Ungarns Weinregion Schwere Süße und leichte Frucht

Wein der Könige, König der Weine - so bezeichnete einst Sonnenkönig Ludwig XIV. den goldenen Tokajer. Der Dessertwein wird in einem traditionsreichen Verfahren auf den Weingütern im Nordosten Ungarns hergestellt.


Weingut Disznókö: Im einstigen Presshaus werden regionale Spezialitäten aufgetischt
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Weingut Disznókö: Im einstigen Presshaus werden regionale Spezialitäten aufgetischt

Im Grün der Felder leuchten orange Kürbisse, an den Alleebäumen entlang der Landstraße reifen Äpfel. Im Herbst gleicht die Weinroute in der ungarischen Tiefebene einer Reise durch den Garten Eden. Dort, wo die Weinberge die Talsohle berühren, bedecken riesige Felder mit Sonnenblumen das flache Land.

Mit flinken Fingern sammelt Stephanie Berencz vertrocknete Beeren aus der reifen Traube. In der Kühle des Morgens hat in Tokaj die Lese für den Traditionstropfen Aszú begonnen. Der Likörwein ist das Markenzeichen des Weinviertels Tokaj-Hegyalja, das seit Juni 2002 als Unesco-Weltkulturerbe geschützt ist.

"Pro Tag können unsere Arbeiter jeweils nur sieben bis zehn Kilogramm Trockenbeeren handverlesen einsammeln", sagt Stephanie Berencz, Kellermeisterin bei Disznókö. Das Weingut an den Ausläufern der Zempliner Berge hat als erstes und bislang einziges Weingut der Region sein gesamtes Gelände bewusst für Besucher geöffnet. Der Rundgang beginnt am "Gelben Weinhaus". Hinter der Fassade des einstigen Presshauses verbirgt sich heute eines der besten Restaurants der Region: das Csárda, das regionale Spezialitäten auf der Terrasse und im historischen Innern serviert.

Vorbei an Jahrhunderte alten Trassen mit Pfahlweinstöcken geht es hinauf zu einem Hügel, von hier aus reicht der Blick weit über die 150 Hektar Anbaufläche. Im Tal schimmert die Theiß, im Osten markiert eine riesige Antenne den Kahlenberg, das 515 Meter hohe Herz der Weinregion Tokaj-Hegyalja im Nordosten Ungarns.

Im Gras liegt ein schwarzgrauer Fels. "Dies ist unser Namensgeber 'Disznókö', der Schweinefelsen", erzählt Andros, der deutschsprachige Führer, als er Besuchern das Weingut zeigt. So mancher, dessen Wahrnehmung vom Wein ein wenig getrübt war, habe bereits auf die vermeintliche Sau geschossen, fährt er fort und zeigt auf die Einschusslöcher.

Die Region lebt und liebt Legenden wie diese, ist doch der Tokajer angeblich der älteste Weinname der Welt. Und ein königlicher zugleich: Im Jahre 1703 hatte Fürst Ferenc Rákóczi II. dem französischen König Ludwig XIV. zahlreiche Flaschen von seinem Weingut geschenkt. Voller Lob soll der Sonnenkönig auf Latein gesagt haben: Vinum regnum, rex vinorum - Wein der Könige, König der Weine.

Tokajer nach dem aufwendigen Originalrezept stellen nur noch wenige Kleinbetriebe her. Dabei werden die edelfaulen Trockenbeeren der Rebsorte Furmint per Hand ausgelesen und in gegärtem Most oder Grundwein 12 bis 60 Stunden mazeriert. Nach der Maischestandzeit werden die mit Wein oder Most gefüllten Beeren gepresst, ohne die Kerne zu beschädigen, und der Saft abgelassen. In Fässer gefüllt, reift der Wein mindestens vier Jahre in Tuff-Felsenkellern.

Tokaj-Hegyalja: Die älteste Weinregion Ungarns
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Tokaj-Hegyalja: Die älteste Weinregion Ungarns

Abhängig davon, wie viele "Puttonyos", die mit Trockenbeeren gefüllten Holzbutten, auf ein 136-Liter-Fass Grundwein gegeben wurden, sind zwei- bis sechsbuttige Aszú im Handel. Je mehr Puttonyos das Etikett der Flasche zieren, desto höher ist die Restsüße des Weines und umso geringer der Alkoholgehalt. Nur fünf bis sechs Prozent Alkoholgehalt enthält der Aszú-Escenzia, der reine, über mehrere Jahre vergorene Nektar der Beeren. "Von den Weinen der besten Jahrgänge bewahren wir stets ein paar hundert Flaschen Essenz für Sammler auf", sagt Laszló Mészáros, seit 1995 Direktor des Weingutes Disznókö.

Die guten, reifen Trauben des Furmint, die nicht von der Edelfäule des Botrytis-Pilz überzogen sind, werden zu fruchtig-frischem, trockenem Weißwein verarbeitet. Große, lindenblättrige Blätter sind das Erkennungszeichen vom Hárslevelü, einer ungarischen Rebsorte mit großen und lockeren Fruchttrauben, die dem Wein einen duftigen und sanften Charakter verleihen. Früh reifender Gelber Muskatteller ist nur auf zwei Prozent der Anbauflächen zu finden. Zurückgekehrt ist auch der Fedör-Rotwein: 1999 pflanzte András Kanczler, Kellermeister von Tokaj Hetszölö, erstmals wieder neue Köveszölo-Rebstöcke, die zuvor der Rebenplage Phylloxera zum Opfer gefallen waren. Rotwein darf in der Weinregion sonst nur zu Versuchszwecken angebaut werden.

Wie bei Disnókö, ist auch im Keller von Tokaj Hetszölö eine Weinprobe nur in Verbindung mit einer Besichtigung möglich. In den 24 unterirdische Gängen des 700 Jahre alten Rákóczi-Kellers des Weinguts reifen Tokajer Aszú und Szamorodni in ihren Eichenfässern heran. Die Gänge münden in einen riesigen Saal, gut fünf Meter hoch, zehn Meter breit und 28 Meter lang. Hier wurde 1526 der ungarische König János Szapolyai gewählt.

Tokaj-Hegyalja ist Ungarns älteste Weinregion. Bis auf das Jahr 290 nach Christus geht ihre Geschichte zurück, belegt das Tokaj-Museum mit Exponaten rund um den Wein und den Weinbau. Die Tokajer Weinstraße führt zu den bedeutendsten Weinorten. Nur 28 Gemeinden mit einer Anbaufläche von insgesamt 5500 Hektar dürfen die Appellation "Tokaj" benutzen.

Immer wieder säumen unterwegs Schilder mit der Aufschrift "Bor" den Straßenrand: Hier gibt es Wein direkt vom Erzeuger. Andere Winzer haben ihre Felsenkeller geöffnet und einige Flaschen auf einen Stuhl gestellt, der die Kellertür hält. Ein Zettel mit Bleistiftnotizen dient als Preisliste, ein Kästchen als Kasse. Der Winzer dreht währenddessen seine Runden auf einem niedrigen Minitraktor, lockert den Boden, düngt und sprüht.

Von Hilke Maunder, gms

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