zwei Stunden wieder unten; das ist das harte Los des Alpenüberquerers. In Latsch ist es 20 Grad wärmer als auf dem Joch. Langsam strömt der Radlerverkehr durch die duftenden Apfelplantagen des Vinschgaus. Auf dem Weg nach Meran gibt es nur noch einen Zwischenstopp. Zu groß ist die Versuchung, einen dieser prallen, roten Äpfel zu pflücken - und glücklich hineinzubeißen.

Von Tobias Schmidt, AP

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