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29. Mai 2012, 12:17 Uhr

Tyler Brûlés arme Heimat

Nur Brot und Spiele

Großbritannien geht vor die Hunde: Wenn es im Vereinigten Königreich so weiter läuft, dann könnte der Nation laut Tyler Brûlé bald das traurige Schicksal des antiken Roms drohen. Erstes Anzeichen dafür ist die Klimakatastrophe am Flughafen London-Heathrow.

Denken Sie doch mal über folgende Frage nach, während Sie auf dem Laufband trainieren, morgens Ihren Cappuccino genießen, zur Arbeit fahren oder sich in einer Höhe von 11.500 Meter befinden: Wann hört ein Staat eigentlich auf, ein Staat zu sein? Muss dafür eine rechtswidrige Regierung nach der anderen Rücklagen und Ressourcen verschleudern, bis nur noch pure Anarchie herrscht? Oder reichen schon sehr viel weniger dramatische Umstände?

Das Thema ist vielleicht etwas ambitioniert für das Format dieser Kolumne - eine fünfteilige Fernsehsendung wäre wahrscheinlich angemessener oder noch besser ein dicker Wälzer, den man sich während der Sommerferien vornimmt. Ich bin auch versucht, den Symptomen, die das Scheitern eines Staatswesens zeigen, eine ganze Ausgabe meiner Zeitschrift zu widmen. Das Thema ist jedoch zu akut, um darauf zu warten, bis die nötigen Bäume zerkleinert und die entsprechende Tinte getrocknet ist. Versuchen wir also, das Problem der in Schieflage geratenen Länder hier in Angriff zu nehmen.

Es gibt genügend Analysen zu den katastrophalen Zuständen in Somalia, zu den Unruhen in Afghanistan oder der andauernden Instabilität im Irak. Bedarf herrscht jedoch noch an Studien über die Missstände in der politischen und staatlichen Ordnung vor meiner eigenen Haustür. Beginnen wir also in Großbritannien.

An dieser Stelle versuche ich meist, einen weiten Blick auf die Welt zu werfen und gleichzeitig meine Worte so zu wählen, dass sie keinem der Leser, die mich so gerne mit Briefen bombardieren ("Warum leben Sie nicht woanders? Zum Beispiel Tokio oder Zürich?"), eine neue Angriffsfläche bieten. Doch in der letzten Zeit wurde ich so häufig um eine Einschätzung angesichts der katastrophal langen Schlangen bei der Einreise in Heathrow, der Fehler bei der Sicherheitskontrolle sowie möglicher Imageschäden vor und nach der Olympiade um eine Einschätzung gebeten. Daher habe ich beschlossen, das Thema ohne Umschweife anzugehen.

Reise nach Jerusalem in Heathrow

Am Mittwoch verließ ich einen schwülen Flughafen London-Heathrow, in dem die Temperaturen in keinerlei Verbindung zum sonnigen Himmel oder der Wettervorhersage von 25 Grad Celsius und wärmer zu stehen schienen. Im Terminal 3 spuckten die Klimaanlagen entweder gar keine oder nur warme Luft aus (ich habe fünf kontrolliert - eine meiner Meinung nach aussagekräftige Stichprobe). Und wie immer war die Sicherheitskontrolle das reinste Tohuwabohu. Ich wartete gute zehn Minuten am Ende des Kontrollbands, weil jemand mit Handschuhen gesucht wurde, der ein mysteriöses Objekt in meiner Tasche inspizieren sollte.

"Haben Sie ein Stativ in Ihrer Tasche", fragte der Gentleman.
"Nein, kein Stativ", antwortete ich.
"Sie haben da etwas drin, das wie ein Stativ aussieht", beharrte er.
"Nein, tut mir leid, da ist nichts, das auch nur annähernd Ähnlichkeit mit einem Stativ hätte", sagte ich.
"Warten Sie hier, ich hole besser jemanden, der da mal genauer reinschaut", sagte er schnaubend.

Zehn Minuten später tauchte jemand auf, der verschiedene Sicherheitsprüfungen nach dem Prinzip "Reise nach Jerusalem" inszenierte und schließlich einen ergebnislosen Blick in meine Tasche warf.

Es gibt viele Wege, um festzustellen, wie schlecht ein Staat wirklich agiert, und gerade im Bereich der Sicherheit ist die Rechnung einfach. Eine grobe Liste allgemeiner Mängel könnte folgendermaßen aussehen:

Der letzte Punkt ist wohl der entscheidende und der dringlichste von allen. In den vergangenen Wochen wurden wir nicht nur mit Unterlagen konfrontiert, die beweisen, dass bestimmte Polizeidienststellen sich dafür aussprechen, einige der elementarsten Aufgaben eines Staates auszulagern - darunter strafrechtliche Untersuchungen und Polizeistreifen im Revier. Wir waren auch Zeuge hochnotpeinlicher Endlosschlangen am Flughafen, eines schlecht organisierten Informationsflusses bezüglich der Stationierung von Boden-Luft-Raketen zum Schutz der Olympischen Spiele und der ewigen Diskussion über den Mangel an Krankenhausbetten im Falle einer Notsituation.

Die Presse gibt sich verwundert

In einem Land, in dem das Gesundheitssystem versagt, die Jugendarbeitslosigkeit sprunghaft ansteigt, der internationale Rundfunk kaputtgespart wird und staatliche Schulen völlig unterfinanziert sind, lässt der Vorschlag, den Polizeiapparat zu zerstückeln und Teile davon an den höchsten Bieter zu verscherbeln, ernsthafte Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit der gewählten Volksvertreter und ihrer überbezahlten Berater aufkommen.

Als diese Themen zum ersten Mal in der Presse auftauchten, gab es sofort diverse Live-Berichterstattungen vom Ort des Geschehens, gefolgt von einem medialen Grundrauschen. Zu einer richtige Debatte oder einen Aufschrei, den man innerhalb einer liberalen Demokratie erwarten könnte, kam es jedoch selbst nach einigen Tagen nicht.

Sicher, es gab Leitartikel, die die allgemeine Verwunderung kommentierten. Aber ist es nicht einfach so, dass eine Nation als gescheitert gelten muss, wenn sie ihre grundsätzlichen Aufgaben aus eigener Kraft nicht mehr erfüllen kann? Also die öffentliche Sicherheit und Ordnung garantieren, das Königreich verteidigen, die Jugend ausbilden und für die Älteren sorgen. Kürzlich argumentierte ich, dass ein Staat sich immer darüber im Klaren sein müsse, dass es einige Dinge gibt, die unbedingt geschützt werden müssen: Elementar sind die nationale Sicherheit, die Ausbildung, die Grenzkontrollen und die Infrastruktur.

Könnte nicht das deutlichste Zeichen für ein Scheitern Großbritanniens sein, dass eine Debatte, die die vorherrschenden halbgaren Weisheiten in Frage stellt, weder in der Öffentlichkeit noch andernorts geführt wird? Das Jubiläum der Königin und die Olympischen Spiele in London mögen als perfekte Ablenkung dienen, trotzdem sollte die Regierung nicht vergessen, was aus anderen wurde, die mit Brot und Spielen herrschten.

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