Trois Vallées in den Alpen: Stresstest auf Skiern

Von Andreas Lesti

Skifahren in Frankreich: Überdosis Trois Vallées Fotos
Getty Images

600 Pistenkilometer, 200 Schneekanonen, zwei Flughäfen: Trois Vallées in Frankreich ist das größte Skigebiet der Welt. Wer das gesamte Schneelabyrinth an einem einzigen Tag erkunden will, ist schnell der Verzweiflung nahe. Ein Ausdauertest für Mensch und Material.

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9.08 Uhr, Talstation Saint Martin: Das größte Skigebiet der Welt wirkt klein, unscheinbar und verlassen. Noch sind die Wintersportler in ihren Hotels und Apartments, noch versteckt sich die Sonne hinter den Bergen. Der Ort Saint Martin de Belleville ist Teil von Trois Vallées in Frankreich, das sich über drei große Alpentäler erstreckt. Diese sind verbunden über ein Netz aus Seilbahnen, Sesselliften und Schleppern, verwoben durch 600 Kilometer Piste. Mehr gibt es nirgendwo anders.

600 Kilometer - das ist etwa die Strecke von München nach Berlin. Die Frage ist: Wie viele Kilometer Piste kann man an einem Tag überhaupt abfahren? Dank GPS-Messgeräten in Smartphones, die jede Bewegung aufzeichnen, ist das heute leicht nachzuprüfen. Und so steigen wir in Saint Martin in die Seilbahn, und noch während sich die Türen schließen, aktivieren wir das GPS-Gerät. "Three! Two! One!" hallt eine krachende Digitalstimme durch die Kabine, und mit "Start" beginnt die Streckenmessung und ein sehr langer Tag im Skigebiet.

9.26 Uhr, Bergstation Tougnete: Auf 2434 Metern strahlt die Bergstation Tougnete bereits in der Morgensonne. Das GPS-Gerät funktioniert offenbar, denn es zeigt 5,3 Kilometer und die korrekte Höhe an. Aber natürlich werden nicht nur die Pistenkilometer gemessen, sondern auch die Gondelkilometer. Wir müssen also am Ende des Tages rund ein Viertel der Kilometer abziehen.

Auf unserer ersten Abfahrt ist der Schnee frisch planiert, die kalte Luft lässt die Wangen gefrieren, und der Blick ins Allues-Tal, hinein in die Weite des Skigebiets, lässt eine Ahnung zu, die uns Angst macht. Wir fahren erst an imposanten Felszinnen vorbei, dann an den Ausläufern von Méribel-Mottaret: wuchtige Hotel- und Apartmentanlagen, die ihre Hässlichkeit auch nicht hinter den dunklen Holzbeschlägen verbergen.

9.39 Uhr, Talstation Mottaret: Langsam wird es voll im Skigebiet, es scheint, als drängten nun aus jeder Himmelsrichtung Menschen auf die Pisten. Vor der Talstation hat sich eine etwa zwanzig Meter lange Menschenschlange gebildet. Geht das nicht schneller? Sollen wir rechts vorbeidrängeln? Die innere Uhr tickt in mir! Bislang haben wir 10,9 Kilometer geschafft.

11.00 Uhr, Courchevel: Erst um elf Uhr erreichen wir das dritte Tal, in dem sich drei Ortsteile mit dem Namen Courchevel befinden. Wir blicken auf das riesige Plateau: Hänge, Lifte, dazwischen Parkdecks und Hotelburgen, wieder Lifte, Pisten, Wege und Straßen. Das GPS zeigt 31,4 Kilometer an. Der Gedanke, dass wir hier nur ein Drittel des Skigebiets sehen, treibt uns in den Wahnsinn. Insgesamt gibt es im Skigebiet Trois Vallées 174 sogenannte Aufstiegsanlagen, 318 markierte Abfahrten und 76 Talabfahrten.

200 Schneekanonen speisen sich aus sechs extra angelegten Seen, um den notwendigen Kunstschnee zu produzieren, den dann über 80 Pistenraupen plattwalzen. Es gibt vier große Snowparks, vier Skischulen und 51 Restaurants an den Pisten. 15 Ortschaften sind an das Skigebiet angeschlossen, und als wäre ein Flughafen mitten im Skigebiet nicht wahnwitzig genug, gibt es hier zwei davon.

Eine Seilbahn von der Größe eines Autobusses bringt uns zum Dent de Burgin auf 2739 Meter. Dort beginnt eine phantastische Abfahrt, nicht zu steil und nicht zu flach, durch Senken und gut einsehbare Kurven bis hinunter nach Méribel Village. 1340 Meter nur bergab! Eigentlich hätten wir den ganzen Tag diese eine Piste fahren sollen. Aber wir wollen ja so viele verschiedene Pisten wie möglich kennenlernen. Und deswegen müssen wir über den Col de la Loze wieder Richtung Courchevel, um uns dem Plateau ein zweites Mal von der anderen Seite zu nähern und dann weiter Richtung Süden zu fahren.

12.40 Uhr, Méribel Village: Die Zeit im Lift ist eine einzige Superzeitlupe. Je weiter man sich vom Zentrum des Skigebiets entfernt, desto langsamer werden die Lifte. Immerhin haben wir schon 54,3 Kilometer geschafft. Bislang sahen die Gondeln aus wie Autobusse, Helikopter, Rennautos oder Aufzüge aus den Achtzigern. Dieser hier gleicht einem Haufen Schrott.

Wir steigen erleichtert aus, fahren ein Stück und stehen Schlange am Loze-Lift, der tatsächlich noch langsamer fährt. Und dann fällt diese ungeschickte Frau vor uns auch noch beim Einsteigen aus dem Sitz! "Des kost' Zeit! Des kost' so viel Zeiiiit!", lamentiert eine Stimme in meinem Kopf. Es geht mittlerweile um Sekunden, und natürlich verpassen wir später die große Gondel auf den Saulire.

13.53 Uhr, Méribel Mottaret: Immer dann, wenn wir glauben, wir hätten einige Verbindungen durchschaut, oder wir hätten so etwas wie ein Gefühl für das Skigebiet entwickelt, eröffnet sich ein neues Tal, mit neuen Pisten und neuen Liften, die wieder in ein anderes Tal führen. Wir sind nun schon 72,2 Kilometer unterwegs. Aber wir sind bislang nicht auf dem Mont du Vallon, nicht auf dem Gletscher, nicht in der Retortenstadt Val Thorens und nicht auf den Hängen oberhalb von Les Menuires gewesen und nicht mit der Gondel auf den höchsten Punkt gefahren. Wir haben eigentlich noch gar nichts gesehen!

14.10 Uhr, Talstation Mont Vallon: Drei Kilometer später ist der Mont du Vallon erreicht, ein fast 3000 Meter hohes, riesiges Massiv. Zwei Abfahrten führen an seinen Flanken herab, und dazwischen kann man sich in dem weitläufigen Terrain austoben. Man könnte hier drei oder vier Tage verbringen, ohne sich zu langweilen. Wir fahren einmal hoch und hetzen dann mit glühenden Köpfen und brennenden Oberschenkeln, vom Irrsinn getrieben und der Sinne beraubt, wieder hinunter.

15.07 Uhr, Col de la Chambre: Spätestens ab drei Uhr, so haben uns alle erzählt, die diesem Skigebiet bereits zum Opfer gefallen sind, müssen wir uns wieder Richtung Hotel orientieren. Es gibt viele Geschichten von Skifahrern, die die Zeit nicht im Blick hatten und dann von der Piste mit dem Taxi zurück nach Les Menuires fahren mussten und dort erst am späten Abend ankamen. Also hinauf zum Col de la Chambre, um zunächst wieder zurück ins richtige Tal zu kommen. Immerhin haben wir laut GPS 91,3 Kilometer zurückgelegt.

15.59 Uhr, Les Menuires: Gerade noch schaffen wir es, mit dem Lift ein letztes Mal nach oben zu fahren. Ein letztes Mal knapp 1000 Höhenmeter. Ein letztes Mal sieben Kilometer Abfahrt. Als wir oben ankommen, geht erst die Sonne unter, und dann stehen die Lifte still. Aus, das Spiel ist aus. Dann passiert etwas Wunderbares: Das erste Mal an diesem Tag fahren wir entspannt dahin, ohne Druck und Kilometerwahn. Ein Genuss.

Am Ende stehen 113,1 Kilometer, von denen wir vielleicht 85 auf Skiern zurückgelegt haben, und 13.105 Höhenmeter auf dem Display. Um das ganze Skigebiet abzufahren, das ist uns nun klar, müssten wir noch mal sieben solcher Tage wie heute durchmachen. Wollen wir aber nicht.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Oh Gott, die arme Natur
morpholyte 08.01.2013
Zitat von sysop600 Pistenkilometer, 200 Schneekanonen, zwei Flughäfen: Trois Vallées in Frankreich ist das größte Skigebiet der Welt. Wer das gesamte Schneelabyrinth an einem einzigen Tag erkunden will, ist schnell der Verzweiflung nahe. Ein Stresstest für Mensch und Material. Trois Vallées: Das größte Skigebiet der Welt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/europa/trois-vallees-das-groesste-skigebiet-der-welt-a-876079.html)
Leider wird es mit den gigantischen Skigebieten immer schlimmer. Ein unumkehrbarer Trend, leider. 99% der Wintersportler kennen die Folgen nicht und sollten sich mal die zerstörte Natur im Sommer ansehen. Grauenhaft häßlich sieht das aus. Gerade die Schneekanonen und die Pistenraupen, die den Kunstschnee so stark verdichten, dass der Untergrund kaputt geht tragen eine Menge dazu bei. Von den zahllosen häßlichen Liftanlagen ganz zu schweigen. Habe diesen urpsrünglich schönen Sport deshalb schon lange an den Nagel gehängt.
2. ...verwundert
blunted 08.01.2013
Den Rest des Gebietes wollen Sie gar nicht sehen? Schon klar, auf der Autobahn im Stau stehen ist bestimmt lustiger.
3.
casaverdi 08.01.2013
Also mich hat ein Skiurlaub in Les Trois Vallées nicht wirklich vom Hocker gehauen (und ich hatte mich wirklich sehr darauf gefreut). Obwohl es so viele Lifte gibt, bilden sich längere Schlangen als in anderen Skigebieten (Davos, St. Anton, Kaprun...). Und das Treiben auf den Pisten bot sich mir so, wie in Oberstdorf an einem sonnigen Sonntag: viele Menschen, nicht wenige davon, die etwas unkontrolliert Ski fahren, so dass man sich seine "Nische" suchen muss. Fazit: Schöne Bergwelt, viele Pistenkilometer, trotzdem nur mäßiger Skispaß bei sehr langer Anfahrt.
4. Und was
austin mini 08.01.2013
...soll uns dieser Artikel jetzt sagen? Dass man dämliche Ideen nicht zwingend umsetzen muss?
5. Hintergrund zu diesem Artikel??
lilalenchenpause 08.01.2013
Hm, ich versuch gerade zu verstehen, was der Sinn dieses Aritkels ist?! Dass man schwerlich 600 Pistenkilometer an einem Tag fahren kann liegt meiner Meinung nach auf der Hand. Und was der Autor komplett außen vor lässt ist die Beschreibung dieses grandiosen Skigebiets. Es ist nämlich nicht nur quantitativ unschlagbar, es zählt in meinen Augen auch qualitativ zu den besten...
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