Türkische Ägäis An den Küsten der Aphrodite

Seit der Antike liegen die Halbinseln Resadiye und Bozburun in der türkischen Ägäis im Dornröschenschlaf. Zwar hat sich über die Jahrtausende fast alles hier verändert - nur die heitere Lebensart ihrer Bewohner hat die Zeiten überdauert.

Von Michael Dietrich


Knidos im Mai 150 vor Christus:

Ein wolkenloser Morgen, 23 Grad, laue Brise aus West, im Handelshafen liegen 28 Segelschiffe. Der Weinhändler und Großgrundbesitzer Epaphroditos nimmt sich aus einer tönernen Schale ein paar Nüsse und getrocknete Früchte. Ein erstes, bescheidenes Frühstück. Dann verlässt der Grieche seine Villa, geht den gepflasterten Weg bergab, vorbei an kleinen Gärten, in denen Thymian-, Rosmarin- und Mastixbüsche stehen. Der Tag verspricht ruhig zu werden.

Erst will Epaphroditos zu seinen Buchhaltern an der Agora reiten, später mit einem Sklaven zu seinen zwölf Kilometer entfernten Ländereien, wo er Weine anbaut und lagert; morgen werden sie in 32 Liter fassenden Spitzamphoren nach Athen, Rom und ans Schwarze Meer verschifft. Gemeinsam mit seinen Winzern prüft er gegen Mittag nochmals die Qualität. Schon jetzt freut er sich auf das Treffen mit Freunden am Abend, auf die Hetären und auf den gewürzten und mit Honig gesüßten Wein. Schöne Aussichten.

Datca im Mai 2005 nach Christus:

Bozburun: Früher war der Ort ein Schmugglernest, heute legen hier Yachten an
Guido Mangold

Bozburun: Früher war der Ort ein Schmugglernest, heute legen hier Yachten an

Inçemehmet ist ein kleiner, stets fröhlicher Mann, 75 Jahre alt, verheiratet, zwei erwachsene Kinder. Nach dem Aufstehen schaut der Fischer in den Spiegel, die Rasur kann bis morgen warten. Inçemehmet zieht sich ein kariertes Hemd über, steigt in braune Hosen, trinkt seinen ersten Tee. In der Küche bricht er ein Stück Weißbrot vom ovalen Laib, nimmt etwas Schafskäse und ein paar Gurkenscheiben.

Es ist angenehm warm. Pfeifend schlendert Inçemehmet durch die Gassen von Datça, hin und wieder bleibt er stehen und schaut versonnen den jungen Frauen nach. Am Fischerhafen steigt er in sein Boot, am Horizont schält sich die 15 Kilometer entfernte griechische Insel Symi aus dem morgendlichen Dunst. Heute Abend wird er Fisch grillen; was vom Fang übrig bleibt, schenkt er seinen Freunden. Verkaufen will er nichts. Inçemehmet ist nicht reich, es geht ihm viel besser: Er ist mit seinem Auskommen zufrieden.

Über 2000 Jahre und 30 Kilometer Luftlinie liegen zwischen den Welten des Weinhändlers und des Fischers. Das einst so prächtige Knidos ist verfallen, Reste von Tempeln, Altären, Theatern und eine der größten Nekropolen der antiken Welt erzählen von der großen Vergangenheit, die im 7. Jahrhundert nach den Eroberungsfeldzügen der Araber endete. Schwere Erdbeben haben die Stadt dann vollends zerstört. Heute trägt die 100 Kilometer lange und an manchen Stellen nur wenige Kilometer breite Halbinsel an der türkischen Südägäis den Namen Resadiye. Fast alles hier hat sich verändert - nur die heitere Lebensart ihrer Bewohner hat die Zeiten überdauert.

Knidos 200 vor Christus bis 200 vor Christus:

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Themen-Special Türkei

Die wohl 20.000 Einwohner zählende Großstadt während ihrer Blütezeit: Die renommierte Ärzteschule gilt als das medizinische Zentrum Griechenlands, der Handel mit vorzüglichen Weinen, Essigen und Olivenöl floriert. Wie auch das Geschäft mit dem Tourismus. Die Metropole steht im Ruf, recht freizügig zu sein, jedenfalls wirbt sie mit Erotik: Ihr Wahrzeichen, die Marmorstatue der Aphrodite, zeigt die Göttin erstmals völlig entblößt.

Eine Sensation, die manchen Segler weite Umwege machen lässt. "Wir beschlossen, in Knidos Anker zu werfen, um uns das Heiligtum der Aphrodite anzuschauen ", schreibt der römische Schriftsteller Lucianus. "Auf einem Spaziergang durch die Stadt mussten wir über die unanständigen Tonfigürchen lachen, die man hier überall antrifft." Vorbei an "Buden für diejenigen, denen eine fröhliche Zeche gefällt", führt der Weg zur Marmorstatue der Göttin: "Kein Gewand bedeckt sie, man sieht ihre ganze Schönheit, nur eine Hand deckt verstohlen die Scham."



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