Tyler Brûlés Kinderwagen-Studie: Angriff der Monsterbuggys

Zu klobig, zu hässlich und immer im Weg: Tyler Brûlé hat nichts gegen Kleinkinder im Hotel - nur gegen deren überdimensionierte fahrbare Untersätze. Für den Kolumnisten sind die merkbefreiten Eltern die Wurzel allen Übels.

Parkverbot für Kinderwagen:  Tyler Brûlé  hätte nichts dagegen Zur Großansicht
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Parkverbot für Kinderwagen: Tyler Brûlé hätte nichts dagegen

Es gibt diese Momente, in denen man sich nur noch fragen kann: Wer ist hier nun eigentlich verrückt geworden - die Welt oder ich? In den vergangenen drei Wochen hatte ich eine kleine Tour rund um den Globus unternommen. Sie bestand zu 70 Prozent aus Arbeit und zu 30 Prozent aus Urlaub: Werberunden in Tokio, Kundenbesuche in Schweden, Badeaufenthalte an Engadiner Gebirgsseen und ein quasi perfektes Wochenende an der ligurischen Küste.

Eigentlich war ich immer der festen Überzeugung gewesen, dass einem befremdliche Verhaltensweisen eher im beruflichen Umfeld begegnen. Dabei sind es in Wirklichkeit Vorfälle in meiner Freizeit, die mich am gesunden Menschenverstand zweifeln lassen.

Am Freitag erreichte ich ein wunderschönes Hotel an der Küste bei Genua. Beim Einchecken lief die übliche Prozedur ab: Ausladen des Autos, ein herzliches Willkommen durch den Hoteldirektor, Vorlegen des Personalausweises, gefolgt von einer kurzen Führung über das Gelände. Auf der Terrasse standen noch die altehrwürdigen Lehnstühle, und ich lobte den Direktor für seine weise Entscheidung, diese nicht durch irgendein hässliches Trendmöbel ersetzt zu haben.

Ich suchte nach Anzeichen, die auf nachlässiges Management, Unruhe beim Personal oder fehlende Detailliebe schließen lassen könnten. Doch die Kellner sahen schick aus in ihren Uniformen, die Pflanzen auf der Terrasse machten einen gesunden und glücklichen Eindruck, nicht ein Stuhl oder Tisch wirkte fehl am Platz. Erst als wir uns dem Aufzug näherten, trübte sich das Bild.

Auswüchse moderner Erziehung

Es handelte sich um ein klassisches Grandhotel, und der Lift war mit Sicherheit irgendwann nachträglich eingebaut worden. Der Platz vor den Aufzügen war deswegen nicht besonders großzügig ausgelegt. Dem Inneneinrichter war es jedoch gelungen, genügend Raum für ein paar Vitrinen mit exklusivem Kram herauszuschinden. Es gab sogar ein paar Sitzplätze, auf denen die älteren Gäste auf den Lift warten konnten, und ausreichend Fläche, um die ankommenden Leute erst mal aussteigen zu lassen. Womit der damalige Designer vor einem Jahrhundert jedoch überhaupt nicht rechnen konnte, waren die Auswüchse moderner Erziehung.

Früher musste dieses Hotel den Eltern nicht davon abraten, mit ihren Kleinkindern anzureisen. Es herrschte der Konsens, dass man entweder daheim blieb, solange der Nachwuchs noch klein war, oder dieser beim Kindermädchen oder Verwandten untergebracht wurde, wenn es gar nicht anders ging.

Aus diesem Grund war die Herberge auch in keinster Weise auf die Elterngeneration des 21. Jahrhunderts vorbereitet, die plötzlich mit Kinderwagen und Buggys anrückte, welche einen Schwertransport der US Air Force benötigen.

Optischer Schandfleck

Der Wartebereich vor dem Lift hatte sich in einen einzigen Fuhrpark für Kinderwagen verwandelt - die aussahen, als könnten sie mit Leichtigkeit ein halbes Panzergrenadier-Regiment transportieren. Welche Monstergröße hatten diese Kinder bloß? Wozu dienten diese riesigen Räder? Wer würde jemanden, ob groß oder klein, damit die hiesigen Klippen entlangschieben? Und wer zum Teufel erlaubte es Gästen, ihre Buggys so abzustellen, dass alle anderen gezwungen waren, sich mühsam einen Weg hindurch zu bahnen?

Eine halbe Stunde später, kamen wir auf dem Weg zum Pool erneut am Kinderwagen-Sammelplatz vorbei - nun war er allerdings in vollem Betrieb. Nicht nur würde bald ein extra Einparker nötig sein, um eine gewisse Ordnung beim Abstellen zu garantieren, auch ein Gärtner wäre erforderlich gewesen, um das Schauspiel hinter dichtem Grün zu verstecken.

Auf dem Weg zur Terrasse fragte ich mich, wer für diesen optischen Schandfleck verantwortlich war. War es Aufgabe des Hotels, sich mit diesem Problem zu beschäftigen? Wahrscheinlich war dies recht schwierig für ein Etablissement, das ursprünglich auf das Geklapper der turmhohen Absätze tiefengebräunter Ladys ausgerichtet war statt auf das Getapse kleiner Kinderfüße, eine Zone für Kinderwagen einzurichten.

Vielleicht hätte man den Leuten auch einfach sagen sollen, dass sie ihre Monsterbuggys doch bitte in ihrem Zimmer abstellen mögen, statt die Lobby vollzuparken. Einige hatten fast schon Ähnlichkeit mit Geländewagen, so als würden sie auf demselben Förderband wie der Hummer produziert. Es wäre interessant zu beobachten, wie Mama und Papa damit umgingen, wenn das Transportmittel ihres Sprösslings in der Mitte der Junior Suite geparkt würde.

Mit dem Buggy an die Piano-Bar

Darüber hinaus wäre es hilfreich, allen Eltern zu versichern, dass Babysitter auch in Italien existieren. Man muss also nicht noch um 23 Uhr mit einer dieser übertriebenen Buggy-Konstruktionen in der Piano-Bar vorfahren.

Wahrscheinlich sähe die Situation anders aus, gäbe es nicht einen heimlichen Wettkampf um die multifunktionalste Konstruktion. Heutzutage hat man den Eindruck, dass der Grad der Zusammenklappbarkeit und Kompaktheit in direktem Zusammenhang mit der Position der Eltern auf der sozialen Leiter steht. Verbringen Sie einfach ein paar Minuten damit, den Einstieg in ein Flugzeug zu beobachten, und Sie werden eine klar definierte Hierarchie des Kinderwagenmilieus ausmachen können.

Diejenigen mit geringerem finanziellen Spielraum tragen ihre Kinder auf dem Arm oder in einer Art Geschirr; die Mittelklasse besitzt praktische, zusammenfaltbare Wagen, die in die Gepäckablage passen. Es sind gewöhnlich die wohlhabendsten Eltern, die - mit zwei Philippininnen im Schlepptau - dem Bordpersonal schnaufend und schnaubend darlegen, warum gerade sie ihren Kinderwagen unbedingt in der Sekunde, in der das Flugzeug landet, als Erste benötigen.

Liebe Leser, ich fordere Sie auf, einen schlank-geformten und haltbaren Wagen zu entwickeln, der sich in einer Handtasche verstauen lässt und weder Hotellobbys verstopft, noch den Einstieg ins Flugzeug verzögert. Auf wen kann ich zählen?

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insgesamt 91 Beiträge
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1. Ein Liegestuhlreservierer?
tecSurf 28.08.2012
Ich finde es erschreckend, dass es Leute (wie obigen Kolumnisten) gibt, die auf so viele Sachen im Urlaub (!) achten. Tip: take it easy! Der einzige Grund, warum ich mir auch kleiner Kinderwagen wünsche, ist die Tatsache, dass ich mir dann ein kleineres Auto (IQ) kaufen kann.
2. Ganz meiner Meinung!
lustiger_leser 28.08.2012
Ha, endlich mal jemand, der sich an das Tabu wagt, über einige Unarten von Eltern zu meckern. Der Kinderwagenwahn geht ja noch weiter: ein Gesetz sagt, dass Kinderwagen im Hausflur abgestellt werden dürfen. Prompt nutzen das viele Eltern aus, um den Zweit- und Drittwagen der Sprößlinge hier ebenso abzustellen. Hinzu kommen dann noch diverse Bestandteile des weiteren Fuhrparks: kleines Dreirad, großes Dreirad aus Holz, kleiner Tretroller, größerer Tretroller, Plastik-Dreirad mit Ladefläche hinten, das erste Fahrrad mit Stützrädern, das zweite Fahrrad ohne. Schön alles in den Flur, bis der Normalmensch nicht mehr durchpasst. Merkt man an, dass der Flur nicht die Erweiterung der Wohnung darstelle, gilt man sofort als Kinderhasser. Tja, Beißreflex...
3. Da hat wohl jemand keine Kinder
max07xqw 28.08.2012
Der Autor hat ein Problem mit Kinderwagen im Hotel. Ok, das haben alle verstanden, aber warum denkt er, dass daran die ganze Welt teilhaben möchte? Der Artikel sagt vor allem etwas über die Befindlichkeit des Autors aus, hat aber ansonsten weder informative noch unterhaltsame Aspekte. Ich komme selbst aus der Touristik und kann nur sagen, dass Familen, wie Hotels und Veranstalter froh sind, dass sich die Situation für Familien in Hotels gebessert hat. Ausnahmen bestätigen hier die Regel.
4. ein notwendiges Übel
aquarelle 28.08.2012
Statt sich aufzuregen, hätten sie doch einfach in eines dieser kinderfreien Hotels fahren können, die es mittlerweile gibt. Ich bin übrigens auch nicht sicher, weshalb Eltern mit ihren kleinen Kindern einen 11 Stunden (!) Flug nach Mauritius aufsich nehmen und damit anderen Fluggästen, die auch etwa knapp 1000 € für den Flug bezahlt haben, auf den Zeiger gehen müssen. Das fällt für mich schon unter Ruhestörung und Geruchsbelästigung... Das finde ich persönlich noch viel schlimmer als eine zugeparkte Hotellobby. Alle Eltern halten ihre Sprösslinge ja generell für die Krone der Schöpfung und das muss auch angemessen demonstriert werden. Daher auch XXL Kinderwagen im Retrostil.
5. Könnte man...
auweia 28.08.2012
Zitat von sysopdapdZu klobig, zu hässlich und immer im Weg: Tyler Brûlé hat nichts gegen Kleinkinder im Hotel - nur gegen deren überdimensionierte fahrbaren Untersätze. Für den Kolumnisten sind die merkbefreiten Eltern die Wurzel allen Übels. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,852449,00.html
...nicht wie früher die Kinder nach der Geburt bei der Amme abgeben, und - eventuell mit einem Umweg über das Internat - erst wieder ins Haus lassen, wenn sie selbständig und unfallfrei gehen, reden und denken können? Eine Wiederaufnahme erst bei Vorhandensein eines eigenen Einkommens wäre zu überlegen fände ich persönlich allerdings etwas überzogen...
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Zur Person
  • FT
    Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".