Bobfahren in Innsbruck: Hopp, hopp, hopp, hopp!

Von Steve Przybilla

Mit 120 Stundenkilometern durch den Eiskanal: Die Abfahrt auf der Innsbrucker Bobbahn dauert nur eine knappe Minute. Wagemutige Touristen denken in dieser Zeit häufig nur an das Eine - das hoffentlich baldige Ende des rasanten Adrenalinkicks.

Innsbrucker Bobbahn: Presswurst im Eiskanal Fotos
Olympiaworld Innsbruck

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Jetzt gibt's kein Zurück mehr. Ein Mann mittleren Alters greift noch schnell zum Flachmann, um sich Mut anzutrinken. "Nur zur Stärkung", flüstert er mit verlegenem Grinsen, als ihn die anderen Touristen bemerken. Die meisten sind jedoch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Einen Fuß vor den anderen setzen, durchatmen, bloß nicht zu viel nachdenken. Das Ziel des Fußmarsches liegt auf 1100 Meter Höhe: die Startstation der Innsbrucker Bobbahn.

"Keine Sorge, es kann überhaupt nichts passieren", beruhigt Robert Manzenreiter seine Schützlinge. Der 46-Jährige fuhr früher als Rennrodler in der österreichischen Nationalmannschaft. Heute kümmert er sich um Adrenalin-Junkies, die nicht den Wettkampf, sondern den Temporausch suchen. "Das geht so schnell, dass Sie's kaum noch mitkriegen", sagt Manzenreiter und deutet auf die steilste Kurve der Strecke. Da wird man sogar der vierfachen Erdbeschleunigung ausgesetzt.

Das Publikum ist gemischt. Viele Österreicher, ein paar Deutsche, einige Amerikaner. Joseph Suttmann stammt aus Ohio, wohnt aber seit 30 Jahren in Salzburg. "Ich habe Freunde zu Besuch, die das unbedingt mal ausprobieren wollten", erzählt der Amerikaner. Euphorisch hält er seine rote, in Plastik geschweißte Pappkarte in der Hand. Sie gibt die Reihenfolge an, nach der die Teilnehmer starten. Aufgeregt? "Noch nicht", sagt Suttmann, "kommt aber noch."

Kurz vor der Abfahrt. Wie fühlt es sich wohl an, mit 120 km/h eine vereiste Röhre runterzubrettern? "Einfach nur geil", ruft ein Mann, der es vor Jahren schon einmal ausprobiert hat. "Aber man merkt schnell, wozu ein Helm gut ist." Was er damit meint, will er nicht kommentieren. "Ich verrate doch nicht vorher den ganzen Spaß."

Presswurst im Geschwindigkeitsrausch

Ehe er ausgeredet hat, springt die Ampel auf Grün. Zusammen mit einem weiteren Fahrgast, einem Lenker und einem Bremser beginnt die Fahrt. Mit Handschuhen, Helm und dicker Winterhose drängen sich die Insassen in dem engen Gefährt, zusammengequetscht wie eine Presswurst. Diejenigen, die es noch vor sich haben, klatschen und rufen von der Startplattform: "Hopp, hopp, hopp, hopp!"

Langsam nimmt der Bob Fahrt auf. Nachdem ihn Manzenreiter angeschoben hat, gleitet er zunächst sanft vor sich hin. Die Ruhe vor dem Sturm. Ein wenig wie in der Achterbahn. Doch mit jedem Zentimeter auf dem Eis ruckelt es ein bisschen mehr. Dann ist auch schon die erste Kurve zu sehen. Oder ist es ein Looping? Gar nicht so leicht zu sagen, denn plötzlich versagt die Orientierung. Links, rechts, oben, unten? Von jetzt auf gleich rast der Bob so schnell, dass es einem den Atem verschlägt.

Keiner sagt ein Wort. Festgekrallt an den Haltegriffen versuchen die Gäste, die Tortur zu überstehen. Warum tut man sich so was an? Keine Zeit zum Nachdenken, die nächste Kurve naht. Wieder ruckelt es abrupt, der Helm schlägt mehrmals gegen Hülle des Gefährts. Dieses schießt nun wie ein Torpedo nach unten. Bäume, Zuschauer, Geräusche - alles verwischt, alles verschwimmt. Nur nicht die Hoffnung: Bitte lass es schnell zu Ende gehen!

Nach 58 Sekunden ist alles vorbei. Die Knie schlottern, doch das Selbstbewusstsein kehrt zurück. Wie Olympioniken werden die Amateurfahrer am Ziel begrüßt. Kameras klicken, Jubel brandet auf. Sogar eine Urkunde gibt es für jeden, der sich auf die vereiste Strecke gewagt hat. "Verwechseln Sie bei der Heimfahrt nur nicht die Autobahn mit der Bobbahn", ruft Manzenreiter den euphorisierten Hobbysportlern nach. Einige strömen ins Café, um vom Geschwindigkeitsrausch runterzukommen.

"Der Kick ist immer noch da!"

Wo sich heute Touristen ins Getümmel stürzen, traten einst die Besten der Welt gegeneinander an. Schon 1935 richtete Innsbruck eine Bob-Weltmeisterschaft aus. Nach mehreren tödlichen Unfällen in der Zielkurve wurde der Eiskanal aus Sicherheitsgründen zunächst jedoch wieder gesperrt. Das Comeback kam mit den Olympischen Winterspielen von 1964, gefolgt vom Bau der kombinierten Bob-, Rodel- und Skeleton-Bahn in den siebziger Jahren.

Seither ist die Sportstätte in Betrieb - keine Selbstverständlichkeit, wie Ruinen in etlichen anderen Olympia-Austragungsorten belegen. Zwar wird die Innsbrucker Bobbahn noch immer hauptsächlich sportlich genutzt. In der Zwischenzeit kommen aber auch die Touristen zum Zug. Billig ist dieser Spaß nicht. Für weniger als eine Minute Highspeed im Rennbob sind pro Person 95 Euro fällig. Der historische Gästebob, in den bis zu fünf Mitfahrer gleichzeitig passen, kostet 30 Euro.

Die meisten Lenker, die mehrmals täglich die 1270 Meter lange Strecke abfahren, waren früher selbst aktive Sportler. So wie Sepp Kienast. "Der Kick ist immer noch da", sagt der 55-Jährige. "Wenn's einmal losgeht, wird nicht mehr gebremst. Die Nähe zur Bande, der Druck in den Ohren, die Konzentration - das ist fantastisch." Viele Piloten machten sich noch heute einen Spaß daraus, ihre Zeiten zu vergleichen.

Halten das die Bob-Novizen überhaupt aus? "Keine Frage, es entstehen enorme Fliehkräfte", bestätigt Bahnchef Manzenreiter. "Passiert ist dabei aber noch nie etwas." Gesundheitlich Angeschlagene müssten allerdings aufpassen: Wer Herz-Kreislaufprobleme oder Wirbelsäulenschäden hat, darf nicht mitfahren. "Wer das beherzigt, hat einfach nur Spaß. Die Leute sind am Ende voll aufgedreht."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
Wickerl 22.01.2013
Ich bin da auch schon mal runtergefahren. Das war wirklich super! Leider viel zu kurz.
2.
MrSnoot 22.01.2013
Zitat von sysopIm österreichischen Innsbruck fanden 1964 und _1967_ die Olympischen Winterspiele statt
Eine echte Sensation - die Winterolympiade im Dreijahresrhythmus ;-)
3. Kann ich nur bestätigen...
flyforcash 22.01.2013
...hatte das Glück mit dem Vizeolympiasieger runterrasen zu dürfen und es war vieeeel zu schnell vorbei. Achterbahn ist ein laues Lüftchen gegen die Zielkurve. Ich kann mir nicht vorstellen davon genug zu kriegen, vor allem wenn man sich ein wenig dran gewöhnt hat und das Ganze noch bewußter erleben kann.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Österreich-Reisen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
  • Zur Startseite

swiss-image.ch
Haben Sie schon von Frau Montblanc oder vom Sennentuntschi gehört? Die Alpen liegen zwar vor unserer Haustür, doch sie stecken voller Geheimnisse. Testen Sie Ihr Berg-Wissen im Reise-Quiz von SPIEGEL ONLINE!
Reiseziele

Welche Weltregion interessiert Sie? Wählen Sie einen Kontinent oder ein Land:

Der benötigte Flash Player 8 wurde nicht gefunden. mehr...