Gelegentlich wirft man mir vor, zu streng zu sein, wenn ich behaupte, dass Großbritannien kurz vor dem Scheitern steht - oder schon längst gescheitert ist. Die schlechte Infrastruktur, das veraltete Verkehrsnetz, das unterfinanzierte Militär, die katastrophalen staatlichen Schulen, verwirrte Einwanderungsbeamte und ein antiquierter öffentlicher Rundfunk heißt es, seien kein Grund, einen Staat als gescheitert zu bezeichnen.
Dem widerspreche ich aus ganzem Herzen. Dank der aktuellen Budget-Kürzungen ist sogar alles noch viel schlimmer geworden. Und mit der Polizei und der inneren Sicherheit sind zwei weitere Bereiche hinzugekommen, in denen die Regierung versagt - und zwar massiv.
Statistiken kann man wunderbar fehldeuten, deshalb glaube ich, dass meine persönlichen Erfahrungen weitaus beweiskräftiger sind. Ich wohne seit mehr als 20 Jahren in London und mir fällt sofort eine Handvoll Leute ein, von denen ich persönlich weiß, dass sie schon mal ausgeraubt wurden. Vielen wurden ihre Taschen oder Geldbörsen in Kneipen oder Cafés gestohlen, es gab Einbrüche (in diese Opfergruppe gehöre auch ich), geklaute Fahrräder und eingeschlagene Autofenster, aber dankenswerterweise keinen schweren Überfall oder ähnliche Akte willkürlicher Gewalt.
In den vergangenen drei Wochen war jedoch eine ernsthafte Steigerung der Verbrechensrate in meinem unmittelbaren Freundes- und Kollegenkreis zu beobachten. Es begann mit einem unserer Redakteure, dem sein Handy von zwei Hooligans auf einem Motorroller aus der Hand gerissen wurde (die Polizei sagte, dies sei sieben anderen Leute in der Gegend um Marylebone innerhalb von 45 Minuten am selben Abend ebenfalls passiert).
Wenige Tage später wurde ein anderer Kollege angegriffen, weil er kein Feuerzeug dabei hatte, einer unserer Nachrichtensprecher bekam einen Schlag ins Gesicht, meinem früheren Assistenten wurde das Telefon gestohlen, und am Freitagabend fuhren einige Schlägertypen (auch auf einem Motorroller) auf den Bürgersteig und versuchten, einem unserer Produzenten das Telefon zu entwenden. Glücklicherweise fiel das Handy auf den Boden - die Täter waren zu nervös, um sich danach zu bücken und rasten davon.
"Wir sind eben sehr beschäftigt"
Als ich diese Vorkommnisse einer befreundeten Diplomatin erzählte, die ebenfalls in meiner Gegend wohnte, berichtete diese, dass ihr Mann und zwei ihrer Kollegen aus der Botschaft Opfer ähnlicher Vorfälle gewesen seien.
Irritiert und verärgert, dass so etwas vor meiner Haustür geschieht, rief ich die Polizei an und bat darum, mit jemandem zu sprechen, der für mein Viertel zuständig ist. Ein Tag ging vorüber. Zwei. Drei. Eine Woche. Keinerlei Reaktion. Nach dem zweiten Motorroller-Vorfall (wenige Schritte von unserem Büro entfernt) meldete ich mich erneut. Ich erklärte, dass dies bereits mein zweiter Anruf sei und fragte, warum denn niemand auf den ersten reagiert hätte.
Beamter: "Na ja, wir sind eben sehr beschäftigt, tun aber, was wir können."
Ich: "Das kann ich mir vorstellen. Nichtsdestotrotz denke ich, dass auf Anrufe reagiert werden sollte.
Beamter: "Was wollen Sie eigentlich von mir?"
Ich: "Ich möchte, dass jemand auf meinen Anruf reagiert - vor allem nach einer Woche. Immerhin zahle ich hier nicht nur jede Menge Unternehmens- und Einkommenssteuern, sondern beschäftige auch noch gut 100 Leute, die ebenfalls Steuern zahlen. Da sollte es Ihnen doch möglich sein, für einen besseren Kundenservice zu sorgen."
Beamter: "Moment mal, es ist ja nun nicht so, dass die Polizisten keine Steuern zahlen würden..."
Ich: "Na und? Ich leite ein privatwirtschaftliches Unternehmen, in dem Kundenanfragen selbstverständlich sofort bearbeitet werden. Das sollte dem öffentlichen Dienst, der schließlich für das Volk da ist, doch ebenfalls gelingen können!"
Lamentieren und Laminieren
Im Bewusstsein, dass das Gespräch eh zu nichts führen würde, nahm ich schließlich mein Aktenzeichen entgegen und legte wieder die zweite Staffel der TV-Serie "Downtown Abbey" ein.
Als ich Samstagmorgen rund um Regent's Park joggte, hielt ich vor dem Wohnsitz des amerikanischen Botschafters an und unterhielt mich mit den dort Wache stehenden Polizisten über die Entwicklung in unserem Viertel und meine frustrierenden Erfahrungen mit den örtlichen Sicherheitskräften.
"Sie müssen mal auf den Putz hauen", sagte der eine. "Denn für mich klingt das nach einem echten Problem, dem muss auf den Grund gegangen werden."
"Genau, Sie müssen ordentlich auf den Putz hauen", stimmte sein Kollege zu. "Damit erregen Sie auf jeden Fall Aufmerksamkeit."
Einige Stunden später stand ich mit meinem Kollegen Andrew am Empfang unserer lokalen Polizeistation. Während wir darauf warteten, mit dem diensthabenden Beamten sprechen zu dürfen, stellten wir uns die Frage, wie viel Geld die Polizei wohl jährlich allein für das Ausdrucken und Laminieren ausgibt - jede denkbare vertikale und horizontale Fläche war mit Notizen über Opfer, Täter sowie mit den üblichen Gesundheits- und Sicherheitsbestimmungen zugepflastert, die die meisten modernen Arbeitsplätze verunstalten.
Manager statt Wachtmeister?
Nun konnte man diese Polizeistation allerdings beim besten Willen nicht als modern bezeichnen. Im Gegenteil, ihre Ausstattung weckte nicht gerade Vertrauen. Nach einer kurzen Ansprache über das Verbrechen in London sowie die Nachteile, nicht zu den Hotspots der kriminellen Szene zu gehören, brauchte das Gespräch dringend einen Themawechsel.
"Was wurde eigentlich aus dem Konzept der Abschreckung?", fragten wir aus einem Mund.
"Sehen Sie", sagte der diensthabende Polizist, "letztlich geht es doch immer um Statistiken. Meine Manager müssen Statistiken sehen, um Premierminister Cameron über deren Inhalt zu informieren. Deshalb muss jedes Verbrechen gemeldet werden; denn erst dann wissen die zuständigen Stellen, dass es ein Problem gibt und wir können mehr Polizisten darauf ansetzen."
Manager statt Wachtmeister? Keine Abschreckung? Statistiken für den Premierminister? Vom "Auf den Putz hauen" hatten wir uns irgendwie mehr versprochen. Frustriert verließen wir die Wache und kehrten ins Büro zurück.
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