Kulturhauptstadt 2015 Pilsen öffnet sich

Bier, Skoda und vielleicht noch die einst berühmten tschechischen Puppenspieler - mehr fällt vielen zu Pilsen nicht ein. Das soll sich 2015 ändern, wenn die viertgrößte Stadt Tschechiens Kulturhauptstadt Europas ist.

Robert B. Fishman

"Pilsen war jahrzehntelang eine graue Industriestadt", sagt Oberbürgermeister Martin Baxa - bis jetzt. Denn der entspannt wirkende ehemalige Geschichts- und Geografielehrer mit dem Dreitagebart im runden Gesicht will seiner Stadt ein neues Image verpassen: Kunst, Kultur und Kreativität. Passend zum nächsten Jahr - denn Pilsen ist neben Mons in Belgien Kulturhauptstadt 2015. Das Motto zum Festjahr lautet "Open up", öffnet euch, und genau das ist in der Stadt in den vergangenen Jahrzehnten passiert.

Mit Handel und Industrie ist der heute fast 170.000 Einwohner zählende Ort reich geworden, mit Maschinenbau, Metallindustrie - und einer der größten Brauereien der Welt. Für seine Bier-Geschichte ist Pilsen noch heute weltbekannt. 1842 brachte ein bayerischer Braumeister seine Handwerkskunst nach Böhmen. Sein Betrieb wuchs zum Großunternehmen Pilsener Urquell heran. Die Stadt lieferte den Namen für die untergärige Biersorte: Pilsener, kurz Pils.

Lecker schmeckt die ungefilterte, naturtrübe, nicht pasteurisierte Variante, ein bronzefarbenes, hefehaltiges Bier, das die Brauereibesucher frisch vom Fass serviert bekommen. Weil es nach zwei, drei Tagen verdirbt, bekommt man es nur in der Pilsener Urquell Brauerei und in der Altstadtkneipe Pivovarský šenk Na Parkánu.

Ein Stilmix als Alt und Neu

Zwei Straßenbahnstationen außerhalb des Zentrums liegt ein weniger bekannter Teil von Pilsen, der Südbahnhof, in dem seit mehr als 15 Jahren Künstler hausen. Die gelbe Bahn made in CSSR gleitet auf dem Weg dorthin vorbei an den hohen Türmen der Großen Synagoge mit den beiden goldenen Davidsternen, passiert moderne Einkaufsstraßen, Reihen grauer Häuserzeilen und vierstöckige Jugendstilhäuser, verschnörkelte und klassizistische Fassaden. Manche sind frisch saniert, andere noch im realsozialistischen Einheitsgrau.

Pilsen ist ein Stilmix aus Alt und Neu, das setzt Kreativität frei, der man im Südbahnhof in vielerlei Formen begegnet. In einem Raum werkelt ein Mann mit kahlgeschorenem Kopf und Stoppelbart: Lukasch Houdek klebt seine Din-A3-großen Schwarz-Weiß-Bilder an die rohen Wände. Die Aufnahmen des 29-Jährigen zeigen scheinbar verkrüppelte Gestalten, die vor verfallenen Häusern im Böhmerwald posieren: Houdek hatte für die Serie Freunde verkehrt herum in Trachten gesteckt, die ihm Vertriebene geliehen haben.

Der Fotograf beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit der Geschichte seiner Heimat. Er ist in einem Haus aufgewachsen, das einst Böhmen-Deutschen gehörte. Auf seine Fragen nach der Vergangenheit erhielt er ausweichende Antworten. "Meine Oma wusste viel aus dem Krieg", erzählt Houdek, "an die Jahre danach konnte sie sich nicht erinnern." So fing Houdek selbst an nachzuforschen.

Massaker mit Barbiepuppen nachgestellt

Er durchsuchte Internet und Archive und stieß dabei mit Entsetzen auf Dokumente über Massaker an Zivilisten. Er verstehe die Wut der Menschen nach den Verbrechen der Besatzer, sagt er. "Aber das rechtfertigt nicht die Morde an Unbeteiligten." Mit seinen Bildern will Houdek zeigen, dass alle Menschen zu Mördern werden können.

Bekannt geworden ist Houdek mit seiner Serie "The Art of Killing", in der er Massaker an deutschen Zivilisten in Böhmen mit Barbiepuppen nachgestellt und fotografiert hat. Beliebt macht er sich damit in Tschechien nicht. In E-Mails und Briefen beschimpften ihn Landsleute als Verräter und als von Deutschen bezahlten Geschichtsfälscher.

"Wir verbinden Kunst mit Bildung", sagt Roman Cernik in der Kneipenstube des "Johan" genannten Kulturzentrums, das in dem halb verfallenen, unbeheizten Nebengebäude des Südbahnhofs untergebracht ist. Cernik, Jahrgang 1963, kräftig und bärtig, hat das Zentrum 1998 mitgegründet. In dem mehr als 100 Jahre alten Jugendstilbauwerk richteten er und seine Mitstreiter Ateliers und Probenräume ein. Auf der Bühne in der ehemaligen Bahnhofshalle spielen Theatergruppen und Tanzensembles.

In der als verschlafen-konservativ verschrienen Provinzstadt Pilsen hat sich das Zentrum seinen Platz erkämpft, sagt Cernik. "Der Bürgermeister unterstützt uns." Ihre Arbeit passt gut zu dem, was dieser mit der Stadt vorhat.

Zirkus ohne Tusch und Tiere

Überall im Ort werben Plakate und Fahnen für Pilsens Auftritt als Kulturhauptstadt Europas im kommenden Jahr. Die meisten der mit dem rund 15 Millionen Euro teuren Programm beschäftigten Manager kommen aus Prag - wie der künstlerische Leiter des Programms Petr Forman, Sohn des Regisseurs Milos Forman.

Unter dem Motto "Open Up" will Forman die Pilsener und ihre Besucher mit "leicht zugänglichen Angeboten auf hohem Niveau" begeistern, mit einem Programm zwischen Attraktion und Kunst. Zirkus ohne Tusch und Tiere, ein Auftritt bunter Riesenfiguren der Compagnie Royal de Luxe aus Nantes, ein barocker Musiksommer in verfallenen Landkirchen und ein interaktives Riesenkarussell aus Paris, das auf dem Hauptplatz gastieren wird.

Pilsen möchte eine interaktive Kulturhauptstadt sein: "Die Pilsener", sagt Forman, "warten ab. Aber wenn sie das Programm sehen, werden sie mitmachen."

Das Programm "Versteckte Stadt" zeigt, was gewünscht ist: Via App bringt es Besuchern Pilsen über Berichte von Einheimischen näher. Der Brauer, der das Pilsener Urquell erfand, ist dabei, ein Arbeiter der Skoda-Werke, ein Künstler oder ein zwölfjähriges Mädchen. Die Figuren werden Touristen in Viertel führen, deren Bewohner sie in Empfang nehmen und in ihren Alltag einladen.

Völkerverständigung auf "Tscheutsch"

Einer anderen Art der Völkerverständigung beziehungsweise der Probleme dabei widmen sich die jungen Schauspieler des freien Theaters Abasta, die ihre Stücke teils auf "Tscheutsch" spielen, einer Mischung aus Tschechisch und Deutsch. Zwei Männer stecken dabei Rücken an Rücken in einem T-Shirt. Mal spricht der eine auf Deutsch zum Publikum, dann der andere auf Tschechisch.

Tscheutsch hört man manchmal aber auch auf den Straßen der Pilsener Altstadt: Der Verein Tandem organisiert deutsch-tschechischen Jugendaustausch und bietet auch interaktive Stadtführungen auf Tscheutsch an. Wer daran teilnimmt, muss Aufgaben lösen und dabei mit den anderen reden - egal wie.

Andel zum Beispiel heißt Engel. Und davon gibt es in Pilsen viele. Als Café-Restaurant, das vegetarische Kost serviert, als vergoldete, wasserspeiende Figur auf dem Platz der Republik oder versteckt an einem Gitter hinter der St.-Bartholomäus-Kathedrale. Dort blicken 25 winzige Engelsköpfchen auf die Passanten.

Immer wieder bleibt jemand stehen, berührt eines der abgegriffenen, silbern glänzenden Köpfchen, hält ein paar Sekunden inne und geht dann weiter. Der Legende zufolge gehen hier Wünsche in Erfüllung.

Robert B. Fishman/srt/emt

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insgesamt 3 Beiträge
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Boandlgramer 03.11.2014
1.
Pilsen hat im Übrigen einen sehenswerten Tierpark, der mit Liebe gemacht ist und clever mit knappen Budgets auskommt. Ein wichtiger Teil davon ist, dass auch die Flora zu ihrem Recht kommt und Tiere etwa aus Australien eben auch eingerahmt werden von Pflanzen aus Australien... Es kann sein, dass die Tierhaltung noch nicht die westeuropäischen Standards (ich kenn vor allem Hellabrunn in München als Vergleich und die Haltung dort ist natürlich in jeder Hinsicht top) erreicht hat, aber ich hatte den Eindruck, dass sie vertretbare Kompromisse eingegangen sind... Aber wenn keiner hingeht und Eintritt zahlt kann's auch nicht besser werden... ;)
BlakesWort 04.11.2014
2.
Letztens dort gewesen. Eine schöne Stadt mit sehr netten Menschen, die fast alle der deutschen Sprache mächtig sind. Zudem unschlagbar was die Preise in der Gastronomie angeht. Natürlich ist Pilsen vor allem für sein Bier bekannt, aber warum auch nicht? Die Brauerei ist auf jeden Fall einen Besuch wert.
peter.groll.5 17.04.2015
3. Bier
Ja, mein Ur,Ur, Ur Großonkel war der Braumeister des 1. Pils Bieres. Nachdem das tschechische Bier schlecht war, holte man aus dem Vilshofen den Braumeister Josef Groll. Auch die Vilshofener Brauerei, braut noch ein Groll Josef Pils. Das Pils aus dem Holzfaß ist richtig lecker und hat mit dem aus der Flasche nicht gemeinsam. Hinfahren und probieren lohnt sich.
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