Tyler Brûlé im Blitzlichtgewitter: Besuch der China-Spione

Hätte er bloß nicht zugesagt: Tyler Brûlé empfängt eine Delegation chinesischer Journalisten und bereut die Entscheidung bitterlich. Die fotografierende Meute hält sich nicht an Absprachen, studiert detailliert das gesamte Gebäude - und versucht sogar den guten alten Toilettentrick.

Bitte lächeln: Chinesische Touristen mit Digitalkameras bewaffnet Zur Großansicht
dapd

Bitte lächeln: Chinesische Touristen mit Digitalkameras bewaffnet

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Etwa einmal pro Woche erhält meine Kollegin Emily (sie kümmert sich in meinen Firmen um die Pressearbeit) eine E-Mail, in der ein taiwanisches Lifestyle-Magazin, eine französische Zeitschrift oder auch eine chinesische Webseite um ein Interview zum Thema "Luxus" bittet. Die meisten dieser Anfragen lehnen wir grundsätzlich ab, schließlich wird das Thema ja bereits ausführlich an dieser Stelle sowie in der von uns herausgegebenen Zeitschrift "Monocle" behandelt - und irgendwann erschöpft es sich dann auch. Ab und zu kommt es jedoch vor, dass eine Anfrage strategisch gut zu einer unserer Titelgeschichten passen. Dann gibt Emily ihr Okay, und wir einigen uns auf einen Termin für das Interview.

Die Taiwaner senden dann normalerweise eine E-Mail mit detaillierten Fragen, die sie gern schriftlich beantwortet hätten - darunter endlos viele, die schon in bereits veröffentlichten Gesprächen gestellt worden waren. Es folgen dann mindestens fünf weitere E-Mail-Runden mit Nachfragen, die alle spätestens in einer Stunde bearbeitet werden sollen, daraufhin entsteht eine sehr lange Pause, bevor das Ganze schließlich veröffentlicht wird.

Die Franzosen beginnen ihre Interviews mit dem Satz, dass sie wahnsinnig gern nach London gekommen wären, um mich persönlich zu treffen. Da der Verlag jedoch das Reisebudget gekürzt habe und die Zeitung sich nicht in der Lage sehe, eine Fahrkarte für den Eurostar zu bezahlen, müssten wir das Gespräch nun leider per Telefon führen. Das führt zu einem Austausch über den allgemeinen Zustand des Print-Journalismus, über unkreative Kreativdirektoren, ängstliche Herausgeber und die guten alten Tage des Zeitschriftenmachens in den frühen achtziger Jahren. Zum eigentlichen Thema "Luxus" kommen wir gar nicht, konnten uns dafür jedoch nach Herzenslust über die Gesamtsituation aufregen und hängten deshalb am Ende beide zufrieden ein.

Keiner hält sich an die Spielregeln

Auch die chinesischen Journalisten, deren recht gelungenes Online-Magazin laut eigener Angabe täglich von 23 Billiarden Usern frequentiert wird, senden uns wie die Taiwaner vorab eine umfangreiche Zusammenstellung der geplanten Diskussionspunkte. Darüber hinaus teilen sie uns jedoch mit, dass sie mit einer Delegation von 15 Leuten anreisen und gern noch ausführlicher über Themen sprechen würden wie: die Zukunft des Print-Journalismus, die globale Relevanz des E-Publishing, wie man auf dem globalen Markt Talente findet, die Bedeutung chinesischer Werte im globalen Medien-Markt sowie Joint-Ventures unter Berücksichtigung der chinesischen Werte im globalen Medien- und Luxusmarkt. Man informiert uns, dass das Gespräch mindestens drei Stunden dauern und eine Film-Crew anwesend sein werde.

Spätestens hier erleidet Emily einen Anfall akuter Atemnot und ist kurz davor, den Rechner in einem Schwall kalten Wassers zu ertränken. Als sie sich wieder beruhigt hat, schlägt sie den chinesischen Journalisten eine einstündige Frage-Session zum ursprünglich vereinbarten Thema vor, mit einem Journalisten und einem Übersetzer. Keine Film-Crew.

Zwei Wochen später platzt unsere Lobby aus allen Nähten. Die chinesische Webseite hatte unsere Antwortmail nie erhalten und die Zahl der Delegations-Teilnehmer ist auf 20 angeschwollen. Emily zählt schnell durch, teilt den Besuchern mit, dass Fotos oder Filmaufnahmen nicht erlaubt seien, und organisiert eine Eskorte durch das Haus. Sie haben das Erdgeschoss noch nicht ganz verlassen, da hört man sie schon leicht tadelnd "Es tut mir leid, aber keine Fotos, bitte" sagen sowie eine halbherzige Entschuldigung. Auch nachdem alle Platz genommen haben, wiederholt Emily die Spielregeln noch mal und erinnert jeden daran, dass das Filmen nicht möglich sei, sie jedoch alle mit dem nötigen Bildmaterial und Archivfotos versorgen könne.

Emily ist kaum außer Sichtweite, schon zieht der eine ein Stativ aus der Tasche, der nächste holt eine Fotolampe heraus, und zwei weitere Leute positionieren die Videokameras. "Ist das okay, wenn wir ein Video machen?" Ich lächele und sage, dass es am besten sei, wenn man sich einfach an die Absprachen hielte.

Der chinesische Toilettentrick

Während ich mit dem leitenden Redakteur die Themen durchgehe, halten Foto-Handys mein Büro in allen Einzelheiten fest, und zwei Leute begeben sich auf den Weg zum WC. Da wir den Toilettentrick kennen, behalten wir sie im Auge. Aber selbst in unserem eigenen Gebäude gelingt es den angeblichen Journalisten, Emily und ihrem Team zu entwischen. Das blinkende rote Licht auf meinem Blackberry signalisiert mir eine weitere Nachricht in der Art von "Ich denke, sie haben jetzt jeden Zentimeter des Gebäudes dokumentiert".

Das Interview nähert sich dem Ende, als Emily meine Bürotür öffnet, in die Hände klatscht, lächelt und sagt "Ich denke, wir haben Zeit für eine letzte Frage." Darauf folgen meist Proteste und Bitten um mehr Zeit. "Okay, okay, eine letzte Frage - können Sie mir sagen, wie viel dieses Gebäude gekostet hat und wie wir an die Einrichtungspläne kommen?"

Emily schaltet sich noch einmal ein. "Gut, ich denke, wir sind hier fertig", sagt sie und winkt die Chinesen in Richtung der offenen Tür. Am liebsten würde sie alle dazu zwingen, unter dem stärksten Magneten der Welt hindurchzugehen, damit alle Aufnahmen gelöscht werden, das ist mir völlig klar. Sie führt die Delegation jedoch unverändert freundlich lächelnd zum Ausgang.

Wochen später schließen wir uns den anderen 23 Billiarden Usern der Webseite an und halten nach dem Interview Ausschau. Aber da ist nichts. Nur massenhaft Fotos von Dingen, die man kaufen kann - sie kommen uns geradezu gespenstisch vertraut vor.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Hallo Tyler,
flieder2 05.06.2012
Nur ein Tipp- muten Sie Emily keinen Mainland- Chinesen zu.! Entweder erleidet sie dann einen Nervenzusammenbruch, kuendigt vorher oder gibt sich die "Kugel". Ich liege vor Bruellen unter den Tisch: Endlich jemand der den allgemeinen Wahnsinn der Asiaten- nee- Chinesen erfasst. Denen sind Regeln und Respekt oder Hoeflichkeit so was von egal! An alle anderen Foristen: Kein Bashing von meiner Seite, es ist der 9jaehrige Alltag, den ich in Shanghai und Peking erlebe.
2. Sie Ärmster!
laolu 05.06.2012
Zitat von flieder2... Endlich jemand der den allgemeinen Wahnsinn der Asiaten- nee- Chinesen erfasst. Denen sind Regeln und Respekt oder Hoeflichkeit so was von egal! An alle anderen Foristen: Kein Bashing von meiner Seite, es ist der 9jaehrige Alltag, den ich in Shanghai und Peking erlebe.
Wieviele Jahre haben Sie denn bekommen? Und es gibt keine Hoffnung auf eine vorzeitige Entlassung?
3. 23 Billiarden User
d329204 05.06.2012
Wenn man beachtet, dass die Erdbevölkerung derzeit etwa 7 Milliarden beträgt, sollte man derartige Zahlen nicht einmal zitieren. Hier liegt sehr warscheinlich ein Übersetzungsfehler vor doch sollten derartige Unstimmigkeiten jedem der den Artikel aktiv liest sofort auffallen. 23 Billiarden Besucher sind etwa 3 Millionen mal die gesamte Erdbevölkerung...
4. Selber Schuld!
Niamey 05.06.2012
Zitat von sysopHätte er bloß nicht zugesagt: Tyler Brûlé empfängt eine Delegation chinesischer Journalisten und bereut die Entscheidung bitterlich. Die fotografierende Meute hält sich nicht an Absprachen, studiert detailliert das gesamte Gebäude - und versucht sogar den guten alten Toilettentrick. Tyler Brûlé über den Besuch chinesische Journalisten bei Monocle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,836999,00.html)
Sie müssen die einfach freundlich bitten alles einzupacken und jetzt zu gehen, da das Interview vorbei sei. Das hilft! Unten am Eingang sammelt man sowieso alle Handys ein. Das Gute ist, dass die Chinesen jetzt gerade dabei sind auf allen Gebieten wo sie uns getriezt haben, von ihren eigenen Leuten mit ihren eigenen Waffen geschlagen zu werden.
5. welcher toilettentrick?
curryander 05.06.2012
na prima! scheint momentan mode zu sein, auf den chinesen rumzuhacken. aber so viele millionen potentielle kunden/ leser will sich herr eitel dann doch nicht entgehen lassen, nich?
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Zur Person
  • FT
    Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".