Von München nach Venedig Auf dem Traumpfad über die Alpen

Von München nach Venedig zu Fuß: Auf dem Traumpfad sind die Alpen in einem knappen Monat zu überqueren. Dafür braucht es Kondition, Durchhaltewillen - und ermutigende Begleiter.

Valeska Achenbach

Von


Als Valeska Achenbach im Flugzeug sitzt und von Venedig nach Hause nach Hamburg fliegt, drückt sie ihr Gesicht an die Fensterscheibe. Unter ihr erheben sich die Alpen, die markanten Spitzen der Dolomiten, die Bergrücken des Karwendel, weiße Gipfel, an denen Wolken hängen. "Da bin ich wirklich drübergelaufen?", denkt die 41-Jährige und lässt den Blick über das größte Gebirge Europas schweifen.

Ein paar Tage zuvor: Achenbach steht auf dem Markusplatz in Venedig. Sie hat Blasen an den Füßen, ihre Knie tun weh - und sie ist glücklich. Nach einem knappen Monat hat sie es geschafft: einmal quer über die Alpen, zu Fuß, vom Marienplatz in München zum Markusplatz in Venedig.

"Der Traumpfad ist nicht so überlaufen wie viele andere Alpenüberquerungen, weil er so lang ist", sagt Achenbach, die als Fotografin arbeitet. "28 Tage am Stück durch die Berge sind schon eine Herausforderung." Sie selbst sei etwas naiv an die Sache herangegangen.


Vorbereitung? Zu wenig.
Gepäck? Viel zu viel.
Ausrüstung? Ein GPS wäre gut gewesen.
Wetterkunde? Keine Ahnung.

"Oft habe ich mir gedacht: Valeska, wie hast du dir das vorgestellt, allein?", sagt Achenbach. Doch zum Glück bekam sie öfter Gesellschaft. Nachdem sie einige Tage an der Isar entlanggelaufen war und die Landschaft bergiger wurde, traf sie andere Wanderer, die auch auf dem Traumpfad nach Venedig unterwegs waren.

Gruppengefühl als Ansporn

"Wir haben uns zusammengetan, eine Truppe von acht Leuten, alle waren unterschiedlich erfahren, unterschiedlich alt und unterschiedlich fit - trotzdem haben wir das gemeinsam durchgezogen", sagt sie.

Vielleicht habe sie es nur wegen des Zusammenhalts durchgehalten: "Meinen Knien zuliebe hätte ich abbrechen müssen", sagt sie. "Da hatte ich teilweise richtig Probleme, ich war die Belastung nicht gewohnt."

Aber ihr Ehrgeiz sei dazugekommen und mit den anderen habe sich vieles richtig angefühlt: "Am Schluss standen wir zusammen auf dem Markusplatz und haben geheult."

Fotografin Valeska Achenbach
Valeska Achenbach

Fotografin Valeska Achenbach

Viele Wege führen über die Alpen. Der wohl populärste ist der E5 von Oberstdorf nach Meran. Mit nur 140 Kilometern ist er der kürzeste, die acht Etappen sind in gut einer Woche zu bewältigen. Besonders in den Sommermonaten ist der Weg häufig überlaufen.

Wer fit ist, kann auf weniger begangene Wege ausweichen, wie etwa den L1 von Garmisch nach Brescia. Er gilt als sehr schwierig, etwa 60.000 Höhenmeter werden in 28 Tagen überwunden, inklusive einer Gletscherüberquerung. Der GTA vom Grießpass in der Schweiz nach Ventimiglia im Nordwesten Italiens gilt als der leichtere Weg, aber mit 60 Etappen ist er eine sehr lange Alternative - er wird selten begangen und verläuft abseits der Touristen-Hotspots.

Fotostrecke

24  Bilder
Alpenüberquerung: Start an der Isar, Ziel an Venedigs Kanälen

Achenbach hat sich für den Traumpfad entschieden, weil sie der Gedanke faszinierte, zu Fuß von München nach Venedig zu laufen. Die Nord-Süd-Querung ist ein Klassiker, der hohe Kondition erfordert. Trittsicherheit und Bergerfahrung sind zwingend nötig. "Wir haben keinen einzigen Tag Pause gemacht, sind jeden Tag etwa acht Stunden gelaufen", sagt Achenbach. "An manchen Tagen bin ich vor den anderen gestartet, weil ich wusste, dass ich wegen meiner Knie nicht so schnell gehen kann."

Doch die Gruppe habe zusammengehalten: "Alle haben Rücksicht aufeinander genommen, auch wenn das Niveau teilweise sehr unterschiedlich war", sagt Achenbach.

Die schwierigste Etappe des Traumpfads sei die Überschreitung der Schiara gewesen, dem steilen Klettersteig am 22. Tag. Für Nicht-Kletterer ist er eine anspruchsvolle Hürde. "Ich klettere in Hamburg viel in der Halle und hatte daher keine Probleme, Höhenangst habe ich auch nicht", sagt Achenbach.

Die schwierigste Stelle des Traumpfads: der Klettersteig der Schiara
Valeska Achenbach

Die schwierigste Stelle des Traumpfads: der Klettersteig der Schiara

Nur einmal sei ihr während der Überschreitung mulmig geworden. Auf der Marmolada, dem mit 3343 Metern höchsten Berg der Dolomiten, geriet die Gruppe in ein Unwetter. "Zuerst haben wir noch gelacht, als die Wolken aufgezogen sind", sagt sie. Dann wurde es dunkler und rutschiger und es regnete heftig. "Da mussten wir uns ganz schön beeilen, auf die Hütte zu kommen."

Die Hütten während der Alpenüberquerung sind an die Etappen der Wanderer angepasst. "Einfach und zweckmäßig, oft kein warmes Wasser", sagt Achenbach. Alles Dinge, an die man sich gewöhnen muss. Genauso wie an die Schlaflager. "Man muss schon offen dafür sein, einen Monat lang auf engstem Raum ohne Privatsphäre zu leben."

Die letzte Etappe des Traumpfads kürzen viele ab und nehmen den Bus. "Am Schluss läuft man nur noch auf asphaltierter Straße durch die venezianische, platte Ebene. Das ist dann gar nicht mehr so schön", sagt Achenbach. Sie lief trotzdem weiter. "Der Bus kam aber für mich nicht infrage."

Video: Der Waldwanderer

SPIEGEL TV
Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ken_takel 29.06.2018
1. Genau so ist es!
Durchhaltewillen und ermutigende Begleiter haben auch mich letzten Sommer von München nach Venedig getragen. Wobei ich den Klettersteig eher als Entspannung empfunden habe im Vergleich zu den brutal langen Etappen in der Ebene. Meinen Erfahrungsbericht mit vielen Tipps gibt es hier: http://awesomatik.de/der-traumpfad-muenchen-venedig/
Garda 29.06.2018
2. Soft Varianten
Alpenüberquerungen sind wirklich etwas besonderes, und auch für Menschen, die nicht mehr so fit sind, gut zu machen. Es gibt ja jede Menge Varianten. Ich selbst bin von München nach Triest, Venedig und Verona - jeweils auf einer anderen Route. Und die Wanderwege, die dafür fast durchgehend zur Verfügung stehen, sind aus dem entsprechenden Kartenmaterial gut zu entnehmen. Und langweilige Strecken (etwa Bassano - Padua) kann man wirklich gut mit dem Bus überbrücken, es macht auch keinen Spaß das Industriegebiet von Trento näher kennenzulernen. Hardcore bzw. Purismus ist da aus meiner Sicht blödsinnig.
konib 29.06.2018
3. So nicht!
Vorbereitung? Zu wenig. Gepäck? Viel zu viel. Ausrüstung? Ein GPS wäre gut gewesen. Wetterkunde? Keine Ahnung. Ich bin in den Bergen aufgewachsen und mein Vater war in der Bergrettung tätig. Genau solche Leute muss man dann unter widrigsten Bedingungen vom Berg holen, weil sie falsch Ausgerüstet, nicht vorbereitet und keine Ahnung von den Verhältnissen haben. Keine Tour, welche über Berge geht, darf man unterschätzen, sonst riskiert man nicht nur sein eigens Leben, sondern auch das anderer. Aber wenn es gut geht kann man halt nette Berichte auf SPON schreiben.
Garda 29.06.2018
4. Die sogenannten ...
Zitat von konibVorbereitung? Zu wenig. Gepäck? Viel zu viel. Ausrüstung? Ein GPS wäre gut gewesen. Wetterkunde? Keine Ahnung. Ich bin in den Bergen aufgewachsen und mein Vater war in der Bergrettung tätig. Genau solche Leute muss man dann unter widrigsten Bedingungen vom Berg holen, weil sie falsch Ausgerüstet, nicht vorbereitet und keine Ahnung von den Verhältnissen haben. Keine Tour, welche über Berge geht, darf man unterschätzen, sonst riskiert man nicht nur sein eigens Leben, sondern auch das anderer. Aber wenn es gut geht kann man halt nette Berichte auf SPON schreiben.
… Halbschuhbergsteiger gab es ja schon immer. Heute ist so ein hirnloses Verhalten allerdings unverständlich, denn so einen Fundus an Informationsmöglichkeiten (egal ob Internet oder in Buchform) gab es vor 20, 30 Jahren nicht annähernd. Aber man reist ja in einer Gruppe, all inclusive, schließlich bezahlt man auch für den Reiseleiter, der alles im Griff hat. Ähnlich wie das rotzfreche Volk, dass im Notfall die Bergrettung per Handy kontaktiert, man möge gefälligst abgeholt werden.
AlbertKnaus 29.06.2018
5. Die Natur und Freundschaften genießen
Ich finde den Beitrag und die Fotos einfach super. In einer 6er Gruppe wollen wir im Juli/August 2019 die Traumroute erleben. Schon 1999 bin ich als "Führer" einer Wanderreitergruppe von München nach Venedig unterwegs gewesen. Sechs Pferde und Reiter, ein Hund, sechs Wochen. Der Weg über den Großglockner war beschwerlich. Jetzt freue ich (75) diese herrliche Natur nochmals erleben zu dürfen und daraus entstehende Freundschaften zu genießen. Eine Frage an Bergwanderer mit Hund: liegen hier Erfahrungen zum Weg und zu den Hüttenunterkünften vor? Ich wünsche allen viel Glück und Berg Heil Albert Knaus Iphofen
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.