Rollstuhlfahrer schafft Transalp-Tour "Angst vor Abgründen? Nein, nur Respekt"

Vor vier Jahren stürzte Felix Brunner beim Eisklettern 30 Meter tief in ein Bachbett. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Nun überquerte er die Alpen mit einem Handbike - und setzte sich brenzligen Situationen aus. Im Interview erzählt der 24-Jährige, warum es ihn immer wieder in die Berge zieht.

Simon Toplak

SPIEGEL ONLINE: Herr Brunner, Sie sitzen seit einem Kletterunfall im Rollstuhl und haben gerade mit einem Handbike die Alpen überquert. Wie holprig war die Reise?

Brunner: Über 80 Prozent der Route war ich offroad unterwegs - Schotterpisten und steinige Fußwege inklusive. Bisher hat kein Rollstuhlfahrer eine Alpenüberquerung geschafft, die vor allem über Downhill- und Freeride-Strecken verläuft.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Besondere an Ihrem Rad?

Brunner: Normale Handbikes haben vorne ein Rad und hinten zwei Räder, bei mir ist es genau umgekehrt. Hinten ist das Antriebsrad, das die Kraft auf den Boden bringt. Die beiden vorderen Räder benötige ich für eine bessere Stabilität. Ich liege in diesem Gefährt, vor mir den Lenker zum Abfahren und eine Kurbel zum Bergauffahren. Es ist eine Spezialanfertigung aus den USA.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie ganz allein unterwegs?

Brunner: Nein, ich hatte acht Begleiter. Auf der zehntätigen Tour gab es hier und da eine Almweide, wo mir ein Gatter den Weg versperrt hat, oder einen Holzsteg, der für mein Rad zu schmal war. Bei solchen Hindernissen bin ich auf jemanden angewiesen, der mich darüber trägt. Außerdem mussten meine Ausrüstung und mein Rollstuhl transportiert werden, den ich brauche, wenn ich an der Unterkunft vom Rad steige. Und der Physiotherapeut hat mir abends die Arme gelockert - die taten manchmal sehr weh.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 480 Kilometer weit gefahren und haben rund 12.000 Höhenmeter überwunden. Gab es auch brenzlige Situationen?

Brunner: Ja, es gab ein paar Stellen, an denen ich abzurutschen drohte. Einmal musste ich einen schmalen Weg an einer steilen Schutthalde nehmen. Da liefen dann meine Begleiter neben mir her, um mich im Notfall auffangen zu können. Denn in meinem Rad bin ich festgeschnallt und könnte mir nicht selbst helfen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Strecken waren besonders anstrengend?

Brunner: Es gab ein paar Schlüsseletappen, bei denen ungewiss war, ob ich sie mit meinem Handbike bezwingen kann. Das Teges-Tal zum Beispiel ist eine berühmte Mountainbike-Strecke, die schon nichtbehinderte Menschen als extrem schwierig beschreiben. Die Auffahrt ist lang und steil, die Abfahrt führt über sehr unwegsames Gelände mit Wurzeln, Absätzen und grobem Geröll.

SPIEGEL ONLINE: Nach Ihrem Kletterunfall vor viereinhalb Jahren lagen Sie mehrere Monate im künstlichen Koma. Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich wieder in die Alpen trauten?

Brunner: Drei Jahre lang war ich nicht in den Bergen unterwegs. Ich bin damals 30 Meter in die Tiefe gefallen, dabei immer wieder aufgeschlagen und schließlich bei vollem Bewusstsein in einem Bachbett aufgekommen. Ich hatte schlimme innere Verletzungen und Quetschungen - aber offenbar auch einen großen Überlebenswillen. Die Ärzte hatten meine Eltern schon auf meinen Tod vorbereitet, als ich im Koma lag.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie seit dem Unfall Angst vor Abgründen?

Brunner: Nein. Aber ich habe mehr Respekt vor ihnen. Ansonsten hätte ich die Transalp-Tour nicht bestreiten können.

SPIEGEL ONLINE: Was ist heute anders als früher?

Brunner: Im Winter fahre ich jetzt nicht mehr Ski, sondern Monoski, und im Sommer radele ich nicht mit dem Mountainbike durch die Berge, sondern mit meinem Handbike. Ich kann inzwischen wieder viele Dinge machen, die ich vor meinem Unfall gemacht habe. Die Berge geben mir eine immense Lebensfreude.

SPIEGEL ONLINE: Was erfüllt Sie, wenn Sie in den Alpen sind?

Brunner: Die Vollkommenheit der Berge, die Einsamkeit. Es gibt am Berg nur den Mensch und die Natur - kein Internet, kein Telefon, keinen Alltagsstress. Ein Gipfel ist für mich der Inbegriff für das Erreichen eines Ziels.

SPIEGEL ONLINE: Vor Ihrem Unfall waren Sie der jüngste Bergretter Bayerns. Sie halfen anderen Menschen, wenn sie in Gefahr waren. Haben Sie heute das Gefühl, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein?

Brunner: Nein. Ich bin selbständig, ich kann alles allein machen. Auch meinen platten Reifen auf der Via Claudia im Inntal habe ich eigenhändig geflickt. Mein Team hat mich lediglich begleitet.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie trotz der Strapazen angetrieben?

Brunner: Ich hatte mir dieses Ziel gesetzt, mit dem Rad von meiner Heimatstadt Füssen an den Gardasee zu fahren. Mir war klar, dass ich das schaffen würde. Ob bei 36 Grad Hitze im Oberinntal, bei Gegenwind im Engadin oder Regengüssen im Val di Mora - ich malte mir stets aus, wie es sein würde, nach Hunderten von Kilometern in Riva del Garda anzukommen. Ich hatte mein Ziel bildlich vor Augen - das ist alles.

Das Interview führte Julia Stanek



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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
loosno 23.08.2013
1. Rollstuhlfahrer schafft Transalp-Tour
Ich habe manchen Handbiker kennengelernt und Sie sind auch so einer. Ich fahre selbst Handbike, ein Ankoppelbike. Ich freue mich über meine kleine Leistung und bewundere Ihre.
Jogy 23.08.2013
2. Gesundheit
Ich laufe seit über 3 Jahren mit Gehhilfen. Das dazu! Mein Orthopäde schüttelt jedes Mal über solche Nachrichten den Kopf. Was, wenn was passiert? Gibt es dann auch solch ein Interview und was denken die Krankenkasssen darüber? Trotz allem, ziehe ich den Hut....Aber bitte weniger Risiko! Einmal hatten sie schon sehr viel Glück.
doubletrouble2 23.08.2013
3. Der Junge macht es richtig !
Er verfährt nach dem Motto : " Jetzt erst recht !" Und er fährt ein geiles Teil.
just_ice 23.08.2013
4. sein 8-Mann starkes Herr an Begleitern
erinnert an die reichen Mt. Everest Touristen, die sich von weit weniger Sherpas den Berg hinauftragen lassen und für sich den Ruhm einer Gipfelbesteigung in Anspruch nehmen
ekenkis 23.08.2013
5. Respekt für die Leistung !
Respekt für die Leistung ! Allerdings frage ich mich, ob der Bogen hier nicht überspannt wird. Meine Freundin und ich haben viele Jahre Military geritten, also das Springen über feste Hindernisse im Gelände. Ich habe mit 60 Jahren aufgehört, sie hat weitergemacht und sich das Genick gebrochen. Heute sitzt sie im Rollstuhl und wird künstlich beatmet. Ich hätte wirklich kein Verständnis dafür, wenn sie sich mit mit einem Dutzend Helfer wieder aufs Pferd setzte und weitermachte. Ihre jetzige Situation kostet die Krankenkasse, d.h. die anderen Versicherten, und den Staat schon einen Haufen Geld. Ich finde, dass alle, die Hochrisikosportarten betreiben, gezwungen sein sollten, vorher eine Versicherung gegen solche hohen Risiken einzugehen, und die Versicherungen sind nicht billig. Dann würden diese doppelten und dreifachen Fälle von "das Schicksal herausfordern" nicht Schule machen und andere Leidensgenossen zu neuem Unfug inspirieren. In diesem Falle ein bisschen abrutschen, runterstürzten, Bergrettung, Hubschrauber, Krankenhaus, Rehaklinik, lebenslange Invalidität und Verdienstausfall und Krankenunterstützung bei einem jungen Mann und und und ... Ich habe oft von klugen Frauen gehört, dass Männer eigentlich überflüssig sind und nur stören. Langsam fange ich an - auch im Hinblick auf die Freizeitbeschäftigung dieses jungen Mannes - das auch zu glauben...:-)
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