Türkei-Reisen Was bedeutet der Reisehinweis für Urlauber?

Sigmar Gabriel hat das Auswärtige Amt einen sogenannten verschärften Reisehinweis aussprechen lassen. Damit erklärt er die Türkei zu einem Land, in dem Vorsicht geboten ist. Was heißt das für Urlauber?

Antalya (Archivbild): Wetter gut, Strand leer?
REUTERS

Antalya (Archivbild): Wetter gut, Strand leer?


Viele Urlauber waren es nicht, die am Donnerstagnachmittag in Hamburg für ihren Flug Richtung Antalya eincheckten. Und den wenigsten von ihnen war danach, über den verschärften Reisehinweis zu sprechen. Einige verweigerten jedes Gespräch, andere - mit türkischem Migrationshintergrund - wollten weder fotografiert werden noch ihren Namen nennen. Es gibt Menschen, die zurzeit mit Angst ins Urlaubsparadies im östlichen Mittelmeer fliegen.

Andere sehen die ganze Sache etwas entspannter: Karin und Helmut Thierenbach freuen sich auf eine Woche am Strand in Alanya. "Es hat uns in der Türkei immer gut gefallen."

Entscheidend bei der Wahl des Urlaubsortes war auch der Preis. Außerdem finden die beiden, dass die Hotelmitarbeiter nichts für die Politik des Landes können. Deshalb haben sie auch keine Bedenken in die Türkei zu reisen.

Zwei Vorsorgemaßnahmen haben sie dann doch getroffen: "Wir haben uns heute noch beim Auswärtigen Amt registrieren lassen" sagt der 58-Jährige. Seine Frau ergänzt "Kostet ja nichts, deshalb haben wir das vorsorglich gemacht". Auch ihre Drohne, die normalerweise auf jeder Reise dabei ist, haben sie dieses Mal lieber Zuhause gelassen: "Nicht, dass noch irgendwer denkt, dass wir Spione sind".

Karin und Helmut Thierenbach
SPIEGEL ONLINE

Karin und Helmut Thierenbach

Eine junge Frau mit schwarzen, im Nacken zusammengebundenen Haaren und schwarzer Brille wartet mit mehreren Verwandten am Schalter. Sie wirkt leicht genervt. Von dem verschärften Reisehinweis hat sie noch nichts gehört, sie kann ihn auch nicht nachvollziehen: "Da ist alles in Ordnung, ich sehe keine Probleme". Sie hat Familie in Antalya, die sie seit Jahren jeden Sommer besucht. "Dieses Jahr ist nichts anders, das wird in den Medien übertrieben", sagt sie.

Aus der Perspektive der meisten Urlauber ist ein verschärfter Reisehinweis ein kleiner Albtraum. Es erklärt das selbst gewählte Reiseziel zur unsicheren Region. In der neuen verschärften Fassung der Reise- und Sicherheitshinweise zur Türkei heißt es nun wörtlich:

"Zuletzt waren in der Türkei in einigen Fällen Deutsche von freiheitsentziehenden Maßnahmen betroffen, deren Grund oder Dauer nicht nachvollziehbar war. Hierbei wurde teilweise der konsularische Zugang entgegen völkerrechtlichen Verpflichtungen verweigert. Personen, die aus privaten oder geschäftlichen Gründen in die Türkei reisen, wird zu erhöhter Vorsicht geraten und empfohlen, sich auch bei kurzzeitigen Aufenthalten in die Listen für Deutsche im Ausland bei Konsulaten und der Botschaft einzutragen."

Schon das ist starker Tobak. Zudem wird darauf hingewiesen, dass die deutschen Auslandsvertretungen bei Festnahmen deutscher Staatsangehöriger nicht immer rechtzeitig unterrichtet würden, "der Zugang für die konsularische Betreuung wird nicht in allen Fällen gewährt".

Was bedeutet das nun für mich, wird sich da mancher fragen, und vielleicht auch: Komme ich aus der Nummer wieder heraus?

Kontra: Was gegen einen Türkei-Urlaub spricht
Politische Lage in der Türkei: Moralische Erwägungen
Erdogans Regierung hat in den letzten Monaten über 80.000 Andersdenkende und angebliche Oppositionelle aus dem Staatsdienst entfernen lassen. Wie viele Intellektuelle, Oppositionelle oder Journalisten in Gefängnissen sitzen, ist nicht genau bekannt: man geht von über 50.000 aus. Das politische Klima in der Türkei ist zunehmend repressiv. Erdogans Regierung teilt gegen Deutschland und Europa aus, will seine Macht weiter ausbauen und die Todesstrafe wieder einführen.

Tourismus ist einer der Pfeiler der türkischen Wirtschaft: Will man mit seinem Urlaubsgeld einen Staat unterstützen, der aktuell auf keinem guten Weg scheint? Bürger, die zuhause gegen Massentierhaltung protestieren, auf faire Handelsprodukte achten und ihr politisches und persönliches Handeln an moralischen Kriterien ausrichten, müssen sich diese Frage stellen.

Spannungen mit Deutschland: Unmittelbare Risiken
Auch der Ton zwischen Deutschland und der Türkei verschärft sich zunehmend. Mehrere deutsche Staatsbürger sitzen in türkischen Haftanstalten, weil ihnen die Unterstützung terroristischer Ziele vorgeworfen wird. Bisher traf es vorwiegend Journalisten, Menschenrechts-Aktivisten und Menschen mit deutsch-türkischem Hintergrund.

Das aber könnte sich ändern. Inzwischen hat die Türkei auch Dönerbuden in Deutschland sowie Unternehmen wie Daimler oder BASF zu Terror-Unterstützern ernannt - wo die Türkei auch immer Verbindungen zur Gülen-Bewegung vermutet, erhöht das das Risiko für die Verdächtigten, in der Türkei verhaftet und juristisch verfolgt zu werden. Damit steigt auch das Risiko, durch unbedachte Meinungsäußerungen oder Denunziationen zum Justizopfer zu werden - auch für Deutsche. Nicht auszuschließen ist auch, dass bei weiter steigenden Spannungen ein hartes Vorgehen gegen Deutsche zum Druckmittel im politischen Zwist werden könnte.

Gefahr der Eskalation: Mittelbare Risiken
Die Türkei hat erst im Sommer 2016 einen Putschversuch überstanden. Seitdem regiert die Regierung Erdogan mit zunehmend harter Hand gegen Oppositionelle. Davon gibt es aber so einige: Erdogans Partei AKP konnte bei der letzten regulären Wahl "nur" 49,5 % der Stimmen verbuchen - rund die Hälfte der Türken wählten seine Regierung also nicht.

Beim Verfassungsreferendum, das in der Türkei ab Ende 2019 ein Präsidialsystem etablieren wird, das dem Präsidenten eine bis dato ungekannte Machtfülle geben wird, setzte sich Erdogan mit knapper Mehrheit durch (51,4%). Auch hier darf man davon ausgehen, dass rund der Hälfte der Bevölkerung die wachsende Autorität der Regierung nicht gefällt. Zugleich schränkt diese die Presse- und Meinungsfreiheit weiter ein, und noch immer sind 50.000 Oppositionelle in Haft. Das alles birgt auch das Risiko einer weiteren innenpolitischen Eskalation, je näher die endgültige Entmachtung der Opposition rückt. Es könnte auch die Urlaubsgebiete zu Krisenregionen machen.

Vorerst wohl nicht: Ein verschärfter Reisehinweis ist noch keine Reisewarnung. "Ein Pauschalreisender kann den Reisevertrag bei erheblicher Gefährdung seiner Person durch höhere Gewalt kostenlos kündigen", erklärt der Reiserechtsexperte Ernst Führich aus Kempten. Höhere Gewalt liege aber hier nicht vor. Dass es im Land am Bosporus politisch nicht zum Besten steht, weiß man seit Längerem. Führich: "Ohne eine Reisewarnung muss ein Urlauber selbst beweisen, dass er in der Türkei persönlich erheblich gefährdet ist."

Denkbar sind hier Gefahren, die entweder die Reisedurchführung oder die Person selbst betreffen - etwa eine willkürliche Festsetzung durch die türkischen Behörden, auf die nun auch das Auswärtige Amt in seinen Reisehinweisen explizit hinweist. Im Streitfall zwischen Urlauber und Veranstalter müsste wohl ein Gericht entscheiden. Nach Ansicht von Führich dürften Richter allenfalls bei bestimmten Berufsgruppen wie Journalisten eine Gefährdung bestätigen, nicht aber beim durchschnittlichen Pauschalurlauber.

Denn von einer generellen akuten Gefahr für Leib und Leben geht man erst aus, wenn das AA eine explizite Reisewarnung ausspricht. Das gilt in der Regel für Kriegs- und Konfliktstaaten. Aktuell gibt es Reisewarnungen für Afghanistan, Libyen, Syrien, Irak, Jemen und Somalia sowie den Gazastreifen in den Palästinensischen Gebieten (Stand: 20. Juli 2017). Für manche Länder gibt es zudem Teilreisewarnungen. Dann sind dort nur bestimmte Regionen lebensgefährlich, etwa der nördliche Sinai in Ägypten.

Statt ausdrücklich davor zu warnen, kann das AA von Reisen in Länder oder Regionen abraten oder dringend abraten. Letzteres gilt derzeit etwa in der Türkei für die Grenzgebiete zu Syrien und zum Irak.

Wichtig für Pauschalurlauber:

  • Erst wenn das AA ausdrücklich vor einem Land oder einer Region warnt, holen deutsche Reiseveranstalter ihre dortigen Gäste auf jeden Fall nach Deutschland zurück.
  • Und erst dann dürfen Urlauber dorthin gebuchte Reisen auch gebührenfrei stornieren.

Rät das AA aber lediglich dringend von einem Reiseziel ab, ist die Lage nicht so eindeutig: Auch dann kann höhere Gewalt und damit ein kostenloses Stornorecht vorliegen - es muss aber nicht so sein. Es gibt Veranstalter, die Reisen in Länder und Regionen anbieten, von denen das AA dringend abrät.

Pro: Was für einen Türkei-Urlaub spricht
Schlag den Sack und treff den Esel
Das stärkste Argument für einen Türkei-Urlaub ist zurzeit, dass ein Boykott im Grunde die Falschen trifft: Gerade in den Urlaubsregionen stimmte das Gros der Wähler gegen AKP und Erdogan. Menschen im touristischen Service gehören gemeinhin auch nicht zur wohlhabenden oder mächtigen Schicht der Gesellschaft: Man kann sich fragen, ob man den Kellner und das Zimmermädchen vor Ort für den politischen Kurs ihrer Regierung kollektiv strafen sollte. Der Kontakt mit anderen Kulturen hält zudem Kommunikationswege offen und fördert Weltoffenheit, glauben Optimisten.
Urlaub ist Urlaub und Politik ist Politik
Wie den Sport sehen viele auch das Thema Urlaub als unpolitisch und als Raum, in dem sich Menschen informell begegnen. Im Falle der Türkei trifft ein für seine Gastfreundschaft berühmtes Volk auf eigenem Grund auf Menschen, die in ihrem eigenen Land oft weniger Kontakt zu den Türken dort pflegen. Die freundliche, mitunter freundschaftliche Begegnung fördert Kontakte und hilft, Vorurteile abzubauen. Das kommt beiden zugute - den Gastgebern wie den Gästen in beiden Ländern.
Wirtschaftliche Destabilisierung fördert radikale Tendenzen
Auch das ist ein Argument: Boykotts tragen oft dazu bei, dass sich negative Tendenzen im boykottierten Land verstärken. Schon jetzt lässt sich beobachten, wie die Regierung Erdogan mit Verweisen auf vermeintlich unfreundliche Handlungen ausländischer Regierungen versucht, den inneren Konflikt zu überdecken. Kommen hier die wirtschaftlichen Effekte eines Boykotts hinzu, die auch für normale Bürger spürbar werden, mag das Erdogans Autorität sogar stärken - und die radikalen Tendenzen in der türkischen Politik fördern.
Die Preisfrage: Hauptsache billig?
Gerade für Leute mit kleiner Urlaubskasse ist auch der Preis ein starkes Argument: Die Türkei war schon immer ein preiswertes Urlaubsland, inzwischen ist sie geradezu billig. Sie ist auch nicht der einzige Staat mit bedenklicher politischer Ausrichtung, der zugleich ein beliebtes Urlaubsziel wäre.

Wenn Ideologie das Kriterium für die Wahl des Urlaubsortes wäre, könnte man auch die meisten Golfstaaten vergessen - "Menschenrechte" sind da oft ein Fremdwort und Touristen urlauben in Enklaven, in denen sie tun dürfen, wofür man draußen verhaftet wird. Der Vergleich mit Orten, wo Dinge ebenfalls schlimm sind, macht allerdings auch nichts besser: Die Entscheidung Pro oder Kontra bleibt eine Frage der Prinzipien.

Unter dem Strich heißt das:

Wer jetzt aufgrund des verschärften Sicherheitshinweises auf seine Reise verzichtet, bleibt auf den Kosten sitzen.

Außer, der Veranstalter übt sich in Kulanz. Den in der Türkei aktiven Touristikunternehmen flattern derzeit die Nerven. Schon seit den Anschlägen und dem gescheiterten Militärputsch im vergangenen Jahr schwächelte das Geschäft mit Türkei-Reisen. Zwar zogen die kurzfristigen Buchungen nach Angaben der GfK-Konsumforscher zuletzt wieder an. Insgesamt sei die Nachfrage nach Urlaub in dem Land am Bosporus in den Reisebüros aber schwach. Bis Ende Juni büßten die Veranstalter bei Türkei-Urlauben im Vergleich zur guten Sommersaison 2015 zwei Drittel ihres Umsatzes ein.

Wie das nun weitergehen wird, wagt die Branche noch gar nicht einzuschätzen. Sicherheitsbedenken und politische Großwetterlagen beeinflussten das Urlaubsverhalten, wie sich das im Einzelfall konkret auswirke, sei derzeit aber nicht abzusehen, sagte eine Sprecherin des Deutschen Reiseverbands (DRV): "Das werden die Buchungen in den nächsten Tagen und Wochen zeigen."

pat/bbr/dpa



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