Unesco-Welterbe Mont-Saint-Michel Kampf gegen Windräder

Welterbe versus Windkraft: Durch den Bau von Energieparks droht der Klosterinsel Mont-Saint-Michel der Entzug des Unesco-Gütesiegels. Die Anrainer des Wahrzeichens laufen Sturm. Doch Frankreich soll Vorreiter bei der Windenergieerzeugung werden - nach dem Willen von Präsident Sarkozy.

Von , Paris

Corbis

Die Silhouette ziert Keksdosen, Kittelschürzen und Kaffeetassen, kaum ein Bretagne-Bildband oder ein Reiseführer, dessen Titel nicht das unverwechselbare Profil der Insel, der Architektur und seiner Abtei ziert: Der Mont-Saint-Michel, gelegen in der gleichnamigen Bucht zwischen bretonischer Küste und der normannischen Halbinsel Contentin, ist Symbol für eine ganze Region, drittwichtigste Destination Frankreichs und Anziehungspunkt für jährlich drei Millionen Besucher oder Wallfahrer.

Grund genug, den einzigartigen Ort in das Unesco-Verzeichnis des Weltkulturerbes aufzunehmen - jene Liste international bedeutsamer Orte, die dem Schutz der Uno-Organisation für Kultur, Wissenschaft und Erziehung unterstehen. Der Mont-Saint-Michel und der ihn umgebende Meerbusen wurden 1979 in den prestigeträchtigen Katalog aufgenommen. Damals lobten die Juroren die "außergewöhnliche Verbindung von Natur und Architektur", rühmten die "Einzigartigkeit der baulichen Koexistenz von Abtei und Dorf auf dem engen Raum der Insel" und bewerteten die Sehenswürdigkeit als "Hochburg der christlichen Zivilisation des Mittelalters".

So ausgezeichnet hatten die Schirmherren des Ortes streng auf den Erhalt des Stadtbilds und seiner Umgebung geachtet, geplant wurde sogar der Rückbau des künstlich aufgeschütteten Damms, der im Wesentlichen die Parkplätze am Fuß des Mont-Saint-Michel leichter erreichbar macht.

Anrainer empört über Verschandelung historischen Erbes

Doch jetzt droht dem "Schmuckstück der westlichen Zivilisation" der Entzug des wichtigen Unesco-Gütesiegels: Denn im Einzugsbereich um den Mont-Saint-Michel, so rüffelt der Verein Umwelt und Landschaft in der Haut-Bretagne, sei in Sichtweite eine Kette von mindestens 31 Windkraftwerken geplant, oft mit Maschinen von 150 Meter Höhe. Die ersten Turbinen sollen sich bei Argouges drehen, 19 Kilometer von der malerischen Kulisse entfernt. Für die aufgebrachten Anrainer eine Verschandelung des historischen Erbes und der Startschuss für den Bau weiterer seegestützter Windparks.

"Wollen wir einen Nachtclub rund um den Mont-Saint-Michel?", fragt erbost Jean-Louis Butré, Präsident des Umweltverbandes Fédération environement durable (FED). "Selbst aus zehn Kilometer Entfernung sind die Windräder noch zu sehen", zitiert "Ouest-France" den FED-Mann: "Vor allem nachts, wenn sie blinken." Butré glaubt auch zu wissen, was hinter der Entscheidung steckt: "Der enorme Druck der Industriellen - die finanziellen Einsätze sind beträchtlich."

Damit dürfte der FED-Chef allerdings Recht haben. Denn nach dem Willen von Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy soll die Atomstrom-Nation künftig auch Vorreiterin bei der Erzeugung von Windenergie werden. Entlang der Küste, zwischen Ärmelkanal und Atlantik sind fünf Projekte konkret angedacht; zusätzlich zu bereits geplanten Offshore-Windparks.

"Unser Ziel ist die Schaffung einer starken nationalen Branche zur Fabrikation dieser Produkte, auch mit der Absicht, sie zu exportieren", sagte der Staatschef Ende Januar bei einem Abstecher nach Saint-Nazaire. Vorgesehen sind in der ersten Ausbaustufe bis 2015 rund 600 Turbinen mit einer Kapazität von 3000 Megawatt: Das bedeutet Investitionen in der Höhe von zehn Milliarden Euro, die laut Sarkozy 10.000 Arbeitsplätze schaffen werden.

15 Windkraftprojekte rund um die Abtei

Die Pläne rund um den Mont-Saint-Michel sind freilich älter. Insgesamt waren rund um die Bucht elf Windkraftparks vorgeschlagen worden; drei davon wurden vom Département Ille-et-Vilaine verworfen, während die Verantwortlichen im Département Manche vor drei Jahren dem Standort von Argouges zustimmten. Dort sollen nach dem Willen der Gesellschaft Epuron zunächst drei Windräder aufgestellt werden, mit einer Leistung von 6,6 Megawatt und einer Höhe von 99 Metern. "Vergleichsweise kleine Windkraftwerke, die der Besonderheit des Ortes und der relativen Nähe des Mont-Saint-Michel Rechnung tragen", verteidigt sich der Betreiber.

Versuche der lokalen Ortsvereine für Tourismus, Umwelt- oder Denkmalschutz, den Bau der Propellertürme juristisch zu stoppen, wurden in zwei Instanzen abgewiesen. Nur der Staatsrat in Paris hat sich bisher noch nicht zum Einspruch der besorgten Bretonen geäußert. Letzte Hoffnung der Anrainer bleibt daher die Unesco.

Tatsächlich verfolgen die Wächter des Weltkulturerbes mit Argwohn 15 Wind-Projekte - jeweils drei bis acht Anlagen in einem Umkreis von 17 bis 50 Kilometer rund um den Mont-Saint-Michel. Eine erste Anfrage der Unesco-Fachleute im März vergangenen Jahres blieb bislang unbeantwortet. Und auch ein weiterer Termin Anfang dieser Woche verstrich ohne offizielle Stellungnahme. "Es gibt keine öffentliche Erklärung des Kulturministeriums in dieser Frage", sagt Christine de Rouville von der Verwaltung der historischen Liegenschaften im Kulturministerium.

Aus der Unesco-Liste gestrichen?

Die Hinhaltetaktik könnte Sanktionen provozieren. Denn nicht nur der Zustand der Bretagne-Bucht wird von den Inspektoren der Uno-Organisation beanstandet, auch der Status von drei anderen Stätten wackelt: darunter der Hafen von Bordeaux, die Grotte von Lascaux mit ihren vorzeitlichen Höhlenmalereien und die mittelalterliche Stadt Provins.

Sollte die Regierung in Paris sich zu keiner Stellungnahme bereit finden, folgt im schlimmsten Fall der Entzug des Unesco-Siegels. Präzedenzfälle gibt es - zuletzt wurde 2009 wegen eines umstrittenen Brückenbaus in Dresden der Oberlauf des Elbtals von der Liste gestrichen.

Bedeutet das nun schon, dass der Mont-Saint-Michel aus dem Verzeichnis des Weltkulturerbes gestrichen wird? Denkbar ist immerhin, so Unesco-Insider, dass die Denkmalschützer im Dienst der Uno den Ort bei ihrem nächsten Treffen Anfang Juni als "gefährdet" einstufen. Schon das wäre ein empfindlicher Gesichtsverlust für die Kulturnation, die sich rühmt mit 35 registrierten Orten auf dem fünften Platz in der Unesco-Rangliste zu stehen.

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RolandBeck 09.02.2011
1. "Umkreis von 17 bis 50 Kilometer"
Na wenn das jetzt alles ist, was dem SPIEGEL noch gegen erneuerbare Energien einfällt, kann das mit den Windrädern ja nicht so schlimm sein: > "Die ersten Turbinen sollen sich bei Argouges drehen, > 19 Kilometer von der malerischen Kulisse entfernt. > Für die aufgebrachten Anrainer eine Verschandelung > des historischen Erbes..." Die Verwendung des Wortes "Anrainer" bei einem Abstand von 19 Kilometern wäre doch mal ein nettes Thema eine Prüfungsaufgabe im Deutsch-Abitur! > "...jeweils drei bis acht Anlagen in einem Umkreis von > 17 bis 50 Kilometer rund um den Mont-Saint-Michel." Wieviel Kilometer Abstand sollte denn eine Windkraftanlage nach Meinung der sogenannten Anrainer haben? Da könnte der SPIEGEL doch am besten gleich mal bei der EDF, Vattenfall oder EON nachfragen...
baloo55 09.02.2011
2. Die Kraft der Imagination
Wer bei der Unesco entscheidet über den Status „Weltkulturerbe“? Wer sind die Juroren? Jedenfalls vermutliche alte Knacker und Weiber, bar jeglicher Kraft der Imagination. Bei der Aufnahme von Mont Saint Michele rühmten die Juroren noch:„die außergewöhnliche Verbindung von Natur und Architektur“ und dann die Glaskugel drüber, heute gibt es das offenbar nach deren Meinung nicht mehr. Gerade bei den Windkraftwerken, wo sie auch stehen, an der Küste, im Binnenland oder offshore, es ist eine wunderbar anzusehende Ergänzung von, selten mal ursprünglicher Natur, meist Kulturlandschaft und zukunftsorientierter Technologie. Wer da eine Verschandelung sieht, ist rückwärtsgewandt und ohne das Auge und die Vorstellungskraft, die Schönheit dieser Verschmelzung zu sehen. Nicht anders ist es in Dresden, hier kann man die Verantwortlichen nur beglückwünschen, nicht vor diesen gestrigen Weltkulturerbe“bewahrern“ eingeknickt zu sein. Das kann man nur jedem empfehlen, der die Verfügungsgewalt über ein UNESCO „Weltkulturerbe“ hat, sobald die zu mosern beginnen, die Plakette mit einem freundlichen Lächeln zurückgeben. Dem Tourismus schadet es nicht, im Gegenteil, bewirbt man die Symbiose aus Bestehenden, das es zu bewahren gilt, aber nicht mit einer Glaskuppel versehen werden soll, gleichsam einem outdoor – Museum, wo womöglich in Sichtweite nur geflüstert werden darf und der Zukunft der Menschen. Lese ich solche Anmerkungen: "Selbst aus zehn Kilometer Entfernung sind die Windräder noch zu sehen", zitiert "Ouest-France" den FED-Mann: "Vor allem nachts, wenn sie blinken." biegen sich mir die Zehennägel hoch. Mal ganz unabhängig davon, das Mont Saint Michele nachts mangels Licht nicht zu sehen ist und die Blinklichter schon gar nicht stören können. So merkbefreit sind sie eben, die Verhinderer, Bewahrer um jeden Preis, erinnert stark an unsere Grünen.
Gegengleich 09.02.2011
3. ?
Ein Unesco-Welterbe zieht immer auch - oder gerade- Touristen an. Natürlich auch der Mont-Saint-Michel. Ich schätze, wenn Ebbe ist, ist der Touristenparkplatz, der mit PKWs und Bussen vollgestopft ist, knapp 0,5 Quadratkilometer groß. Was sollen da Windkraftanlagen noch verschandeln?
Hador, 09.02.2011
4. Nein, keinen Titel!
Zitat von sysopWelterbe versus Windkraft: Durch den Bau von Energieparks droht der Klosterinseln Mont-Saint-Michel der Entzug des Unesco-Gütesiegels. Die Anrainer des Wahrzeichens laufen Sturm. Doch Frankreich soll Vorreiter bei der Windenergie-Erzeugung werden - nach dem Willen von Präsident Sarkozy. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,744212,00.html
Alle schreien nach Umweltschutz und alternativen Energien, aber doch bitte bloß möglichst weit weg von der eigenen Haustür....dann doch lieber anderswo noch ein paar Kohle- oder Atomkraftwerke bauen. So wichtig ist das mit dem Umweltschutz doch nicht. Im übrigen: Die Windräder stehen laut Artikel 19 km von der Insel entfernt und sind etwa 10 km weit sichtbar.....wo also ist bitte das Problem?
nomadas 09.02.2011
5. Indignez-vous
Bau die Windräder im Aubrac, Massif Central, zwischen Le Puy und Conques, dort hast du Wind und Einsamkeit genug, Nicolas! Höchstens die Jakobspilger werden sich dort empören. Aber lass bitte den Mont Saint Michel in Ruhe, du Zwerg!
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