Abenteuer Transalp-Skitour: Über alle Berge

Neun Tage, jede Menge Gipfel, fast 16.000 Höhenmeter: Eine Alpenüberquerung auf Skiern ist für viele Wintersportler ein absoluter Lebenstraum. Robert Jacobi ging mit einem ehemaligen Langlauf-Weltstar auf Tour - und stürzte schon am zweiten Tag in eine Gletscherspalte.

Alpen-Überquerung: 16.000 Höhenmeter auf Skiern Fotos
Robert Jacobi

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Das Abenteuer Alpenüberquerung auf Skiern beginnt wenig abenteuerlich. Am ersten Tag steigen wir mit unseren Tourenski auf künstlich beschneiten Pisten auf, bei Sonnenschein und Temperaturen, die an einen Badeurlaub am Gardasee erinnern. Denn hier unten im berühmten Skiort Madonna di Campiglio im Trentino sind die Hänge grün, diesen Winter ist wenig Schnee gefallen.

Peter Schlickenrieder filmt uns mit seinem Handy, wenn wir ihm zu langsam sind. Wir sind ihm oft zu langsam, was kein Wunder ist, denn Peter hat bei den Olympischen Winterspielen 2002 Silber im Langlauf gewonnen. Vor fünf Jahren hat er seine erste Transalp-Tour geschafft, mit bis zu 5000 Höhenmetern am Tag, damals auf Langlaufski, sogar die Abfahrten. Wenig später war er bei der Außenwette von "Wetten, dass?" schneller als ein Pistenbully, auf einer Berg- und Talfahrt über zwei Runden.

Ich kenne ihn, weil wir aus demselben Winkel Oberbayerns kommen und gemeinsame Bekannte im Skiclub haben. Letzten Herbst war ich so mutig, ihn zu fragen, ob wir nicht gemeinsam eine Ski-Transalp machen sollen. Zu meiner Überraschung sagte er zu: Schon seit einiger Zeit sucht er nach einer Route für eine Alpenüberquerung mit Ski, die auch für ehrgeizige "Normalos" machbar ist. Dafür braucht er Versuchskaninchen.

Am ersten Tag schon erreichen wir unseren ersten Gipfel, den Monte Vigo, danach gibt's auf einer Skihütte Pizza mit Ricotta und Speck. Noch am Abend lädt Peter das Ergebnis seiner Filmerei auf YouTube und Facebook hoch. Erster Kommentar einer Freundin: "Ich dachte, ihr macht eine ernsthafte Bergtour, keine Pistensafari." Wir nehmen die Kritik ernst - und geraten schon am zweiten Tag in einen Bergsteiger-Alptraum.

Träume von unberührten Abfahrten

Doch der Reihe nach: Zu viert wollen wir die Alpen vom Trentino bis nach Oberstdorf durchqueren. Es ist Ende März, perfekte Skitourenzeit, insgesamt fast 16.000 Höhenmeter liegen vor uns, mehr als 200 Kilometer Strecke auf Ski, Steilhänge, Gletscher - und hoffentlich auch ein paar traumhafte Abfahrten in unberührtem Gelände.

Wir, das sind außer Peter und mir noch Matthias Möller und Philip Mayrhofer, zwei Münchner Freunde, bergerfahren, konditionsstark und durchtrainiert. An den ersten zwei Tagen begleitet uns außerdem Peters Frau Andrea, die ausgebildete Skitrainerin und Tourenführerin ist. Ich dagegen bin ein ambitionierter Freizeitsportler, der sich seine Kondition in jeder Saison neu erkämpfen muss. Meine Skitechnik reicht, um jeden Hang irgendwie runterzukommen, aber gerade im Gelände fehlt es an Eleganz.

Dass wir im Süden starten, hatte Peter entschieden. "Was Lawinen betrifft, ist es sicherer, morgens die Südhänge hinaufzusteigen", sagt der Alpinprofi. "Später werden sie in der Sonne zu weich. Mittags geht's dann nach Norden runter, hoffentlich im Pulverschnee."

Sturz in die Gletscherspalte

Von Pulverschnee leider nur träumen können wir am zweiten Tag der Tour. Den Gipfel des Monte Cevedale auf 3769 Meter erreichen wir in dichtestem Nebel und Schneetreiben. Vor uns liegen blankes Eis und offene Gletscherspalten.

An Skifahren denkt niemand, außer Peter vielleicht, der überlegt, zwischen den Eisflanken abzuschwingen. Wir schnallen Steigeisen an, Matthias holt das Seil aus dem Rucksack. Viel Zeit bleibt nicht, bis es dunkel wird; der Aufstieg hat sich hingezogen, und ein zäher Abstieg zu Fuß war nicht eingeplant.

Zwei Skistöcke sind gebrochen. Matthias' Schulter schmerzt, weil er tags zuvor auf der Piste ein kurzes Stück mit Fellen und offenen Skischuhen gefahren war, bis er inmitten einer Kinderschar stürzte. Andrea sinkt bis zur Hüfte in ein Schneeloch, kann sich aber selbst befreien. Trotz der Anstrengung, fast 2000 Höhenmeter liegen hinter uns, ist sie zu einem Lächeln fähig.

Als Matthias sich nur durch einen plötzlichen Satz vor einem Spaltensturz retten kann, beschließen wir, einzeln am Seil abzuklettern. Peter baut einen Standplatz. Ich rutsche aus und überschlage mich mit den Steigeisen, Peter hält mich, an einem Steilstück baumelnd. Ein Handschuh liegt unter mir, meine Thermosflasche ist irgendwo im Nebel verschwunden. Philip nimmt denselben Weg, ist aber gewarnt und bewegt sich so langsam wie möglich - das Gesicht dem Hang zugewandt, die Skistöcke als Rettungsanker in der Hand.

Ohne Handschuh im eisigen Wind

Der schneidende Wind lässt die Finger frieren, erst recht, weil mir der rechte Handschuh fehlt. Zehn Meter weiter liegt er, in relativ flachem Gelände. Die Schneedecke sieht harmlos aus, ich gehe ein paar Schritte. Plötzlich öffnet sich der Boden unter mir, und ich fahre wie in einem Fahrstuhl senkrecht nach unten.

"Wäre gut, wenn das bald aufhört", geht mir im Fall durch den Kopf. Auf einem Podest aus Schnee und Eis finde ich Halt, dreieinhalb Meter tiefer - um mich herum eine fremde Welt aus riesigen Eiskristallen und drahtigen Zapfen, über mir ein helles Loch. "Robert!", höre ich Andrea rufen, die gerade noch neben mir stand. Ich sammle mich kurz, stelle fest, dass ich außer einer aufgeschürften Hand unverletzt bin. "Mir geht's gut!", antworte ich.

Das Seil am Hüftgurt sicher verknotet, ramme ich die Steigeisen in die Eiswand und beginne, hinaufzuklettern. Der Wind treibt immer mehr Schnee in die Spalte. Die Ski sind noch fest an meinem Rucksack verstaut. Ich stemme mich über den Rand und stehe bald wieder auf der Oberfläche des Gletschers. "Auf einmal warst du weg", sagt Peter, der mich staunend betrachtet; auch der Rest der Truppe steht unter leichtem Schock. "Aber jetzt bist du ja wieder da." Für klügere Worte ist das der falsche Moment, recht hat er.

Mit GPS-Orientierung zur Schutzhütte

Wir stapfen weiter durch Nebel und Schnee, längst ist uns klar, dass wir die Abfahrt ins Tal nicht mehr schaffen. Matthias hängt als Erster im Seil, Peter lotst ihn per GPS zum Rifugio Casati, einer Schutzhütte auf 3269 Meter. "Links, 11 Uhr" oder "rechts, 13 Uhr", lauten die Kommandos, fast vom Schneetreiben verschluckt. Nach hinten ist nur der Seilstrang zu erkennen, nicht aber Andrea und Philip, die hoffentlich daran hängen.

Plötzlich taucht vor uns die Hütte auf. Es brennt sogar Licht. Wir fallen uns in die Arme. In der Stube sind wir die einzigen Gäste. "Kein Powderalarm", ist Philips trockener Kommentar zu den miserablen Schneeverhältnissen der letzten Stunden. Ich sitze mit Schüttelfrost am Kachelofen, Matthias taut seine gefrorenen Finger auf. Der Wirt stellt uns Pasta, Fleisch und Gemüse auf den Tisch, das wir in wenigen Minuten verschlingen.

"Ich habe schon damit gerechnet, dass wir eine Schneehöhle graben und die Nacht im Biwak verbringen", sagt Matthias. Andrea ist erleichtert, Philip wirkt nachdenklich. Nur Peter demonstriert oberbayerische Gelassenheit, ihn bringt so ein Tag offenbar nicht aus der Ruhe.

Nachts pfeift der Wind ums Haus, es fällt Schnee, und die Sicht ist am Morgen fast genauso schlecht wie am Abend zuvor. Wir überschreiten die Suldenspitze, einen weiteren Dreitausender, und fahren am Seil bis fast nach Sulden ab, um zahllose Spalten und Gletscherbrüche herum. Das strapaziert die Gruppendynamik, denn wenn einer den Schwung zu spät setzt oder gar stürzt, kriegen alle Zug aufs Seil. Einmal quetscht es mir zwei Finger ab.

Mehr als 30 Kilometer an einem Tag

Unten angekommen, verhilft uns Peters Prominenz zu günstigen Zimmern in einem angenehmen Hotel - was für ein Kontrast zur vorherigen Nacht! Während Matthias und Philip in der Sauna liegen, entdecke ich vom Pool aus einen Fetzen blauen Himmel über dem Ortlergebirge: Das Wetter wird besser!

Am Folgetag erleben wir eine prächtige Tour auf den Piz Chavalatsch, von dem wir durch unverspurtes Pulver nach Graubünden abfahren. Auf der anderen Seite des Tals steigen wir wieder auf. Es ist der längste Tag, mit rund 2500 Höhenmetern und mehr als 30 Kilometern. Die Sonne vertreibt den Cevedale-Schock, ab sofort ist sie unser ständiger Begleiter.

Meine Kondition wird während der Woche besser, nicht schlechter - nur das Aufstehen in der Frühe fällt zunehmend schwer. Die Fußballen sind von Blasen übersät und schmerzen bei jedem Schritt. Wir kommen durch Skiorte wie Scuol, Ischgl und St. Anton und fühlen uns zwischen Luxusboutiquen und Après-Ski-Bars wie Außerirdische.

Zwei Tage später, nach unserem letzten Gipfel, dem Grüner oberhalb von Warth in Vorarlberg, laufen wir im Skating-Schritt noch fast 20 Kilometer durch ziemlich flaches Gelände. Dann schieben wir uns auf einer Loipe ins Langlaufstadion von Oberstdorf. Was scheren uns schon die Mountainbiker in ihren kurzen Hosen? Die echten Helden der Berge sind wir, das steht fest.

Mit Dampfbier und Schweinebraten feiern wir unseren Überquerungserfolg. Es ist längst dunkel, als wir schließlich am Münchner Hauptbahnhof aus dem Regionalexpress aussteigen - dort, wo wir neun Tage vorher in den Eurocity eingestiegen sind. Die Plätze neben uns sind frei geblieben, vermutlich, weil wir Shirts und Socken selten und Skischuhe nie gewechselt haben.

Die Schlickenrieder-Route, wie wir sie taufen, scheint nachahmenswert - man muss ja nicht freiwillig bei schlechtem Wetter und zu wenig Schnee auf den Cevedale. Ski und Skischuhe sollten leicht sein, der Rucksack auch. Nicht fehlen dürfen darin Hirschtalg, Tape oder Pflaster gegen Blasen, Voltaren gegen Prellungen und Energieriegel gegen Durchhänger.

Für die drei Freizeitsportler aus unserem Team beginnt nun eine körperlich geruhsame Woche. Nicht für Peter, der steigt schon drei Tage später auf die Rotwand. Natürlich auf Skiern. Was sonst.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Abenteuer
tlogor 10.04.2012
Danke an den Autor für die zwei Stürze. Sonst wär der Bericht nur halb so spannend gewesen. Für mich persönlich ist die Tour allerdings schon gestorben. Abfahren am Seil ist das allerletzte. Einmal und hoffentlich nie wieder.
2. Er ist keine Gams
pförtner 10.04.2012
Hoffentlich hat ihn da keiner rausgeholt, er hat da nämlich nichts verloren, sondern er schändet die Natur !
3. Schade...
pförtner 10.04.2012
eine Lawine hätte sie alle verschütten sollen. Der Bericht,reine Angeberei von Narurschänder !!
4.
pykomat 10.04.2012
Naturschänder? Bei An- und Abreise mit der Bahn und Verzicht auf Lifte? Am besten nur daheim sitzen und ruhig atmen, oder wie? Ich war vor 2 Jahren auch mal am Cevedale unterwegs, allerdings ohne Seil...Damals war alles gut eingeschneit und die Spalten dick überbrückt und die Tour einfach und schön....Da sieht man mal wieder wie entscheidend die Verhältnisse für so ein Vorhaben sind. So eine Tour kann man einfach nicht erzwingen und im Geiste muss man sich auch schon vorher mit dem eventuellen Scheitern durch schlechte Verhältnisse/Wetter/Lawinengefahr auseinandersetzen. Jeder, der mal länger als 3 Tage mit Blasen an Füßen und 15kg Rucksack auf Skitour war, weiß wie hart das ist....Gratulation!
5.
wg2310 10.04.2012
Zitat von pförtnereine Lawine hätte sie alle verschütten sollen. Der Bericht,reine Angeberei von Narurschänder !!
Das Niveau passt besser in andere Foren...
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