Val di Vara Tarzan-Tour in Italiens grünstem Tal

Einmal wie Tarzan durch den Wald schwingen, in zwölf Meter Höhe über eine Schlucht sausen: Das ligurische Hinterland lädt zu abenteuerlichem Vergnügen in der Wildnis ein. Das Val di Vara ist noch nicht so überlaufen wie die nahe Küste der Cinque Terre - außerdem reisen Urlauber mit "grünem Gewissen".

Christian Haas

"Das 'Hotel der Cinque Terre' - so nannte man das Val di Vara früher", erzählt Walter Filattiera. Der weißbärtige Mann mit dem dünnen Pferdeschwanz weiß, wovon er spricht. Seit Jahren nimmt er hier, in seinem Casale del Ben Essere oberhalb von Brugnato, Urlauber auf.

"Die Leute schliefen im Val di Vara, weil es noch freie Zimmer gab und diese billiger waren. Und dann pendelten sie täglich ans Meer, ohne sich für die Umgebung zu interessieren. Doch das ändert sich gerade."

Das Vara-Tal, grün, stark zerklüftet und unverbaut, positioniert sich zunehmend als eigenständige touristische Region. "Viele Urlauber sind erstaunt, dass Ligurien nicht nur Meer zu bieten hat, sondern Berge, Flüsse, dichte Wälder. Es gibt eben auch das andere Ligurien." Als Vorsitzender des Vereins L'Altra Liguria ist Filattiera genau darum bemüht, diese anderen Facetten aufzuzeigen.

Er selbst macht das mittels Wassersport rund um die Vara. Von Oktober bis Mai bietet Filattiera mit dem Centro Sport Avventura Raftingtouren an. Wenn dann zwischen Sesta Godano und Brugnato selbst die vorab vereinbarten Wasserschübe der Schleusenwärter nicht mehr helfen, genug Feuchtigkeit unter die Boote zu bekommen, verlegt Filattiera sich im Sommer aufs Canyoning.

Naturverbundenere Typen steigen für eine Tour aufs Pferd - oder aufs Fahrrad. Wanderer finden mit dem Ligurischen Höhenweg einen echten Weitwander-Geheimtipp vor, garantiert ohne das Gedränge des Küstenklassikers "Numero 2", dem Wanderweg, der die Dörfer Riomaggiore und Monterrosso al Mare verbindet. Aufgrund der heftigen Schlammlawinen im Herbst 2011 sind hier manche Abschnitte noch immer schlecht oder gar nicht passierbar. Im rund 30 Kilometer entfernten Vara-Tal waren nur die Gemeinden Brugnato und Borghetto Vara betroffen - zur Freude aller, die nicht den touristischen Rummel, sondern Ruhe suchen. So wie Annemarie und Peter aus Gauting.

Einfaches und genussvolles Leben

Seit 15 Jahren urlauben sie regelmäßig in der von Nereo Giani und Lucia Marelli betriebenen Azienda Agrituristica Giandriale bei Tavarone di Maissana. Die beiden Steinhäuser liegen noch weiter ab vom Schuss als andere Betriebe, der letzte Kilometer über Schotter lässt Neulinge an der Richtigkeit des Weges durchaus zweifeln. Doch die Ankunft ist umso schöner, inklusive Panoramablick auf das wilde Seitental, das sich die Natur zurückerobert hat. Während viele Bewohner keine Zukunft mehr in den schwierig zu bewirtschaftenden Hanglagen sahen, wagte das Mailänder Ehepaar Giani-Marelli genau den gegenläufigen Schritt und eröffnete einen Agriturismo-Betrieb. Den ersten in der Region.

Statt auf Pool und anderen Luxus setzten sie weiter konsequent auf das Thema Natur und bauten vor einigen Jahren den Parco Avventura Val di Vara, der vor allem von Tagesgästen benutzt wird. Stets doppelt gesichert hangeln sich dann Trapezkünstler durchs Geäst, über über Brücken und an Tarzan-Lianen. Zum Abschluss der drei Hochseilstrecken, die sich auf bis zu zwölf Metern über dem Boden befinden, können Wagemutige an einer Karabiner-Seilbahn über eine kleine Schlucht sausen.

"Der Kletterpark ist ein voller Erfolg", bilanziert Giani. Auch ein pädagogischer, denn "Kinder und Jugendliche aus der Stadt haben nicht so viele Möglichkeiten, draußen zu sein. Die atmen hier richtig auf." Und langen bei der anschließenden Verköstigung richtig zu. Im Haupthaus warten regionale Spezialitäten: Pilze, Honig, Salami, Gemüsetorte. Stolz verkündet Giani: "Alles, was bei uns auf den Tisch kommt, ist selbst angebaut." Peter und Annemarie schwärmen: "Man schmeckt einfach, dass alles ökologisch bewirtschaftet ist." Das gilt selbst für die extensiv gehaltenen Rinder, die maximalen Freilauf auf den Almwiesen genießen.

Erste Gemeinde Europas mit EU-Öko-Zertifikat

Für seine Ökolandwirtschaft ist das gesamte Val di Vara berühmt. Insbesondere der Hauptort Varese Ligure, dessen hübscher historischer Dorfkern in den vergangenen Jahren aufwendig restauriert wurde, hat sich einen Namen gemacht. Vom heruntergekommenen Hinterlandnest gelang die Wandlung zur ersten Gemeinde Europas mit einem Öko-Zertifikat der EU. Möglich machten das engagierte Bewohner und Bürgermeister(innen), die sich auf ihre biologischen Traditionen und 100 Prozent erneuerbare Energien besinnen. Das kommt vor allem bei deutschen Touristen gut an, in Zeiten, in denen Umweltbewusstsein und Fokussierung auf regionale Spezialitäten an Bedeutung gewinnen.

Zum Beispiel die Croxetti di Varese al battuto di pinoli, handgemachte Nudeln, die ihren eigenen Stempel in den Teig aufgedrückt bekommen. Der letzte Holzstempelmacher, der dieses Handwerk beherrscht, ist Pietro Picetti, der auch spontanen Besuchen nicht abgeneigt ist. Und während Picetti verschiedene Hölzer in seine Fräsmaschine einspannt, erzählt er, dass die Stempelnudeln nur zu ganz festlichen Anlässen gegessen werden und dass in Varese Ligure jede Familie ihren eigenen Stempel, ihr eigenes Dekor oder Wappen besitzt.

Für Touristen fertigt er freilich auch welche an. Wie das geht? "Zuerst zeichne ich einen Entwurf des Musters auf den Stempel und langsam, ganz langsam nehme ich mit der Maschine Holz weg." So entstehen unter seinen Händen die Formen. "Die ältesten Muster stammen vermutlich aus dem Mittelalter, ich habe welche aus dem 16. und 17. Jahrhundert gefunden und mich glatt in die Stempel verliebt."

Gleich in die ganze Gegend verliebt haben sich nicht nur Nereo Giani und Lucia Marelli, sondern auch immer mehr Touristen. So wie Annemarie und Peter, die seit Jahren wiederkehren. Doch von einem großen touristischen Boom will Bürgermeisterin Michela Marcone nun auch nicht sprechen: "Was wir hier bieten, wird nie solche Massen anlocken wie die Dörfer am Meer, aber die Kombination ist sicher interessant für manche Urlauber." Ob sie sich denn im Hinterland den Cinque Terre überhaupt verbunden fühlen? "Ja, wir gehören schon irgendwie zusammen, aber unser Tal ist der arme Teil der Familie. Immer noch."

Weitere Informationen
Turismo La Spezia (Infos auch auf Deutsch)
www.turismoprovincia.laspezia.it/it/localita/val-di-vara

Agenzia regionale Promozione Turistica "In Liguria", Via Roma 11/3, I-16123 Genova Tel. 0039/010/530821,
www.turismoinliguria.it

Azienda Agrituristica Giandriale: Loc. Giandriale, 5, Tavarone di Maissana, Tel. 0039/0187/840279,
www.giandriale.it;
DZ/F ab 60 Euro.

Il Casale del Ben Essere: Località Bozzolo, Brugnato, Tel. 0039/0187/896617,
www.agriturismoilcasaleonline.com;
DZ/F ab 90 Euro.

Christian Haas/srt



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Seite 1
liguria360 23.08.2012
1. In der Tat....
...das Val di Vara ist zu empfehlen. In Tavarone hat im Sommer ein kleines Schwimmbad geöffnet, die Hostaria mit guter ligurischer Hausmannskost ist das ganze Jahr über geöffnet.
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