Tyler Brûlés perfekter Tag: Schweizer Karma

Pünktlich, zielgerichtet und zivilisiert: Im Zug von St. Moritz nach Zürich vergeht Tyler Brûlé dank Schweizer Lebensart der Montagsblues - und selbst der Flughafen London-Heathrow kann dem Kolumnisten die gute Stimmung nicht mehr vermiesen.

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St. Moritz: Tyler Brûlé erholt sich hier vom Trubel der Großstädte

Wie oft fragen Sie sich am Beginn einer neuen Woche mit einer gewissen Verwunderung: "Warum ist eigentlich nicht jeder Montag so wie dieser?" Es mag einer subtilen Veränderung Ihrer sonstigen Routine geschuldet sein oder vielleicht einem unerwarteten Beweis menschlicher Nächstenliebe - auf jeden Fall verschwindet das Lächeln nicht nur den restlichen Tag, sondern gleich die ganze Woche nicht mehr von Ihrem Gesicht.

Nach einem entspannenden Wochenende im sonnigen St. Moritz versetzte mich die Aussicht auf das Klingeln meines Weckers um 5.30 Uhr, das anschließende Schlurfen zur Dusche, das frühe Taxi zum Bahnhof und die lange Reise von den hohen Tausendern der Alpen runter nach London auf Normalnull nicht gerade in Ekstase.

Etliche Stunden später dachte ich jedoch ganz anders über den Wochenanfang. Ich sprang förmlich aus dem Bett, tänzelte in die Dusche und musste nicht mal auf das Läuten des Taxifahrers warten, da ich bereits Gewehr bei Fuß vor dem Haus wartete. Die Bergspitzen wurden gerade von den ersten Sonnenstrahlen erfasst, und Bäche von Schmelzwasser sprudelten fröhlich ins Tal hinunter.

Als das Taxi die Anhöhe zu unserem Haus heraufrollte, atmete ich die frische Morgenluft in tiefen Zügen ein und war fast versucht, umzudrehen und einen weiteren Tag auf der Terrasse zu verbringen. Aber bevor ich einen weiteren Gedanken daran verschwendete, war meine Mutter bereits in den Wagen gestiegen und Mats lud die Taschen in den Kofferraum.

Als wir ein paar Minuten später am Bahnhof vorfuhren, wiederholte sich alles in umgekehrter Reihenfolge. Dann besorgte ich unsere Tickets, während Mutter und Mats sich um das Gepäck und Kaffee für alle kümmerten. Innen erwachte die kleine Station gerade zum Leben: Die Bedienungen im Café schmissen den Herd an und mahlten Kaffeebohnen, der Kiosk-Betreiber schnitt die Bänder durch, die die Stapel der "Neuen Zürcher Zeitung", "Il Sole 24 Ore" und der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zusammenhielten. Und Einheimische setzten sich an ihre Lieblingstische und schlugen diverse Regionalzeitungen auf.

Es kann nicht perfekter laufen

Auf dem Bahnsteig suchten schlaftrunkene Snowboarder nach ihrem Waggon, während Freunde und Eltern darauf warteten, ihren Lieben zum Abschied zuzuwinken. Nirgendwo anders auf der Welt ging es unter Pendlern in diesem Moment wohl so zivilisiert zu wie hier.

Den Kaffee in der einen und das Gepäck in der anderen Hand machten wir uns auf den Weg zu unserem Platz und ließen uns in einer Vierersitzgruppe nieder. Draußen ging es zunehmend geschäftig zu. Waggons wurden von Gleisarbeitern neu positioniert, Maschinen gewaschen und Produkte für die lokalen Lebensmittelläden entladen.

Da der Wagen für unseren Geschmack etwas überheizt war, zog ich die Fenster auf beiden Seiten des Zuges herunter, um für eine frische Brise zu sorgen, und lehnte mich weit hinaus. Einer Nachzüglerin, die mit Kaffee, Skischuhen und einer Laptop-Tasche kämpfte, wurde vom Schaffner in den Waggon geholfen; ein Taxi brachte einen weiteren Spätankömmling heran. Und am anderen Ende des Bahnsteigs beobachtete ein Gentleman in einer roten Uniform die Zeiger der großen Bahnhofsuhr, um das Zeichen zum Abfahren zu geben.

Ein paar Minuten später fuhren wir in den Bahnhof von Celerina ein, dann ging es weiter nach Samedan und durch einen der langen Tunnel, die die Täler miteinander verbinden. Als wir in der niedlichen Station Filisur ankamen, begriff ich, dass die Dinge nicht perfekter laufen könnten: Mutter döste vor sich hin, Mats las und nickte zwischendurch ein, ich blickte auf einen Stapel meiner liebsten Zeitungen und Zeitschriften. Wir hatten belegte Brote sowie Kekse in Griffnähe, und der Tag draußen versprach, phantastisch zu werden.

Der kleine rote Zug setzte seine Reise durch die Berge so beständig wie gemütlich fort: genau die richtige Geschwindigkeit für einen Montagmorgen - zielgerichtet, zuverlässig und pünktlich.

Auf einen Sprung ins Sprüngli

Eine Stunde später trafen wir in Chur ein und stiegen in die Schweizerische Bundesbahn nach Zürich um. Hier ging es etwas lebhafter zu und das Stimmengewirr wurde lauter. Die passende Einstimmung auf eine etwas schwungvollere Metropole, bevor es hinauf in den Himmel über Frankreich und den Ärmelkanal und dann hinein ins chaotische London ging.

Nach 73 Minuten erreichten wir den Züricher Hauptbahnhof - gerade noch mit genügend Zeit, um Mutter in ein Taxi zu setzen (sie wollte vor ihrem Rückflug nach Toronto noch ein bisschen shoppen) und schnell ins Sprüngli mit seinen Thunfisch-Sandwiches und Luxemburgerli-Schachteln (Mini-Makronen) einzufallen, bevor wir die Bahn zum Flughafen bestiegen.

Als der Zug im Tiefgeschoss des Flughafens anhielt, wäre ich mir fast eine Bemerkung über die Reibungslosigkeit der bisherigen Reise herausgerutscht. Ich konnte sie jedoch im letzten Moment unterdrücken, um damit kein schlechtes Karma heraufzubeschwören. Glücklicherweise war das neue Sicherheitskontrollsystem ein echtes Kinderspiel (wie clever, ordentlich befestigte Bänke und Tische zur Verfügung zu stellen, damit die Reisenden dort ihre Sachen zusammensuchen und sich nach der Kontrolle wieder herrichten zu können. Andere Flughäfen: bitte notieren) und der Flug nach Heathrow nur leicht verspätet.

Als der kleine Airbus den Kanal überquerte, war natürlich wieder die Ansage zu hören, die inzwischen als offizieller Willkommensgruß in Großbritannien gelten darf: "Leider ist der Luftraum über Heathrow derzeit überfüllt, daher wird es eine Verzögerung von etwa 15 bis 20 Minuten bis zu unserer Landung geben." Als die Sonne sich auf den Serpentinen weit unter uns zu spiegeln begann, machte mir die kleine Verspätung nichts mehr aus. Schließlich hatte die vorherige Bahnreise bereits dafür gesorgt, dass ich elegant in die Woche hineingeglitten war.

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Zur Person
  • FT
    Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".