Usedom In die Meerestiefe gondeln

Um Touristen anzulocken, lassen sich deutsche Urlaubsregionen immer spektakulärere Attraktionen einfallen. Auf Usedom hat jetzt ein gewiefter Ingenieur eine ausgefallene Idee verwirklicht: In einer Tauchgondel schickt er Besucher in die Unterwasserwelt der Ostsee.


Zinnowitz - Liegt vor Usedom wirklich das versunkene Vineta? Die Vorpommersche Landesbühne lässt die reiche Stadt, die der Sage nach am Geiz ihrer Einwohner zugrunde gegangen sein soll, Jahr für Jahr am Strand von Zinnowitz wieder aus den Fluten steigen. Wer der Sache selbst auf den Grund gehen will, kann das erstmals in diesem Sommer tun. Denn in diesen Tagen wird vor dem Seebad eine Tauchgondel installiert, die einen Blick in die Unterwasserwelt der Ostsee erlaubt.

Strand in Koserow: Usedom sucht nach neuen Wegen im Tourismus
DPA

Strand in Koserow: Usedom sucht nach neuen Wegen im Tourismus

Noch liegt die türkisfarbene Gondel auf der Seebrücke. Wie in einer riesigen Wasserperle spiegelt sich die Sonne in den mannshohen Scheiben. Zuerst musste das Zentralrohr in den Meeresboden gerammt werden, an dem die Taucherglocke wie ein Fahrstuhl nach unten und oben gleiten soll. Fünf Meter gehe es hinunter, sagt Konstrukteur Andreas Wulff. Keine Schwindel erregende Tiefe, aber doch genug, um Licht einschalten zu müssen. Mit großen Scheinwerfern soll die Umgebung der Tauchergondel erleuchtet werden, um den Besuchern Flora und Fauna auf dem Ostseegrund präsentieren zu können.

Der Ingenieur wollte eine Attraktion für die touristische Entwicklung seines Heimatorts schaffen. "Mit Bettenburgen allein lockt man keinen Urlauber her", war seine Ausgangsüberlegung. Ausgehend von den anderenorts errichteten Glastunneln suchte Wulff eine neue Möglichkeit, trockenen Fußes in die Unterwasserwelt einzutauchen. Es sei doch verlockend, mal nachzusehen, was vor Zinnowitz auf dem Grund der Ostsee liegt.

Unterwasserwelt mit künstlichem Riff

Das Berliner Otto-von-Guericke-Institut gewährte Wulff Geld, um die Idee ingenieurtechnisch durchzurechnen. In weiteren vier Jahren führte sein Ingenieurbüro das Vorhaben zur Produktionsreife. Die Verwirklichung des Vorhabens konnte beginnen, als auch das Schweriner Wirtschaftsministerium das Vorhaben für förderungswürdig hielt. "Im Tourismus sind innovative Projekte gefragt", sagte Minister Otto Ebnet (SPD). "Das Unterwassermodul bedient den Trend, exklusives Flair mit Erlebnisangeboten zu verbinden", hieß es in der Förderzusage. Für den Betrieb der Gondel wurden zudem zwei Arbeitsplätze geschaffen.

Jeweils bis zu 24 Besucher werden in der sieben Meter breiten Gondel Platz finden. Das Rohr, an dem sie in die Tiefe gelassen werden, steckt zehn Meter im Meeresboden und ragt noch elf Meter aus dem Wasser heraus. Von der Ursprungsidee, um das Tauchmodul herum eine versunkene Stadt zu bauen, ist Wulff inzwischen abgerückt. Stattdessen soll ein künstliches Riff den Schaulustigen ostseetypische Fauna und Flora präsentieren. Auf einer 2,6 Meter mal 2 Meter großen Leinwand werden 3D-Filme aus der Unterwasserwelt Tasmaniens vorgeführt. 30 Minuten soll ein Tauchgang dauern, vielleicht auch länger, je nachdem wie spannend das Unterwasserleben sein wird.

Wenn das Unterwassermodul ankommt, sind weitere Aufträge gesichert. Wulff träumt von einem weltweiten Vertrieb seines Patents. Möglich sei der Bau von Gondeln gleichen Typs für bis zu 80 Besucher und bis zu 20 Metern Tiefe, sagt der Ingenieur.

Edgar Offel, ddp



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.