Tyler Brûlés schwedische Versuchung: Intim und sehr klug

Verfluchtes England, schönes Schweden: Nachdem Tyler Brûlé am Londoner Flughafen Geduld sowie Jacke verliert, findet er sein Glück in Stockholm wieder - ein neues Designhotel im Stadtteil Östermalm begeistert den Kolumnisten.

Stockholm: Kolumnist Tyler Brûlé fühlt sich in der schwedischen Metropole wohl Zur Großansicht
Corbis

Stockholm: Kolumnist Tyler Brûlé fühlt sich in der schwedischen Metropole wohl

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Diese Kolumne wurde in der Asiana-Lounge in Seouls Flughafen Gimpo verfasst, am sechsten Tag einer zweiwöchigen Weltreise, die mich bislang nach Stockholm, Helsinki und Tokio geführt hat. Nach einem erneuten Aufenthalt in Tokio folgen dann Hongkong, Singapur, San Francisco und Los Angeles.

Eigentlich hatte ich gehofft, nicht auch noch in den Chor derjenigen einzustimmen, die den Londoner Flughafen Heathrow für eine nationale Schande halten. Nachdem mir jedoch einiges aus einer bereits eingecheckten Tasche heraus geklaut wurde, muss ich sagen: dieser Ort ist wirklich verkommen. Schließlich trägt Heathrow nicht von ungefähr längst den Spitznamen "Thiefrow" - die Diebesreihe. Und schuld daran ist nicht die British Airport Authority (BAA) als Betreiber des Flughafens, die Sicherheitskontrolle oder British Airways, sondern schlicht alle zusammen.

Die BAA schob den Diebstahl sofort dem Innenministerium in die Schuhe, die für die unverschämt langen Wartezeiten verantwortlich sind - so als ob das eigene Kontrollsystem und -personal sich zum Angeben eignen würde. Auch British Airways kritisierte andere in der Heathrow-Reise-Kette. Dabei handelte es sich höchstwahrscheinlich um einen ihrer Mitarbeiter (oder Zulieferer), der die Jacke aus meiner Tasche gestohlen hatte.

Ich bin nicht gerade ein großer Freund des Konzepts, einen Flughafen in die Mitte der Themse zu setzen (zu weit entfernt für einen frühen Flug nach Hamburg). Aber ich denke, es ist an der Zeit, aufzuhören, endlos an Heathrow herumzubasteln und stattdessen noch einmal ganz von vorne zu beginnen - ich spare mir meine Entwürfe für die Zukunft von Londons ziviler Luftfahrt für eine spätere Kolumne auf.

Zum Glück zeigte sich das Wetter in Stockholm bedeutend freundlicher als in London. Die geklaute Jacke war also nicht unbedingt nötig, als ich loszog, um das neue Einkaufszentrum mit dem etwas unglücklichen Namen Mood zu besichtigen (nicht besonders aufregend). Der Höhepunkt des Trips kam ein paar Stunden später, als ich in das neu eröffnete Ett Hem Hotel am Rande Östermalms eincheckte.

Kluges Design mit viel Intimität

Wie lange musste diese Stadt auf jemanden warten, der endlich die oberste Hotelkategorie etwas aufmischen würde! Nun kann ich Vollzug vermelden: Jeanette Mix hat genau das Etablissement errichtet, das in Stockholm bisher vermisst wurde. Mit lediglich zwölf großzügig über das massiv gebaute Anwesen verteilten Zimmern kombiniert das Ett Hem Elemente eines gelungenen Landhotels (Gemütlichkeit, Überschaubarkeit, Ungezwungenheit) mit der Intimität und dem klugen Design eines hochgeschätzten japanischen Ryokans.

In seinen mehr als drei Jahren Bauzeit konnte sich das Ett Hem im Bereich Design und Gästekomfort auf die Expertise von Ilse Crawford und ihrem Team verlassen. Sie sorgte dafür, dass das Vitsoe-Regalsystem mit genau den richtigen Büchern bestückt ist, dass genau die richtigen Blätter und Blumen in den Vasen stehen und dass die Bäder mit passenden Handtüchern, Lichtquellen, entsprechenden Armaturen, Pflege- und Kosmetikartikeln ausgestattet wurden.

Das Abendbrot bestand aus einem köstlichen Schweinebraten. Wir verzehrten ihn rund um einen Küchentisch, der wie geschaffen war für lange Gespräche und stundenlanges Probieren von exquisiten Desserts, Wein, Kaffee und wieder Wein. Auf ein hoteleigenes Restaurant wurde verzichtet. Mix vertraut darauf, dass die Gäste sich im Hotel wie zu Hause fühlen und sich nicht scheuen, Freunde zum Abendessen einzuladen oder den Boss bei einem Drink über aktuelle Anfragen von hiesigen Produzenten zu informieren.

Den Rest des Wochenendes widmete ich der Erkundung von Stadtvierteln, die ich wenig kannte, sowie den Vorbereitungen für die Sommersaison meines kleinen Ferienhäuschens. Das wird hoffentlich noch ein paar mal genutzt werden, bevor es auf dem Immobilienmarkt angeboten wird. Am Samstagabend war ich mir plötzlich wieder unsicher, ob ich es wirklich verkaufen soll, aber als am Sonntag alles wieder schön hergerichtet war, freute ich mich darüber, dass es zukünftig die Zuwendung erhalten würde, die es braucht. Außerdem würde ich mich dann auf ein neues Projekt etwas näher an London und den Städten, wo ich einen Großteil meiner Zeit verbringe, konzentrieren können (diese Jagd nach einem neuen Haus spare ich mir ebenfalls für eine spätere Kolumne auf).

Eine lange Notiz zum Abschied

Die nächste Woche begann damit, dass mein Kollege Hugo und ich unsere Radio-Show "The Globalist" live von Stockholm aus sendeten und uns dann in den versteckten Innenhof des Hotels zurückzogen: Hier wartete ein fantastisches Frühstück unter einem sonnigen Himmel mit genau der richtigen Dosis erfrischend kühler Luft.

Während wir uns über die ausgezeichneten Backwaren von Riddarbageriet (eine der besten Bäckereien Europas) hermachten, leisteten uns die schwedische Sängerin Emilia de Poret, meine Kollegen Markus und Mats, seine Freundin Malin und eine Ansammlung weiterer Gäste Gesellschaft, die vorbeischauten, um uns zu begrüßen oder um sich zu verabschieden.

Als das Taxi vorfuhr, um uns zum Flughafen zu bringen, machte ich mir im Geiste eine recht lange Notiz, dass dies die perfekte Art ist, in eine Woche zu starten: an einem gemütlichen Tisch sitzend, von gut gekleidetem Personal bedient, von guten Freunden umgeben und gewärmt von der schwedischen Sonne.

Vier Stunden später bemühte ich mich, einen Platz in der Lounge von Finnair am Flughafen von Helsinki zu ergattern, um auf meinen Weiterflug nach Tokio zu warten. Neun Stunden später näherten wir uns bereits Narita und ich freute mich auf eine Arbeitswoche in Japan (inklusive des kleinen Abstechers nach Seoul) sowie zwei Tage Entspannung in Tokio - bevor Teil zwei der Weltreise beginnt. Im Auto auf dem Weg in die Stadt dachte ich noch daran, wie schön es wäre, wenn es überall eine landestypische Version des Ett Hem gäbe. Auch wenn die Umsetzung sicherlich kompliziert ist: Vielleicht könnte man Mix ja in Versuchung führen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wie lang geht das noch?
hermie9 15.05.2012
Langsam nerven mich diese Luxusberichte eines Privilegierten, der sich in einem Großteil der "Artikel" eigentlich nur selbst beweihräuchert. Für den Normalleser findet sich so gut wie nichts brauchbares in diesen Texten, die im Grunde meistens um seine Luxusfamilie und sein Luxusleben gehen. Liebe Zeit, muß das wirklich sein?
2. Erweiterungsvorschlag
ermanos2 15.05.2012
Zitat von hermie9Langsam nerven mich diese Luxusberichte eines Privilegierten, der sich in einem Großteil der "Artikel" eigentlich nur selbst beweihräuchert. Für den Normalleser findet sich so gut wie nichts brauchbares in diesen Texten, die im Grunde meistens um seine Luxusfamilie und sein Luxusleben gehen. Liebe Zeit, muß das wirklich sein?
Ich persönlich mag Tyler "Creme" Brûlés Kolumne und hoffe, sie auch weiterhin auf SPON zu finden. Hier aber ein Vorschlag, damit nicht zu einseitig über sein Luxusleben berichtet wird: Zusammen mit Tylers Texten werden zukünftig regelmäßig Erlebnisberichte eines deutschen HartzIV-Empfängers auf SPON veröffentlicht. So wie Tyler Brule mit dem Flugzeug um die Welt jettet, könnte der neue Autor z.B. mit dem Fahrrad Sachsen-Anhalt erkunden und darüber schreiben. Auf diese Weise würde für ein ausgeglichenes Bild der Realität gesorgt.
3. Creme Bruele waermt das Herz
johnberkeley 24.05.2012
Die Brûlumne wird immer frisch nach Erscheinen von uns Clochards im Park gelesen. Sie gibt jedes Mal Hoffnung und Zuversicht. Die Austern in der Airline Lounge sind nicht frisch? Das Designerhemd gibt's nicht mehr in grau? Die Eigentuemerin des japanischen Ryokan hat den Namen des Gastes vergessen? Zumindest wurden wir nicht mit sowas vom Schicksal bestraft.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Tyler Brûlé
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
Zur Person
  • FT
    Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".