Tyler Brûlé über nervige Passagiere: TV-Sketch mit Shampoo-Tütchen
Tolpatschige Passagiere treiben andere Reisende schon mal in den Wahnsinn. Sie halten sie am Sicherheitscheck mit literweise Pflegelotionen auf - und sind oft zu langsam für die Welt der Globetrotter. Vielflieger Tyler Brûlé weiß, wie man das Slapstick-Potential am Airport im Fernsehen ausschlachten könnte.
Die Welt der Nachrichtensender kommt in Bewegung. In den nächsten Monaten können die spannenden Entwicklungen am Bildschirm mitverfolgt werden: Die BBC wird bis März in ein neues Bürogebäude ziehen. Und Jeff Zucker, der neue Oberboss von CNN, wird den Sender, mit dem 1980 alles begann, von Grund auf erneuern.
Während sich die Veränderungen bei der BBC wahrscheinlich in Grenzen halten (mit etwas Glück schönere Studios und eine Reduzierung der lila Krawatten und Blusen), bedeutet die Ankunft des Ex-NBC-Universal-Oberhauptes bei CNN, dass den Kanälen ein Zwangsaufenthalt im Trockendock bevorsteht, wo sie generalüberholt werden.
Wenn ich den Gerüchten und gelegentlich weitergeleiteten Mails von CNN-Mitarbeitern Glauben schenken darf, wird Zucker, der die morgendliche "Today"-Sendung in ein Milliarden-Dollar-Unternehmen verwandelte, berühmte Persönlichkeiten anheuern, um bestehende Werbekunden zu halten und neue zu akquirieren. Parallel dazu wird er jedoch das gesamte Genre der reinen Nachrichtensender auf den Kopf stellen.
Als ein doch recht frustrierter Zuschauer aller großen Nachrichtensender kann ich nur hoffen, dass Zucker CNN zurück zu ernsthaften Nachrichten und Analysen führt. Und nicht weiterhin den Großteil des Tages damit verschwendet, locker-flockig irgendwelchen Promis hinterherzuhecheln - eine unerträgliche Tendenz. Außerdem hoffe ich, dass der internationale Ableger von CNN seinem Namen gerecht wird, dass wieder mehr Inhalte aus London oder Hongkong kommen und dass ein Casting für neue Talente vor der Kamera stattfindet.
Selbstgebastelte Nachrichtensendungen
Eines der größten Probleme von CNN besteht momentan darin, dass bestimmte Bereiche, Zeitschienen und Zielgruppen gar nicht bedient werden. Vormittags ist etwa in Europa von klug gemachten, relevanten Nachrichtenprogrammen in englischer Sprache weit und breit nichts zu sehen. Seit Ewigkeiten frage ich mich, warum die Hauptverantwortlichen von 24-Stunden-Nachrichtensendern nie ein anspruchsvolles Morgenmagazin produziert haben.
Oft ertappe ich mich gegen Mitternacht dabei, wie ich durchs Programm zappe, um mir meine eigene ideale 30-minütige Nachrichtensendung zusammenzustellen. Das wird dann meistens ein Mix aus Sky News, Al-Dschasira und Bloomberg. Etwas mehr Loyalität seiner Zuschauer sollte sich Zucker schon als Ziel stecken. Er wird hoffentlich ein Programm entwickelt, das dazu führt, immer wieder denselben Sender einzuschalten.
So sehr ich auch an Zuckers Fähigkeiten als Produzent glaube, habe ich doch ein wenig Angst, dass er die Überarbeitung des Senders zu weit treibt und am Ende eher ein eher eine Art Reality-TV steht als ein echter Nachrichtenanbieter. CNN hat ja bereits mit diversen Formaten experimentiert, die mit begrenztem Erfolg in diesen Bereich hineinspielen. Es wurde schon kräftig bei den Korrespondenten gespart - zu Gunsten von noch mehr Kommentaren und Endlos-Talkshows.
"Die dümmsten Passagiere der Welt"
CNN sollte seine Hauptnachrichten weltweit ausstrahlen und zu dem zurückkehren, was es einmal war. Dann kann es der Sender auch mit dem Discovery Channel und National Geographic aufnehmen. Und hätte CNN so viele Zuschauer wie die Sendung "Der gefährlichste Job Alaskas", wäre das ein enormes Potential für Deals mit Werbekunden. Da ein Großteil der CNN-Zuschauer aus Weltenbummlern besteht, sollte sich Zucker vielleicht mal Gedanken über die folgende Idee machen: Wie wäre es mit der Sendung "Die dümmsten Passagiere der Welt" in der Hauptsendezeit?
Auf dem Weg nach Tokio vor ein paar Tagen habe ich mir die erste Sendung bereits genau ausgemalt. Mit Hilfe von versteckten Kameras, nachgestellten Szenen und Animationen würden reale Ereignisse und ihr möglicher Ausgang präsentiert. In der kurzen Eingangssequenz sehe ich Heathrows Terminal 3 an einem Sonntagabend vor mir. Eine riesige Frau steht in der Schlange vor der Sicherheitskontrolle und sucht nach ihrer durchsichtigen Tasche mit den Kosmetikartikeln.
Nach einem gut 30 Sekunden dauernden Kampf mit einer unechten Louis-Vuitton-Tasche gelingt es ihr schließlich, eine gigantische Plastikmülltüte voller Kosmetika, Shampoos und diversen Produkten des persönlichen Bedarfs herauszuziehen. Als sie versucht, ihre Unwissenheit bezüglich der Größe der Tasche zu bezeugen, wird ihr erlaubt, all ihre Kosmetika auszubreiten. Der Sicherheitskontrolleur übergibt ihr einen Haufen kleinerer Taschen, um die Pflegelotionen und Crèmes einzutüten.
Statt sich mit dem ganzen Kram nun einfach irgendwo an die Seite zu stellen, bleibt sie vor dem grinsenden Angestellten stehen, blockiert den Eingang zum Durchleuchtungsapparat und sortiert alles an Art und Stelle.
Nachdem die Kamera dieses Bild eingefangen hat, würde sie einmal zu den wütenden Passagieren schwenken. Während sie die Schlange wartender Menschen abfilmt, würde über jedem eine kleine Denkblase aufploppen und animierte Szenen würden enthüllen, was jeder Einzelne mit dieser Dame und ihrer Ladung Schönheitsprodukte gerne anstellen würde.
Bestimmt wäre es eine Leichtigkeit, ein großes Pharmazieunternehmen als willigen Sponsor zu gewinnen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Dienstag, 11.12.2012 – 15:04 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 15 Kommentare
- Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".
FT
- Tyler Brûlés grünes Herz: Mein Freund, der Baum (27.11.2012)
- Tyler Brûlés Nase im Wind: Europas fliegende Trümmerhaufen (20.11.2012)
- Tyler Brûlés Depesche: Lieber Mr. President! (13.11.2012)
- Tyler Brûlés Tokio: Zeitreise mit Zwiebelsuppe (06.11.2012)
- Tyler Brûlé auf Heimatbesuch: Toronto darf nicht sterben (30.10.2012)
- Tyler Brûlés grünes Herz: Mein Freund, der Baum (27.11.2012)
- Tyler Brûlés Nase im Wind: Europas fliegende Trümmerhaufen (20.11.2012)
- Tyler Brûlés Depesche: Lieber Mr. President! (13.11.2012)
- Tyler Brûlés Tokio: Zeitreise mit Zwiebelsuppe (06.11.2012)
- Tyler Brûlé auf Heimatbesuch: Toronto darf nicht sterben (30.10.2012)
MEHR AUS DEM RESSORT REISE
-
Reisefotos
Wo die Welt am schönsten ist: SPIEGEL ONLINE zeigt, warum es sich lohnt, auf Reisen zu gehen. -
Die Welt als Quiz
Reiserätsel: Wie gut kennen Sie sich aus in Ihrem Urlaubsland? Testen Sie Ihr Wissen! -
Abgetaucht
Faszinierende Unterwasserwelt: Die schönsten Tauchreviere von Ostsee bis Pazifik -
Interaktiv
Die Welt entdecken: Unsere Leser geben ihre besten Reisetipps weiter - und Sie können mitmachen! -
Reiserecht
Ihr gutes Recht: Wie viel Geld bringt eine Kakerlake? Wie eklig darf ein Hotelzimmer sein?
