Tyler Brûlés Anmerkung: Was von den Olympischen Spielen bleibt

Wie der Rest der Welt hält auch Kolumnist Tyler Brûlé die Eröffnung der Olympischen Spiele für gelungen. Doch wie wird das Olympia-Viertel Stratford aussehen, wenn das Sport-Spektakel vorbei ist? Ein paar einfache Verbesserungsvorschläge.

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Feuerwerk zur Eröffnung der Olympischen Spiele: Phantastischer Start - doch was bleibt?

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Zeitungen sind meist etwas Wunderbares. Wenn jedoch wie zurzeit Zuschauer, Trainer, Athleten und Sportmoderatoren alle denkbaren digitalen Kanälen nutzen, um sich über eine einzige riesige Konversationsplattform an einer globalen "Olympischen Unterhaltung" zu beteiligen, wirken sie ein wenig altmodisch, ja fast schon kurios. Vor allem, wenn Fernsehsender über mehrere Kanäle von mehreren Wettkampfstätten berichten und Journalisten diese Berichte dann an ihren Laptops "live" kommentieren.

Während der Countdown zum Start der Eröffnungszeremonie lief und Hunderte von Kameras in Londons Olympischem Stadion herumwirbelten, hatte ich plötzlich das Gefühl, als würde ich meine Pflicht als Kolumnist vernachlässigen.

In einer perfekten Welt hätte ich - ausgestattet mit Notebook, Stift und BlackBerry - nun loslegen sollen, um meine Kolumne für die Wochenendausgabe der "Financial Times" zu schreiben. Ein Problem mit internationalen Medien und Zeitzonen besteht jedoch darin, dass dieser Teil der Zeitung bereits gedruckt war, lange bevor die Staatsoberhäupter, Berühmtheiten und Oligarchen in ihren fürchterlichen Bosco-Trainingsanzügen ihre Plätze im Stadion eingenommen hatten.

Sollte ich mir also einfach ein paar Notizen machen, um die Eröffnung der Spiele dann eine Woche später Revue passieren zu lassen? Oder mich einfach zurücklehnen, den Abend freinehmen und das Spektakel genießen? Ich entschied mich für Variante drei, schloss mich den Massen anderer "Live"-Berichterstatter an und begann, von meinem Sitzplatz aus gelegentlich Nachrichten für unseren Radiosender zu verschicken, während die Künstler sich unten für die Zeremonie aufwärmten.

Etwas ausgeleiert, ein wenig unheimlich und auch schrill

In der vergangenen Woche war es selbst im verstecktesten Winkel der Welt praktisch unmöglich, sich mit irgendjemandem zu unterhalten, ohne dass die Frage gestellt wurde: "Und was halten Sie von der Eröffnungszeremonie? Hat sie Ihnen gefallen?"

Sie gefiel mir in der Tat - sehr sogar. Es fing etwas plump an, aber später, als ein Gang zugelegt wurde, genoss ich den Rhythmus, die choreographierten Massen, den Humor und die Präsentation der Helfer und Unterstützer. Von den eingeblendeten Landschaften über die Tänzer in fluoreszierenden Aufmachungen bis hin zu JK Rowlings Lesung bewies Großbritannien der Welt eine seiner letzten übrig gebliebenen Stärken: Kreativität.

Natürlich war das Ganze teilweise etwas ausgeleiert, gelegentlich ein wenig unheimlich und manchmal auch schrill. Wer war zum Beispiel für die Auswahl dieser peinlichen weiblichen Stimme verantwortlich, die die Vorführungen und teilnehmenden Nationen ankündigte, jedoch besser geeignet gewesen wäre, für eine billige Autoversicherung zu werben? Aber alles in allem gelang es, die Stimmung einer Nation, die gerade ihren Platz in der Welt sucht, einzufangen: Statist in internationalen Angelegenheiten, Überlebenskünstler trotz angeschlagener Wirtschaft und Gesellschaft, Hofnarr einer neuen Herrschaft.

Der Abend erinnerte den Rest des Planeten daran, dass Großbritannien immer noch die Heimat der bekanntesten Monarchie der Welt sowie einer Anzahl allseits respektierter Persönlichkeiten und Marken ist - mal abgesehen davon, dass niemand im Bereich Unterhaltungsmusik am Königreich vorbeikommt.

Unterwegs im "Olympia-Viertel" Stratford

Als Paul McCartney die Bühne verlassen hatte und ich das Stadion, wurde ich auch daran erinnert, wie sich das Vereinte Königreich bemüht, aus seinen begrenzten Mitteln das Beste herauszuholen. Ein Einkaufszentrum an den Ein- und Ausgang zum Olympischen Park zu setzen ist das vielleicht augenfälligste Symbol der aktuellen GB GmbH: eine öffentlich-private Partnerschaft in ausländischem Besitz und unter ausländischem Management als Eckpfeiler eines olympischen Erbes, das irgendwie nicht richtig zündet.

Während ich zusammen mit meinen Gastgebern die Haupteinkaufsstraße entlangging, versuchte ich mir vorzustellen, wie der Olympische Park und das neue Herz von Stratford an einem nassen und windigen Tag im November oder einem heißen August-Wochenende im Jahr 2014 aussehen würden. Zunächst mal gab es entlang dieser Shopping-Meile weder Pflanzen noch Schatten oder Plätze zum Sitzen. Vielleicht wird das nach den Spielen hinzugefügt, aber ich glaube eigentlich nicht wirklich daran.

Auch von einer architektonischen Perspektive aus ist die Mischung aus Gastgeber, Einzelhandel und Spielen nicht bemerkenswert. Es hat gerade drei Monate durchgeregnet - wie man also auf die Idee kommen kann, einen Einkaufsbereich ohne Vordach oder anderen Wetterschutz zu errichten, ist einfach unfassbar. Und zu einer Zeit, in der alle über die Notwendigkeit grünerer Städte sprechen, irritiert es, dass sich nicht ein Baum, ein Blumenbeet oder ein kleiner Strauch in Sichtweite befindet.

Wo bleiben die kleinen Parks?

Auf meinen kleinen Touren rund um London in der vergangenen Woche hat mich die Qualität der Infrastruktur beeindruckt. Auf der anderen Seite verunsicherte mich, dass das West End und andere normalerweise sehr lebendigen Orte ausgestorben wirkten.

Und auch wenn ich grundsätzlich ein Freund von einheitlichem Look und straffer Markenführung bin, ist es ein bisschen deprimierend, wie provisorisch sich alles anfühlt - diese furchtbaren weißen Zelte, die sich wie eine Seuche durch die Stadt ziehen, sind das beste Beispiel dafür.

Die Spiele hatten einen phantastischen Start, und Londons Osten ist es gut bekommen, dass so viel für den städtischen Sanierung getan wurde. Mit ein paar einfachen Verbesserungen wäre der Stadt aber noch besser geholfen gewesen. Sinnvoller wäre es gewesen, das Talent in den Bereichen Architektur und Design dazu zu nutzen, ein Vermächtnis von kleinen Parks und mobilen Pavillons aufzubauen, die von Kaufleuten, Gartenfreunden, Familien und Wochenendathleten genutzt hätten werden können.

Was uns nun stattdessen als sichtbares Erbe von den Spielen bleibt, sind wohl leider nur ein paar Flecken braunen Grases und eine 08/15-Einkaufsmeile.

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Zur Person
  • FT
    Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".