Tyler Brûlé haut auf den Putz: Hilfe, Polizei!

Das Verbrechen boomt, die Nachbarschaft geht vor die Hunde und bei der Polizei ruft niemand zurück: Tyler Brûlé hat kein Verständnis für den miesen Kundenservice der Londoner Ordnungshüter - der Kolumnist stürmt auf die Wache und macht seinem Ärger Luft.

Londoner Polizisten: Steuerzahler wie du und ich Zur Großansicht
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Londoner Polizisten: Steuerzahler wie du und ich

Gelegentlich wirft man mir vor, zu streng zu sein, wenn ich behaupte, dass Großbritannien kurz vor dem Scheitern steht - oder schon längst gescheitert ist. Die schlechte Infrastruktur, das veraltete Verkehrsnetz, das unterfinanzierte Militär, die katastrophalen staatlichen Schulen, verwirrte Einwanderungsbeamte und ein antiquierter öffentlicher Rundfunk heißt es, seien kein Grund, einen Staat als gescheitert zu bezeichnen.

Dem widerspreche ich aus ganzem Herzen. Dank der aktuellen Budget-Kürzungen ist sogar alles noch viel schlimmer geworden. Und mit der Polizei und der inneren Sicherheit sind zwei weitere Bereiche hinzugekommen, in denen die Regierung versagt - und zwar massiv.

Statistiken kann man wunderbar fehldeuten, deshalb glaube ich, dass meine persönlichen Erfahrungen weitaus beweiskräftiger sind. Ich wohne seit mehr als 20 Jahren in London und mir fällt sofort eine Handvoll Leute ein, von denen ich persönlich weiß, dass sie schon mal ausgeraubt wurden. Vielen wurden ihre Taschen oder Geldbörsen in Kneipen oder Cafés gestohlen, es gab Einbrüche (in diese Opfergruppe gehöre auch ich), geklaute Fahrräder und eingeschlagene Autofenster, aber dankenswerterweise keinen schweren Überfall oder ähnliche Akte willkürlicher Gewalt.

In den vergangenen drei Wochen war jedoch eine ernsthafte Steigerung der Verbrechensrate in meinem unmittelbaren Freundes- und Kollegenkreis zu beobachten. Es begann mit einem unserer Redakteure, dem sein Handy von zwei Hooligans auf einem Motorroller aus der Hand gerissen wurde (die Polizei sagte, dies sei sieben anderen Leute in der Gegend um Marylebone innerhalb von 45 Minuten am selben Abend ebenfalls passiert).

Wenige Tage später wurde ein anderer Kollege angegriffen, weil er kein Feuerzeug dabei hatte, einer unserer Nachrichtensprecher bekam einen Schlag ins Gesicht, meinem früheren Assistenten wurde das Telefon gestohlen, und am Freitagabend fuhren einige Schlägertypen (auch auf einem Motorroller) auf den Bürgersteig und versuchten, einem unserer Produzenten das Telefon zu entwenden. Glücklicherweise fiel das Handy auf den Boden - die Täter waren zu nervös, um sich danach zu bücken und rasten davon.

"Wir sind eben sehr beschäftigt"

Als ich diese Vorkommnisse einer befreundeten Diplomatin erzählte, die ebenfalls in meiner Gegend wohnte, berichtete diese, dass ihr Mann und zwei ihrer Kollegen aus der Botschaft Opfer ähnlicher Vorfälle gewesen seien.

Irritiert und verärgert, dass so etwas vor meiner Haustür geschieht, rief ich die Polizei an und bat darum, mit jemandem zu sprechen, der für mein Viertel zuständig ist. Ein Tag ging vorüber. Zwei. Drei. Eine Woche. Keinerlei Reaktion. Nach dem zweiten Motorroller-Vorfall (wenige Schritte von unserem Büro entfernt) meldete ich mich erneut. Ich erklärte, dass dies bereits mein zweiter Anruf sei und fragte, warum denn niemand auf den ersten reagiert hätte.

Beamter: "Na ja, wir sind eben sehr beschäftigt, tun aber, was wir können."

Ich: "Das kann ich mir vorstellen. Nichtsdestotrotz denke ich, dass auf Anrufe reagiert werden sollte.

Beamter: "Was wollen Sie eigentlich von mir?"

Ich: "Ich möchte, dass jemand auf meinen Anruf reagiert - vor allem nach einer Woche. Immerhin zahle ich hier nicht nur jede Menge Unternehmens- und Einkommenssteuern, sondern beschäftige auch noch gut 100 Leute, die ebenfalls Steuern zahlen. Da sollte es Ihnen doch möglich sein, für einen besseren Kundenservice zu sorgen."

Beamter: "Moment mal, es ist ja nun nicht so, dass die Polizisten keine Steuern zahlen würden..."

Ich: "Na und? Ich leite ein privatwirtschaftliches Unternehmen, in dem Kundenanfragen selbstverständlich sofort bearbeitet werden. Das sollte dem öffentlichen Dienst, der schließlich für das Volk da ist, doch ebenfalls gelingen können!"

Lamentieren und Laminieren

Im Bewusstsein, dass das Gespräch eh zu nichts führen würde, nahm ich schließlich mein Aktenzeichen entgegen und legte wieder die zweite Staffel der TV-Serie "Downtown Abbey" ein.

Als ich Samstagmorgen rund um Regent's Park joggte, hielt ich vor dem Wohnsitz des amerikanischen Botschafters an und unterhielt mich mit den dort Wache stehenden Polizisten über die Entwicklung in unserem Viertel und meine frustrierenden Erfahrungen mit den örtlichen Sicherheitskräften.

"Sie müssen mal auf den Putz hauen", sagte der eine. "Denn für mich klingt das nach einem echten Problem, dem muss auf den Grund gegangen werden."

"Genau, Sie müssen ordentlich auf den Putz hauen", stimmte sein Kollege zu. "Damit erregen Sie auf jeden Fall Aufmerksamkeit."

Einige Stunden später stand ich mit meinem Kollegen Andrew am Empfang unserer lokalen Polizeistation. Während wir darauf warteten, mit dem diensthabenden Beamten sprechen zu dürfen, stellten wir uns die Frage, wie viel Geld die Polizei wohl jährlich allein für das Ausdrucken und Laminieren ausgibt - jede denkbare vertikale und horizontale Fläche war mit Notizen über Opfer, Täter sowie mit den üblichen Gesundheits- und Sicherheitsbestimmungen zugepflastert, die die meisten modernen Arbeitsplätze verunstalten.

Manager statt Wachtmeister?

Nun konnte man diese Polizeistation allerdings beim besten Willen nicht als modern bezeichnen. Im Gegenteil, ihre Ausstattung weckte nicht gerade Vertrauen. Nach einer kurzen Ansprache über das Verbrechen in London sowie die Nachteile, nicht zu den Hotspots der kriminellen Szene zu gehören, brauchte das Gespräch dringend einen Themawechsel.

"Was wurde eigentlich aus dem Konzept der Abschreckung?", fragten wir aus einem Mund.

"Sehen Sie", sagte der diensthabende Polizist, "letztlich geht es doch immer um Statistiken. Meine Manager müssen Statistiken sehen, um Premierminister Cameron über deren Inhalt zu informieren. Deshalb muss jedes Verbrechen gemeldet werden; denn erst dann wissen die zuständigen Stellen, dass es ein Problem gibt und wir können mehr Polizisten darauf ansetzen."

Manager statt Wachtmeister? Keine Abschreckung? Statistiken für den Premierminister? Vom "Auf den Putz hauen" hatten wir uns irgendwie mehr versprochen. Frustriert verließen wir die Wache und kehrten ins Büro zurück.

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insgesamt 7 Beiträge
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1.
niela 10.04.2012
Ich lebe nun seit 5 Jahren in London. Erst in Battersea, dann in Whitechapel und nun in Woodford. Noch nie wurde ich Opfer eines ueberfalls und ich kann die Faelle an denen andere beraubt wurde an der Hand abzaehlen. Aber ich weiss auch, dass bestimmte Gegenden schlimmer betroffen sind als andere. Die Polizei ist heutzutage eher mit einer imaginaeren Terrorabwehr beschaeftigt. Was mich nur wundert ist, dass ueberall in London CCTV Kameras stehen, aber diese scheinbar ueberhaupt gar nichts bringen. Aber was sollte man auch tun? Einen Polizeistaat errichten? Leider gibt mir der Artikel keinerlei Vorschlag zur Besserung sondern prangert nur an. Lustig zu lesen, bringt aber leider nix.
2. Hilfe Polizei
geckox 10.04.2012
Zitat von sysopAPDas Verbrechen boomt, die Nachbarschaft geht vor die Hunde und bei der Polizei ruft niemand zurück: Tyler Brûlé hat kein Verständnis für den miesen Kundenservice der Londoner Ordnungshüter - der Kolumnist stürmt auf die Wache und macht seinem Ärger Luft. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,826487,00.html
Das hört sich für mich an wie Neapel in den Siebziger . Naja ,dann dauert es nicht mehr lange , bis in London sich Strukturen organisieren . Die Banken und die Regierung können sich schon mal vorbereiten .
3. Thank you
shortsightedinoneeye 10.04.2012
Thank you Tyler. I do enjoy reading the occasional positive piece about the British Police and them telling you, metaphorically of course, to piss off and stop wasting their time is definitely one of those moments. I also particularly enjoyed the police officer's evident resentment at your implying that you should receive special treatment because of your wealth, and the fact that you pay more tax than a police officer. It gives me some hope that all is not yet lost in British society. For someone who seems to pride themselves on their discernment, I am surprised that you have not carried out the basic geographical statistical analysis which would show you that where inequality is at its grossest, crime is at its worst. If you need a hint, you might start your study in South America (and there is no doubt that the UK has come to look more like South America in the course of your twenty years here.) If you've gone off London, why don't you head back to where you came from? If you and all your friends were to leave, it should at a stroke remove a large chunk of the crime-inducing conspicuous consumption which results in the police having so little time for polite conversation with their wealthier "customers". And incidentally, why are you publishing this article in a German magazine? Is it because you think the Germans are more efficient at policing? Historically that is of course the case, but perhaps not always to the best effect. You know the old saying about Euro heaven: French cooks, German musicians, British police and Euro hell: German police, British cooks and French musicians. It has some wisdom.
4.
eduardschulz 10.04.2012
Zitat von shortsightedinoneeyeThank you Tyler. I do enjoy reading the occasional positive piece about the British Police and them telling you, metaphorically of course, to piss off and stop wasting their time is definitely one of those moments. I also particularly enjoyed the police officer's evident resentment at your implying that you should receive special treatment because of your wealth, and the fact that you pay more tax than a police officer. It gives me some hope that all is not yet lost in British society. For someone who seems to pride themselves on their discernment, I am surprised that you have not carried out the basic geographical statistical analysis which would show you that where inequality is at its grossest, crime is at its worst. If you need a hint, you might start your study in South America (and there is no doubt that the UK has come to look more like South America in the course of your twenty years here.) If you've gone off London, why don't you head back to where you came from? If you and all your friends were to leave, it should at a stroke remove a large chunk of the crime-inducing conspicuous consumption which results in the police having so little time for polite conversation with their wealthier "customers". And incidentally, why are you publishing this article in a German magazine? Is it because you think the Germans are more efficient at policing? Historically that is of course the case, but perhaps not always to the best effect. You know the old saying about Euro heaven: French cooks, German musicians, British police and Euro hell: German police, British cooks and French musicians. It has some wisdom.
Da Sie des Autors Artikel leseln konnten, gehe ich davon aus, dass Sie des Deutschen mächtig sind. Deshalb gehe ich ferner davon aus, dass Ihnen aufgefallen sein dürfte, dass er keine Vergleiche mit Deutschland hergestellt hat, mithin der Vergleich der londoner mit der deutschen Polizei nur in Ihrer Phantasie stattgefunden hat. Da Sie aber selbst ein so harmloses Aufsätzchen dazu benutzen, ein politisches Süppchen zu kochen und mit der Nazi-Keule umzurühren, schließe ich damit, dass Sie besser weiterhin das Forum der Sun für die Verlautbarung Ihrer Meinung nutzen sollten. Dort fände sie, meinen Beobachtungen nach, begeisterten Beifall.
5.
tschild 11.04.2012
Zitat von shortsightedinoneeyeThank you Tyler. I do enjoy reading the occasional positive piece about the British Police and them telling you, metaphorically of course, to piss off and stop wasting their time is definitely one of those moments. I also particularly enjoyed the police officer's evident resentment at your implying that you should receive special treatment because of your wealth, and the fact that you pay more tax than a police officer. It gives me some hope that all is not yet lost in British society. For someone who seems to pride themselves on their discernment, I am surprised that you have not carried out the basic geographical statistical analysis which would show you that where inequality is at its grossest, crime is at its worst. If you need a hint, you might start your study in South America (and there is no doubt that the UK has come to look more like South America in the course of your twenty years here.) If you've gone off London, why don't you head back to where you came from? If you and all your friends were to leave, it should at a stroke remove a large chunk of the crime-inducing conspicuous consumption which results in the police having so little time for polite conversation with their wealthier "customers". And incidentally, why are you publishing this article in a German magazine? Is it because you think the Germans are more efficient at policing? Historically that is of course the case, but perhaps not always to the best effect. You know the old saying about Euro heaven: French cooks, German musicians, British police and Euro hell: German police, British cooks and French musicians. It has some wisdom.
Genau das habe ich mit Befriedigung aus dem Artikel herausgelesen. Mein Respekt vor dem Polizisten, der höflich blieb. Warum reagieren manche Menschen auf die Wahrnehmung "Du tust zu wenig für mich" mit "Jetzt bestehe ich auf einer komplett funktionslose Besprechung"?
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Zur Person
  • FT
    Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".