Tyler Brûlés Erziehungstipp Kinder müssen kämpfen lernen

Schluss mit den kuscheligen Kindergartenspielchen: Kolumnist Tyler Brûlé findet, dass der Nachwuchs verweichlicht. Knallharte Siegertypen müssen herangezogen werden - das ist nicht nur besser für Olympia, sondern für ganze Volkswirtschaften.

Kinder in Japan:  Tyler Brûlé  ist in Sorge um den Nachwuchs der Industrienation
REUTERS

Kinder in Japan: Tyler Brûlé ist in Sorge um den Nachwuchs der Industrienation


Je nachdem, wem Sie Gehör schenken, bedeuten die Olympischen Spiele in London entweder das Ende einer ganzen Ära voller Sing-, Tanz-, Spring- und Feuerwerk-Events oder aber den Beginn eines neuen goldenen Zeitalters für Sing-, Tanz-, Spring- und Feuerwerk-Events.

Einige sagen voraus, dass das Olympische Komitee (IOC) die Medien und das Sponsoring womöglich bald aus seinem Würgegriff entlassen muss. Denn während bewährte Formate in dieser Epoche des allgemeinen Exhibitionismus und der redaktionellen Zügellosigkeit zunehmend an Attraktivität verlieren, stehen gleichzeitig immer mehr Kanäle zur Verfügung, um das alte System zu umgehen. Andere sind der Meinung, dass die neuen Medien zusätzliche Umsatzquellen generieren würden, zum Beispiel indem Social-Media-Kanäle zur Kasse gebeten werden, wenn sie Filmaufnahmen, Meldungen oder Bilder der Ereignisse übermitteln.

Die Olympischen Spiele 2016 in Rio werden in den Punkten Sponsoring und Senderechte bestimmt schon mit einem leicht veränderten Regelwerk aufwarten. Einige größere Marken ziehen dabei vielleicht den Kürzeren und einige TV-Stationen könnten feststellen, dass sie zu viel für ihre Exklusivrechte gezahlt haben. Aber das ist nicht die größte Herausforderung, der sich das IOC und all die durchtrainierten Athleten stellen müssen.

Tatsache ist, dass der sportliche Wettkampf als solcher irgendwann im kommenden Frühjahr aus Gründen der political correctness, der Gesundheit sowie der Sicherheit wahrscheinlich abgeschafft wird. Wenn Sie denken, das klinge absurd, sollten Sie mal ein paar Spielplätze und Sportplätze besuchen, um zu sehen, was den Kindern heutzutage über Fairplay und das Überqueren der Ziellinie beigebracht wird.

Mehr Feuer unter dem Hintern

Ein Freund in Tokio erzählte mir nämlich kürzlich, wie sich bei ihnen der Schulsport verändert hätte: Spiele, in denen es darum geht, schneller, höher oder weiter zu sein und in denen die Kinder gegeneinander antreten, seien aus dem Lehrplan gestrichen worden. Kein Sackhüpfen, kein 100-Meter-Lauf, kein Schwimmwettbewerb und kein Hochsprung mehr. Während ich mir diesen Unsinn noch mit offenem Mund anhörte, erklärte mein Freund weiter, es gehen nun vor allem darum, dass "jeder sein Bestes gibt", statt sich auf die Konkurrenz mit den anderen zu konzentrieren. Die Ziellinie solle als Team erreicht werden, nicht als Individuum.

Was fängt man mit so einer Information an? Zunächst mal: Wenn überhaupt ein Land seiner Jugend beibringen sollte, konkurrenzfähiger zu sein, dann doch wohl Japan. Niemand sonst hat es so nötig, seiner nächsten Generation Feuer unterm Hintern zu machen als ein Staat, der seit etwa zwei Jahrzehnten stagniert und dessen internationale Wettbewerbsfähigkeit höchstens noch Bronze abbekommt.

Zweitens: Konkurrenz zu verbieten, nimmt der Kindheit nicht nur jeden Spaß, sondern ist auch schlicht falsch. Jugendlichen werden enttäuscht sein, wenn ihnen nur beigebracht wird, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu verbessern, ohne sich dabei mit anderen zu messen. Und wenn sie merken, dass der Rest der Menschheit seit Jahrzehnten gelernt hat, rauszugehen und anderen in den Arsch zu treten.

Drittens: Jeder liebt Gewinner. Schlicht und einfach. Die meisten Kulturen sind darauf ausgelegt, ein Idol zu verehren. Egal, ob das gut oder schlecht ist, wir sind nun mal so konditioniert. Gewinner sind attraktiv. Ja, das Leben ist hart.

Doch nicht nur Japaner lernen Unsinn: Viele Klassenzimmer und Spielplätze sind zu Paradebeispielen dafür geworden, wie mit gefühlsduseligen Konzepten ein seltsamer Kollektivismus geschaffen wird, dessen natürlicher Feind der Wettkampf ist. Okay, vieles spricht dafür, dass es unfair ist, große Wirtschaftsmächte gegen kleinere Nationen antreten zu lassen, da Letztere mit weniger ausgewogenen Diäten, schäbigerem Fußwerk und einer schlechteren Ausstattung zu kämpfen haben. Zweifellos gibt es aber auch Stimmen, die Wettstreite unter den Völkern generell zu verurteilen, da wir doch alle nach Gleichheit und Gruppenumarmungen streben sollten.

Sicherheitsgurte für Turmspringer

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Olympischen Spiele kurz davor stehen, ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Und das alles durch ein paar Kräfte, die der Meinung sind, dass wir weniger arbeiten, keine gottgegebenen Vorteile über andere haben sowie zusammenarbeiten und nach Gemeinsamkeiten suchen sollten, statt unsere Kräfte darauf zu konzentrieren, als Erster die Ziellinie zu erreichen.

Wenn es den Spielen nun tatsächlich gelingen sollte, sich in einem Format, in dem die Zusammenarbeit statt des Wettkampfes im Vordergrund steht, neu zu erfinden, dann werden sie jedoch höchstwahrscheinlich von den bösen Mächten der Behörde für Gesundheit und Sicherheit vernichtet. (Ich verweise auf meine Kolumne bezüglich dieser bedrohlichen Kräfte, die ihre Hauptquartiere in Canberra und London haben.) Der erscheint das Böse in Gestalt des Turmspring-Wettbewerbs (mal ganz abgesehen von der extremen Obszönität der eng anliegenden Badehosen), der Judo-Kämpfe und des Marathons.

Irgendwann werden Turmspringer mit Sicherheitsgurten fixiert; Judo-Kämpfer müssen mit Brustharnisch, Gesichtsschutz und Helmen auf die Matte; und der Marathon wird aus dem Programm genommen, da er einfach zu kräftezehrend ist.

Während Olympia in London noch im Gange ist, setze ich große Hoffnungen darauf, dass Brasilien in der Lage sein wird, das Ruder herumzureißen. Die südamerikanische Nation könnte zeigen, dass es völlig in Ordnung ist, gewinnen zu wollen, statt sich auf nervige Kindergartenkonzepte einzulassen. Schließlich muss man ein Land lieben, dass die ganze Welt in seinem Außenministerium im Itamaraty Palast in Brasilia willkommen heißt und von Staatsoberhäuptern verlangt, die Oscar-Niemeyer-Treppen hochzusteigen - ohne jedes Geländer.



© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.