Belle-Île in der Bretagne: Tintenklecks im Atlantik

Boulespielende Männer, weiß getünchte Kirchen: In Belle-Île ist die Welt noch in Ordnung. Wanderer können die Insel vor der bretonischen Küste auf einem Küstenweg erkunden, Fußfaule flitzen im Cabrio von Bucht zu Bucht. Eine Stippvisite bei Marktfrauen und Meeresspinnen.

Belle-Île in der Bretagne: Motivsuche am Felsen Fotos
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Le Palais - Die Polsterlandschaft aus Grasbüscheln scheint nur darauf zu warten, dass man sich der Länge nach ausstreckt. Am besten auf dem Rücken, um die Möwen in der Luft zu beobachten. Wer es sich an einem leichten Abhang gemütlich macht, hat einen freien Blick über die Felsbrocken, an denen die Wellen sich brechen und weiße Schaumflocken tanzen lassen. Die Steilküste verläuft so unregelmäßig wie die Ränder eines Tintenflecks. In den tiefen Einschnitten verbergen sich idyllische kleine Sandbuchten.

Faul im Gras zu liegen und die Landschaft anzuschauen ist ein guter Weg, um sich dem Rhythmus von Belle-Île anzupassen. Auf der größten der bretonischen Inseln lebt es sich langsam. Wer schnell große Strecken zurücklegen will, ist hier falsch. Belle-Île ist nicht mal 20 Kilometer lang und an der breitesten Stelle knapp neun Kilometer breit. Dafür gibt es aber immerhin 59 Strände, unter ihnen auch solche, die gerade einmal Platz für zwei Handtücher bieten und nur durch waghalsige Kletterpartien erreichbar sind.

Mit mächtigem Tröten kündigt sich die Fähre an, die Pendler und Urlauber in den Hauptort Le Palais bringt. Kurz vor der schmalen Hafeneinfahrt drosselt das Schiff seine Geschwindigkeit und gleitet zwischen den beiden kleinen Leuchttürmen hindurch, einer mit grünem, der andere mit rotem Hütchen. Die Kaimauern strecken sich dem Besucher wie ausgebreitete Arme entgegen, als wollten sie ihn willkommen heißen.

Wanderung zum Felsenkliff

Kaum hat man Inselboden unter den Füßen, scheint der Alltag weit weg, am Festland zurückgeblieben. Belle-Île lässt sich auf einem Küstenweg erwandern. In vier bis fünf Tagen käme man einmal um die ganze Insel herum. Wer nur ein langes Wochenende bleibt, wird sich einzelne Abschnitte aussuchen. Der Weg führt durch kleine Pinienwälder mit hochgewachsenem Farn, in denen es nach würzigem Harz duftet. Ein Kuckuck ruft ausdauernd seinen eigenen Namen.

Der Blick aufs Meer ändert sich immer wieder: Mal geht es am Rand des Felsenkliffs entlang, und die Wasseroberfläche schimmert in unzähligen Blautönen. Dann geht es plötzlich steil hinunter, unvermutet tut sich ein hübscher Sandstrand auf. Bei Ebbe bleiben große Felsbrocken zurück, mit schwarzen Muscheln und hellgrünen Algen dekoriert. Rundgeschliffene Kiesel liegen dort, als warteten sie nur darauf, von Kennerhand geschleudert über das Meer zu hüpfen.

Um mehr von der Insel zu sehen, gibt es zwei Möglichkeiten: Fahrräder leihen oder einen Mietwagen. Wer nicht strampeln will, sollte den Autoverleih im Hafen von Le Palais ansteuern. Er hat winzige Zweisitzer-Cabrios im Angebot, die an Autoscooter auf der Kirmes erinnern. Daneben gibt es auch Citroën Méharis, Jeeps mit dem Motor eines 2CV, in denen man sich wie Tim und Struppi im Kongo fühlt.

Inseltour im Autoscooter

Wir entscheiden uns für ein tiefliegendes Cabrio, das weder ein Dach noch Türen hat. Zwischen den Sitzen und der Straße beträgt der Abstand nur ein paar Zentimeter. Das quietschgelbe Auto lacht uns freundlich an: Die runden Scheinwerfer sind hochgestellt, darunter prangt ein aufgemalter grinsender Mund. Ja, es sieht albern aus - aber es macht fürchterlichen Spaß, damit durch die Gegend zu fahren.

Mit Wind im Haar geht es nach Sauzon, dem Ort im Norden der Insel. Die Entfernungen sind übersichtlich, kaum ist der vierte Gang getestet, rollt der gelbe Miniflitzer schon im Hafen ein. Weiße Yachten schaukeln auf dem Wasser, zartgrüne Fischernetze liegen am Kai. Eine einzelne Marktfrau verkauft fangfrische Hummer und Meeresspinnen, deren Scheren und Beine sich wie in Zeitlupe bewegen.

Im Café am Fuß des Leuchtturms trifft man späte Frühstücker, die Café crème und Croissants genießen, sowie frühe Apéro-Liebhabern, die mit Weißwein anstoßen und Erdnüsse knabbern. Sauzon anschauen heißt, in der Sonne am Bistrotisch zu sitzen, den Blick schweifen zu lassen und das Nichtstun zu genießen.

Promis auf Belle-Île

Der nördlichste Zipfel der Insel mit seinem weiß-roten Leuchtturm hat sich so weit ins Meer hervorgeschoben, dass er nur bei Ebbe zu erreichen ist. Die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt (1844-1923) hatte sich die Pointe des Poulains zu ihrem Rückzugsort fern des Pariser Glitters und Glamours erkoren. Damals dauerte die Zugfahrt von Paris noch zwölf Stunden, vom Boot aus ließ sie sich von starken Helfern ans Land tragen.

"Jedes Jahr will ich auf diese malerische Insel zurückkommen und ihre wilde Schönheit genießen. Unter dem belebenden Himmel finde ich neue Schaffenskraft", schrieb Bernhardt, die als berühmteste Schauspielerin ihrer Zeit galt. Sie ließ eine Villa bauen, in die sie Künstler, Intellektuelle und sogar den englischen König Edward VII. einlud.

Das Spielzeugauto springt mit einem Rucken an, was eine Gruppe von Schulkindern amüsiert. Die Fahrten von einem schönen Ort zum nächsten dauern kaum länger als 20 Minuten. In Bangor, dem einzigen größeren Ort im Landesinneren spielen mehrere alte Männer Boule. In Locmaria am Südzipfel steht die älteste Kirche der Insel, klein, trutzig und weiß getüncht. Viele Häuser sind im bretonischen Stil gebaut, mit kleinen Fenstern, anthrazitfarbenen Dächern und Giebeln, die als Schornstein enden.

Im Abendlicht erreichen wir Le Palais, wo auf den Terrassen der Cafés schon der Aperitif getrunken wird. Ein junger Mann spielt Gitarre und singt dazu, in Deutschland würde man es Schlager nennen, auf Französisch klingt es irgendwie charmanter. Die übrige Abendunterhaltung besteht darin, sich erst zwischen den Restaurants und dann zwischen den Angeboten auf der Speisekarte zu entscheiden.

Frischer Fisch und salzige Butter sind die beiden Grundzutaten auf Belle-Île, und daraus lassen sich unglaublich leckere Gerichte zubereiten. Dazu ein frischer Rosé, zum Abschluss ein flambierter Crêpe - und das Inselglück ist perfekt.

Ulrike Koltermann, dpa

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1.
wachsamesholzauge 18.04.2012
Es ist wieder diese Jahreszeit... Belle-Île-en-Mer: Wo die Bretagne swingt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,761726,00.html)
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