Tyler Brûlés Regierungserklärung: Staat zu verkaufen!

McDonald's übernimmt die Gesundheit, der Emir von Katar macht den Sport, und Tyler Brûlé räumt als Verkehrsminister am Flughafen Heathrow auf: Angesichts der Outsourcing-Pläne bei der britischen Polizei sieht der Kolumnist nur eine Möglichkeit - die Privatisierung des Vereinigten Königreichs. 

Outsourcing: In Birmingham wurde jüngst das erste Gefängnis Großbritanniens privatisiert Zur Großansicht
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Outsourcing: In Birmingham wurde jüngst das erste Gefängnis Großbritanniens privatisiert

Ich habe gute Nachrichten! Zumindest für Engländer, für häufige Besucher Londons und für diese Spezies hanseatischer Anglophiler, die am liebsten sofort ein Stückchen Land in Mayfair oder ein niedliches Häuschen in den Cotswolds erwerben würden, die aber der beklagenswerte Zustand der britischen Infrastruktur davon abschreckt.

Jüngst wurde bekannt, dass in England einige Aufgaben der Polizei privatisiert werden (inklusive Ermittlungsarbeiten und Streifengänge). Ich habe mich dazu entschlossen, diese Outsourcing-Pläne sowie den damit einhergehenden Verzicht auf jede Form von Verantwortung zu begrüßen und werde in Kürze ein Übernahmeangebot für das Verkehrsministerium abgeben.

Da die aktuelle Regierung unmissverständlich klar macht, dass die Übernahme zentraler hoheitlicher Aufgaben, wie es von jedem halbwegs funktionierenden Staat erwartet wird, nicht in ihrem Interesse liegt, muss der nächste Schritt logischerweise lauten: Privatisierung aller Ministerien!

Das kommt zwar dem offiziellen Eingeständnis des Scheiterns gleich, aber die einzige Alternative bestünde darin, sich von der Demokratie ganz zu verabschieden und das Vereinigte Königreich einfach dem Meistbietenden zu überlassen. In vielen Ecken des Landes ist dies ja bereits Realität. Die möglichst schnelle Versteigerung der Ministerien würde gleichzeitig zu einer schnelleren Reduzierung der Staatsverschuldung führen und das Regieren könnten dann dynamischere Gruppierungen übernehmen.

Die Kernfrage lautet, ob Großbritannien dann immer noch ein richtiger Staat wäre oder sich im Besitz eines Investorenkonsortiums befände. Da die Marke Britannien bereits vielen Diplomaten und Verkäufern geläufig ist, sollte das Konzept jedoch problemlos einen Abnehmer finden.

Herr Emir, übernehmen Sie!

Das Ministerium für Außenpolitik und Angelegenheiten des Commonwealth wird sogar gleich Heerscharen von Bietern anziehen - meist aus dem Tourismusbereich -, und dann höchstwahrscheinlich in Luxuswohnungen und ein Hotel umgewandelt.

Das Ministerium für Kultur, Medien und Sport wird in verschiedene Teile zerstückelt und an den Eventveranstalter Live Nation und den Emir von Katar verscherbelt.

Die Aufgaben des Verteidigungsministeriums werden an eine Reihe von Sicherheitsfirmen delegiert, wobei die nationale Verteidigung ehemaligen Sicherheitskontrolleuren des Flughafens Heathrow zugewiesen wird (die werden nämlich alle gefeuert, wenn ich das Verkehrsministerium übernehme). Missionen in Übersee werden von einer besonderen Crowdsourcing-Initiative abgedeckt, die unter der Verwaltung der chinesischen Handelsplattform alibaba.com steht.

Um das Gesundheitsministerium wird zwischen den Pharmakonzernen ein unerbittlicher Kampf entbrennen, aus dem schließlich die britische Apothekenkette Boots als Sieger hervorgeht.

Was die anderen Ressorts und Ministerien und angeht, so liegt es auf der Hand, wer am Ende was besitzen wird: Tv-Produzenten schnappen sich das Justizministerium. Alle Gerichte werden daraufhin so verkabelt, dass sie rund um die Uhr live senden können. Außerdem werden Sponsorenverträge mit Rechtsanwaltskanzleien abgeschlossen im Gegenzug für Sendezeit.

Das Ministerium für Energie und Klimawandel wird an die Norweger verscherbelt. Der Konzern Statoil wird alle Forschungsaktivitäten übernehmen und ein Monopol auf die Energieversorgung erhalten. Das Schottland-Büro geht ebenfalls an die Norweger.

Oxford und Cambridge existieren nur noch auf dem iPad

Das Bildungsministerium wird an den Sprachschulbetreiber EF verkauft, da der bereits jetzt vielen Kindern besseres Englisch beibringt als die staatlichen Schulen. Filetstückchen wie die Eliteuniversitäten Oxford und Cambridge existieren künftig nur noch auf dem iPad, Vorlesungen halten die Lehrkörper nur noch daheim ab. Den Campus übernehmen Immobilienfirmen, die Büchereien dienen als Mülldeponie.

Das Ministerium für Gemeinden und Kommunalverwaltung kann deutlich verkleinert werden, da es durch die umfassenden Privatisierungen zukünftig keine regionalen Verwaltungseinheiten mehr geben wird. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg wird anfangen, seinen Londoner Wohnsitz stärker zu nutzen, und sich ein Netzwerk von britischen Städten zulegen, die er managen kann.

Das Ministerium für Wirtschaft, Innovation und berufliche Bildung wird gänzlich überflüssig, da sich ohnehin bereits alles im privaten Sektor befindet.

Das Ministerium für Umwelt, Ernährung und Landwirtschaft läuft künftig unter dem Namen Ministerium für Snacks und Getränke und wird als Unternehmensgruppe von PepsiCo, McDonald's und Tesco geführt.

Status quo der Marke Großbritannien

Wenn all diese Zukunftsaussichten für Sie absurd klingen, dann haben Sie recht. Umso besorgniserregender ist es, dass solch ein unsinniger Vorschlag, Polizeiaufgaben an private Unternehmen zu vergeben, mühelos in Großbritannien das Stadium einer Ausschreibung erreicht.

Meine Kolumne lieferte vor kurzem ein Plädoyer für die Rolle des Staates im Bezug auf seine nationale Fluggesellschaft. Eine schärfere Diskussion über die Verteilung der Steuergelder ist dringend nötig.

Am Dienstag traf ich mich mit dem Herausgeber einer angesehenen deutschen Wochenzeitschrift zum Mittagessen. Thema war der Status quo der Marke Großbritannien. Über einem Teller mit blutigem Roast Beef und Bratkartoffeln gebeugt, diskutierten wir das Elend des Dienstleistungswesens im Vereinigten Königreich, kamen zum recht späten Vorstoß, eine "Made in Britain"-Initiative zu starten und sprachen über fehlendes Knowhow in der Schifffahrtstechnologie.

Unser Fazit war, dass es grundsätzlich wichtig ist, Dinge zu produzieren - und dass nichts Ehrenrühriges dabei ist, Hersteller von Zahnrädern im ländlichen Bayern zu sein.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Frau Thatcher hat das nicht geschafft
kabian 14.03.2012
Ein Paradies der freien Marktwirtschaft. Endlich kann der Markt all das wieder richten, wofür er immer so hoch gelobt wird. Da kann doch gar nichts schief gehen. Denn die Marktwirtschaft ist das Non-Plus-Ultra, die bestmögliche Lösung aller Probleme dieser Welt. Alle Konservativen sind jetzt da, wo sie immer hin wollten. Oder, Äh ,vielleicht doch nicht? Wer bezahlt sie dann? Lobbyisten sind ja dann überflüssig.
2. Heute ihr...
quietschbär 14.03.2012
Zitat von sysopREUTERSMcDonald's übernimmt die Gesundheit, der Emir von Katar macht den Sport, und Tyler Brûlé räumt als Verkehrminister am Flughafen Heathrow auf: Angesichts der Outsourcing-Pläne bei der britischen Polizei sieht der Kolumnist nur eine Möglichkeit - die Privatisierung des Vereinigten Königreichs. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,820980,00.html
...morgen wir. Der öffentliche quietschbär ist übrigens auch privatisierbar und für 20k€ wähle ich Ackermann auch zum Bundespräsidenten. Wenn die Briten nach den Erfahrungen im Schienenverkehr und Kanalnetz trotzdem weiter auf Privatisierungen setzen, ist denen nicht mehr zu helfen.
3. Outsourcing
exminer 14.03.2012
ist der beste Weg um eine halbwegs intakte Gesellschaft vollends zu zerstören.Und wo das hinführt sehen wir an den sogenannten führenden Industrienationen, es wird solange gesourct bis die Grundlagen ihrer Existenz nicht mehr vorhanden sind. Die ganzen Managementparolen sind einem Ziel gewidmet, der Gewinnmaximierung und bei diesem Spiel bleibt der Mensch auf der Strecke und damit führen diese Einstellungen den Humanismus ad absurdum. Ich liebe diesen Irrsinn, zeigt er doch wie wenig den die Gemeinschaft gelernt noch verstanden hat. aber der Herr ist doch für alles verantwortlich, Amen
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