Reiseboom Den Isländern wird das zu viel mit den Touristen

Fußball-Nationaltrainer Heimir Hallgrímsson würde die Zahl von Island-Touristen gern begrenzen. Er ist damit nicht allein: Viele empfinden den Reiseboom nach Reykjavík als zu viel des Guten.

Ragnar Th Sigurdsson

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Gut möglich, dass auch Heimir Hallgrímsson, der populäre Trainer der isländischen Fußballnationalmannschaft, zu dem Missstand, den er zurzeit öffentlich beklagt, sein Teil beigetragen hat: Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Reisenden nach Island steil. Und den bisher größten Schub erfuhr Islands Tourismussektor im Jahr 2016 - nachdem Islands Nationalmannschaft Europa begeisterte. Seitdem ist der gemeine Isländer im öffentlichen Bewusstsein fest als freundlicher Geselle gebucht. Da könnte man mal hinfliegen, sagen sich immer mehr Touristen, da hat man seinen Spaß: "Hu!"

Hallgrímssons Freude darüber hält sich in Grenzen. "Ich finde, wir sollten ein 'Ausverkauft'-Schild am Flughafen haben, bis wir bereit sind, mehr Menschen aufzunehmen", zitiert ihn die Deutsche Presse-Agentur. "Jeder kommt nach Island, um sich die Natur anzusehen, und wir zerstören sie, indem wir sie mit Menschen überfrachten."

Der Tourismus, gesteht Hallgrímsson zu, sei zwar wichtig für sein Land. Dass er aber pro Jahr um "20 bis 30 Prozent" wachse, hält er für gefährlich.

Mit solchen Befürchtungen ist er nicht allein. Im Jahr 2001 kamen 296.000 Besucher nach Island. 2015 waren es rund 1,3 Millionen. Gerade einmal acht Monate brauchte es in diesem Jahr, diese bisherige Höchstmarke mit bis August 1,4 Millionen Besuchern einzustellen. Island hat knapp 336.000 Einwohner. Im August kamen auf drei Isländer zwei Touristen - und das sind nur die Reisenden, die per Flugzeug ankamen. Addiert man Kreuzfahrten hinzu, verdoppelte der Tourismus zeitweilig die Bevölkerung von Reykjavík: Per Schiff kamen 2015 erstmals mehr als 100.000 Touristen.

Das klingt tatsächlich nach einem Problem, denn letztlich lebt das Image Islands vom Nimbus der Einsamkeit. Seit 2013 liegen die jährlichen Zuwächse der Besucherzahlen über 20 Prozent, und sie steigen noch immer. In diesem Jahr, da hat Hallgrímsson recht, dürften sie bei über 30 Prozent landen. Das Problem daran: Island kann auch nicht ohne den Tourismus.

Seit 2012 ist die Reisebranche die mit Abstand wichtigste Einnahmequelle der Insel. 31 Prozent aller Deviseneinkünfte erwirtschaftete im Jahr 2015 der Tourismus - fünf Jahre zuvor war diese Quote noch etwa halb so hoch. Für die isländische Wirtschaft, die wie keine andere Ökonomie in Europa von der Bankenkrise gebeutelt worden war, war dies das Überlebenselixir: Allein von 2010 auf 2014 stieg die Zahl der im Tourismus beschäftigten Isländer von rund 15.000 auf über 21.000.

Heimir Hallgrímsson
DPA

Heimir Hallgrímsson

Die meisten Besucher zieht es noch immer in der kurzen Sommersaison von Juni bis August nach Island. Doch auch das verändert sich gerade merklich: Im März 2016 kamen fast halb so viele Besucher wie im Juli, und in keinem Monat waren es weniger als 63.000 (Januar 2016). Auf den Sommer entfallen nur noch 40 Prozent der Besuche.

Denn die höchsten Zuwachsraten erlebt die Branche zurzeit außerhalb der Hauptsaison: Im Oktober 2015 kamen 49 Prozent mehr Besucher nach Island als im Jahr davor. Besonders beliebt ist das karge Eiland zurzeit bei Amerikanern, deren Zahl sich zuletzt um über 50 Prozent erhöhte. In den besucherstärksten Monaten Juli und August waren Islands Bettenkapazitäten in jeder Region zu mindestens 75 Prozent ausgebucht. In der Hauptstadt Reykjavík, wo sich die meisten Touristen tummeln, werden im Sommer die Betten knapp.

Das klingt, als liefe Island über - aber so weit ist es dann doch nicht. Im 237 Quadratkilometer großen Thingvellir-Nationalpark, der populärsten Touristenattraktion Islands, verlaufen sich in der Hauptsaison rund 1280 Besucher am Tag. Das ist nicht mehr einsam, aber auch weit entfernt von einer Besucher-Stampede.

Trotzdem steht Heimir Hallgrímssons Meinung durchaus für die Stimmung im Land.Die isländische Tourismusbehörde wollte es genau wissen und ließ repräsentativ nachfragen: Rund 56 Prozent der Isländer würdigen demnach zwar die positiven Effekte, die der Tourismusboom für das Land hat. 75,7 Prozent meinen aber auch, dass der Druck der Besucher zu groß sei für Islands Natur. Den Boom zu nutzen, ohne dabei dessen Grundlage zu zerstören, das wird in den nächsten Jahren auch in Island eine Herausforderung sein.

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