Usedom Narbe am Inselstrand

Ein Jahr nach der Osterweiterung ist Usedom immer noch geteilt: Im Westen leben Deutsche, im Osten Polen. Mit dem EU-Beitritt Polens hätte sich einiges verändern können. Doch Insel-Interessengruppen und die Politik spielen da nicht mit. Die Grenze bleibt dicht.

Von Sebastian Christ


 Usedom: Nur mit dem Fahrrad nach Polen
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Usedom: Nur mit dem Fahrrad nach Polen

Der Nordwind bläst schäumende, kniehohe Wellen an den Sandstrand. In Berlin regnet es, auch in Köln, Hamburg und Frankfurt. Auf Usedom strahlt die Sonne, weil sich das aufgequollene Wolkenmeer über das Wassermeer zurückgezogen hat und nun kranzförmig vor der Küste liegt. In Ahlbeck flirrt die heiße Luft, und das Nachbarland Polen scheint von der berühmten Seebrücke aus gesehen wie eine Fata Morgana am Horizont zu schweben. Die Felsen von Misdroy zeichnen sich ab, im Hafen von Swinemünde arbeiten Containerkräne, und im Radio laufen mehr polnische als deutsche Sender. So nah ist das Nachbarland. So fern ist Polen doch.

Will man vom schicken Ahlbeck mit dem Auto in die Nachbarstadt jenseits der Grenze fahren, dauert das drei Stunden: 300 Kilometer über Neubrandenburg, Prenzlau und Stettin. Grenzkontrolle und Fährfahrt inklusive. Der einzige Grenzübergang auf der Insel ist geschlossen - für den Autoverkehr. Nur Fußgänger und Radfahrer dürfen hier passieren.

Es bleibt dabei: Usedom ist wie Zypern und Irland eine der letzten geteilten Inseln Europas. Bei Ahlbeck treffen zwei Länder aufeinander, die trotz Osterweiterung und Aussöhnungsbemühungen immer noch nicht so recht zusammengehören wollen. Zwar hat sich in den vergangenen 15 Jahren schon einiges getan. Aber eben noch nicht genug. Auf Usedom zeigt sich unter Laborbedingungen, wo das deutsch-polnische Verhältnis noch Entwicklungsschwierigkeiten hat. Die Probleme prallen in der Mitte zusammen. Am Grenzübergang.

Eine Insel, zwei Meinungen. Die Polen: "Weder ich noch die anderen Einwohner von Swinemünde können mit dem jetzigen Zustand leben." Das sagt Janusz Zmurkiewicz. Er ist Bürgermeister der polnischen Stadt. Hier leben 43.000 Menschen, so viele wie in allen anderen Gemeinden und Städte im deutschen Teil Usedoms zusammen. "Es ist traurig, aber die Entscheidung über die Grenzöffnung liegt nicht bei uns", sagt er und fügt fast resignierend hinzu: "So bleibt die Insel künstlich geteilt. Wenn es nach mir ginge, würde ich schon morgen die Grenze für den Autoverkehr öffnen. Man braucht doch keine Investitionen, man müsste nur den Schlagbaum aushängen."

Fähren blubbern, wo Brücken sein sollten

Die Swinemünder leben in einer Exklave: Ihre Stadt hat keine Straßenverbindung zum Festland. Fähren blubbern durch die Swine und bringen Menschen und Autos an das Ostufer, nach Pommern. Früher, vor mehr als 60 Jahren, gab es mal eine Brücke. Da war Swinemünde noch deutsch. Kurz vor Kriegsende wurde sie gesprengt, für Ersatz hat niemand gesorgt.

Zmurkiewicz lobt die Zusammenarbeit mit seinen deutschen Kollegen. Er sagt: "Wenn es die Schwierigkeiten mit der Öffnung des Grenzübergangs nicht gäbe, hätten wir gar keine Probleme in unserer Zusammenarbeit." Auf Usedom lobt man sich seit der Osterweiterung oft und viel, und tatsächlich hat sich das Verhältnis schon verbessert. Es gibt gemeinsame Stände auf Tourismusmessen, eine zweisprachige Fahrradkarte und eine ganze Reihe von Kooperationen zwischen Hoteliers und Fremdenführern auf beiden Seiten. Sogar ein kleiner Europabus fährt von Deutschland nach Polen. Doch der muss jedes Mal an der Grenze anhalten und umkehren. Die Fahrgäste gehen dann zu Fuß nach Polen, um dort auf ihren Anschlussbus zu warten.

Swinemünde: Das Tor zur weiten Welt
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Was es nicht gibt, das sind gemeinsame Gremien, in denen man sich abstimmen und Probleme lösen könnte. Denn in den entscheidenden Fragen hat sich bisher nicht viel getan. Swinemünde hätte fast nur Vorteile durch eine Grenzöffnung: eine Verkehrsanbindung ans deutsche Straßennetz, mehr Verkehr am Fähranlieger, größere Chancen bei Tagestouristen. Auf der deutschen Seite sieht man das freilich anders. Die kleine Inselstraße ist heute schon verstopft. Und was wäre, wenn plötzlich Brummis durch die drei noblen Strandbäder brettern würden? Da hört die Völkerverständigung auf.

Keine Brummis in den feinen Strandbädern

Die Deutschen: "Ich bin strikt gegen den überregionalen Transitverkehr und erst recht auch dagegen, dass wir hier Schwerlastverkehr auf der Insel haben", sagt Gerd Schulz, Vorsitzender des Usedomer Tourismusverbandes. Schulz besitzt ein Hotel in Kölpinsee, von dem aus er mit ein wenig Weitblick bis aufs pommersche Festland schauen kann. Er verkündet: "Die Zukunft dieser Region liegt in einer grenzübergreifenden deutsch-polnischen Region." Schulz vertritt die Interessen eines Verbands und fürchtet einen Verkehrskollaps. Unrecht hat er damit nicht, auch wenn das die Polen nicht so offen sagen.

Schulz ist kein Anti-Europäer. Im vergangenen Jahr hat er am Ahlbecker Strand mit den Polen zusammen die Osterweiterung gefeiert, vor ein paar Monaten war er auf einer Tourismusmesse dabei, um die Marke "Usedom" zusammen mit polnischen Kollegen zu bewerben. In Neubrandenburg bei der IHK sagt man über ihn, dass er sehr viel für die Völkerverständigung tue. Er sagt, dass das nicht immer leicht sei.

"Es gibt hier auf der Insel zwei Auffassungen", sagt er. "Die einen sagen, dass wir uns mit dem EU-Beitritt Polens stärker abkapseln sollten, weil die Konkurrenzsituation sich verschärft." Er selbst zählt sich zu den anderen. "In der Osterweiterung liegt eine große Chance." Zwischen den beiden Standpunkten liegt viel Misstrauen und die Furcht vor den unbekannten Nachbarn "von drüben". Obwohl am Strand von Usedom die polnischen Arbeitskräfte als Bademeister oder Reinigungskräfte sogar schon gezielt angeworben werden, sitzt die Angst tief, dass Swinemünde sich mit EU-Mitteln herausputzen könnte. Pessimisten fürchten, dass die polnische Nachbarstadt dann billiger, urbaner und strukturstärker werden könnte als die kleinen deutschen Inselgemeinden. Da kann Schulz immer wieder erzählen, dass Swinemünde, touristisch gesehen, mit dem Heilbädergewerbe einen ganz anderen Schwerpunkt hat.

Selbst nach 50 Jahren noch Angst vor den Deutschen

Der größere Westteil der Insel hat sich in den letzten Jahren zu einer der beliebtesten Ferienregionen an der Ostsee entwickelt. Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin, die drei alten Kaiserbäder an der Grenze, sie sind frisch renoviert und ziehen vor allem das ältere, kaufkräftige Publikum an. Die Ferienhäuser tragen meist Frauennamen aus der wilhelminischen Zeit: "Aurelia", "Elisabeth", "Alice". Die Fassaden sind in weichen Pastellfarben gehalten, auf den Kapitälen der Eingangssäulen ranken Eichenzweige aus Gips. Es gibt Leute, die nennen Usedom das "Sylt des Ostens".

Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin haben Tradition als Strandbäder. Jahrzehnte lang galten sie als "Badewanne Berlins". Es gab eine direkte Zugverbindung in die Hauptstadt, viele angesehene Bürger aus Berlin und dem ganzen Kaiserreich hatten auf Usedom Ferienhäuser. Rudolf Virchow, Johann Strauß, Heinrich Mann - sie alle verbrachten ihren Urlaub hier. Sogar Kaiser Wilhelm II. kreuzte öfters mal mit seiner Yacht vor Usedom.

Während der Zeit des DDR-Regimes verfielen die meisten der reich geschmückten Jugendstilvillen. Erst nach der Wende wurden sie mit Millionenmitteln saniert.

Swinemünde, das ist der Ostteil Usedoms. Zwar liegt die Stadt westlich der Oder-Neiße-Linie, trotzdem wurde sie gemeinsam mit Stettin auf der Potsdamer Konferenz den Polen zuerkannt. Von Sylt ist hier nicht viel zu spüren. Einige Straßenzüge sind schon restauriert, trotzdem wirkt die Stadt ein wenig trister als Ahlbeck. Es gibt einen Tiefseehafen mit dickbäuchigen Frachtern, mausgrauen Kriegsschiffen und Schnellbooten der Hafenpolizei. Von Swinemünde aus kann man mit der Fähre nach Skandinavien fahren. Es riecht hier viel eher nach weiter Welt als nach Sommerbadespaß. In den späten vierziger Jahren wurden hier polnische Vertriebene aus der heutigen Ukraine angesiedelt. "Die hatten selbst 50 Jahre später noch Angst gehabt, sie müssten ihre Häuser irgendwann mal wieder verlassen", sagt Schulz. Im deutschen Teil Usedoms wiederum leben viele vertriebene Swinemünder. Manche von ihnen schauen ab und zu in der alten Heimat vorbei. Andere waren seit 1945 nie wieder dort.

Seebrücke auf Usedom: Sichtkontakt mit den neuen, alten Nachbarn
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Die Entscheidung über eine mögliche Grenzöffnung liegt bei den Regierungen in Warschau und Berlin. Demnächst will die rot-rote Landesregierung in Schwerin ein neues Verkehrskonzept vorstellen, auf das nun alle gespannt warten. Der Tourismusverband hatte schon vor einiger Zeit einen eigenen Kompromissvorschlag erarbeitet: Zwar soll die Grenze bei Ahlbeck geschlossen bleiben. Dafür könnten dann im Inselsüden am neuen Grenzübergang Garz nicht nur Busse passieren, wie bisher geplant, sondern auch Autos.

Außerdem fordern Schulz und seine Mitstreiter, dass die private Inseleisenbahn bis nach Swinemünde ausgebaut wird. Doch das sorgt für Widerstand in Polen, wo eine öffentliche Förderung des Projekts abgelehnt wird. "Der Staat darf nicht als Investor auftreten. Die Usedomer Bäderbahn als Profiteur kann das selbst finanzieren", sagt Bürgermeister Zmurkiewicz. Weiterer Zwist ist programmiert.

Sorgen vor Schengen

Dabei wäre ein gemeinsamer Zukunftsplan für beide Seiten von Interesse. Fördermittel der EU fließen wohl nur dann im großen Stil, wenn Deutsche und Polen zusammenarbeiten. Und dann wäre da noch Schengen. "Wir müssen das Problem lösen, bevor die Grenze durch den Beitritt Polens zum Schengener Abkommen automatisch geöffnet wird. Spätestens dann, wenn der erste Unternehmer klagt", sagt Gerd Schulz. "Sonst haben wir hier ein richtiges Problem mit dem Verkehr. Ganz ohne Vorbereitung."

Während die Usedomer noch diskutieren, erobert die Natur das Grenzland zurück. Wo früher die streng bewachte Ostgrenze der EU war, ist abseits des Ahlbecker Fußgängerübergangs nur noch Verfall. In dicken, unregelmäßigen Röllchen hat sich der Stacheldraht vor Rost zusammengekräuselt, abgeplatzt von den Befestigungen, ohne Halt, nicht reparierbar. Die Betonpfosten, an denen er einst aufgespannt war, stehen nackt in der Landschaft. Sie wirken nutzlos, werden nur noch meterweise von einzelnen Stolperdrahtbahnen umschlungen. In der Mitte, im Niemandsland, zieht sich eine straßenbreite Sandgrube, die regelmäßig mit einem Rechen durchzogen wird, damit man Fußspuren sehen kann. Tatsächlich gibt es den ungehinderten Grenzverkehr schon: Hasen und Vögel tappen regelmäßig und ohne Kontrolle von Polen nach Deutschland.



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